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Ost Migrantinnen gestalten Kunstausstellung
Hannover Aus den Stadtteilen Ost Migrantinnen gestalten Kunstausstellung
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00:16 01.06.2013
Foto: Bettina Kahle vom Kulturtreff, Kuenstlerin Inge-Rose Lippok und Anna Mariani (v.l.n.r.) stellen die Bilder in der Markuskirche vor.
Bettina Kahle vom Kulturtreff, Kuenstlerin Inge-Rose Lippok und Anna Mariani (v.l.n.r.) stellen die Bilder in der Markuskirche vor. Quelle: Michael Wallmueller
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Hannover

Die beiden Türbretter sind mit roter Farbe bemalt. Eines zeigt Herzen und ein Liebesgedicht, das andere ist über und über mit dem Wort „Liebe“ verziert. Ana Mariani aus Moldawien hat das Kunstobjekt gestaltet und damit versucht, ihr Lebensmotto zu illustrieren, wie sie sagt. Sie gehört zu einer Gruppe von 13 Frauen mit Migrationshintergrund, die mit der hannoverschen Künstlerin Inge-Rose Lippok an dem Projekt „Ich bin kein unbeschriebenes Blatt“ gearbeitet haben. Die Türbretter stehen dabei für überdimensionale, aufgeschlagene Buchseiten, die jeweils einen Teil der Lebensgeschichte der beteiligten Frauen in Wort und Bild widerspiegeln sollen. Die Ergebnisse der Arbeit sind jetzt in der Lister Markuskirche zu sehen.

Lippok hatte die von ihr geplante Kunstaktion im Februar 2012 im Kulturtreff Roderbruch vorgestellt und um Teilnehmerinnen geworben. Kulturtreffleiterin Bettina Kahle war begeistert von der Idee. „Es klang von Anfang an spannend“, sagt sie. Für die ausländischen Frauen sei die Teilnahme eine Chance, sich mit ihrer Lebenssituation auseinander zu setzen und sie anderen Menschen vorzustellen. Der Kulturtreff und der städtische Fachbereich für Bildung und Qualifizierung förderten das Kunstprojekt mit rund 6000 Euro. So konnten die Frauen von Juli vergangenen Jahres bis März jeweils ihre „Lebensbücher“ gestalten. Türbretter und Malmaterial wurden aus dem Fördergeld finanziert.

In den Kunstwerken verarbeiten die Migrantinnen ihre Erlebnisse

Zunächst wurde jeden Montag drei Stunden im Atelier von Inge-Rose Lippok in der Lister Lortzingstraße gearbeitet. Nach der Sommerpause traf sich die Gruppe in der Malwerkstatt des Kulturtreffs Roderbruch. In ihren Bildern setzen die Migrantinnen ihre zurückgelassene Heimat und die Vergangenheit ebenso künstlerisch um wie ihre Hoffnungen und Erwartungen für die Zukunft. „Mir war wichtig nicht einzugreifen. Die Frauen sollten ihre Ideen selbst darstellen“, sagt Lippok. Sie wolle mit dem Projekt Menschen Kunst näherbringen, die sich bisher kaum damit beschäftigt hätten, meint die Künstlerin. Das Ganze hat aber auch einen Nebeneffekt, wie Ana Mariani erzählt, die die roten Türen mit den Herzen gestaltet hat. „Die Aktion ist eine Art Therapie. Wir können in den Kunstwerken unsere Erlebnisse verarbeiten“, sagt die 40-Jährige.

Mohnblumen als Symbol für Krieg und Frieden

Manche Teilnehmerinnen haben auf ihren „Buchseiten“ traurige Geschichten zu erzählen. Die 36-jährige Lindita etwa, die 1999 den Krieg im Kosovo miterlebt hat, malte Mohnblumen. „Sie blühen in meiner Heimat überall und stellen sowohl Kriegs- wie auch Friedenssymbole dar.“ Noorhajan aus Afghanistan hat ebenfalls den Krieg in ihrer Heimat erfahren. Im Alter von zehn Jahren wurde sie verschüttet und musste ums Überleben kämpfen. Beide Frauen wollen ihre Nachnamen nicht nennen. Inge-Rose Lippok ist jedoch vom Mut aller Teilnehmerinnen des Kunstprojektes begeistert, sich in ihren Bildern zu öffnen. „Nicht jeder traut sich, seine tiefsten Ängste und Sorgen öffentlich zu machen.

Seit Pfingsten sind die als Buchseiten gestalteten Türbretter in der Markuskirche ausgestellt, Pastor Bertram Sauppe hat das Gotteshaus gern zur Verfügung gestellt. Aufgrund der guten Erfahrungen mit dem Projekt möchte die Künstlerin es nun weiterführen - und so werden sich künftig noch einige unbeschriebene Blätter mit Lebensgeschichten füllen.

Die Ausstellung „Ich bin kein unbeschriebenes Blatt“ ist noch bis Sonntag, 16. Juni, in der Markuskirche, Lister Platz, Oskar-Winter-Straße 7, zu sehen. Geöffnet ist sie dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Verena Gassmann