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Ost Die Oststadt in neuen Formaten erzählen
Hannover Aus den Stadtteilen Ost Die Oststadt in neuen Formaten erzählen
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12:00 28.10.2018
Büro für Wunsch-Werte im Pavillon mit Nico Quelle: Thomas Kaestle, Nico Franke
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Oststadt

67,7 Prozent der Passanten in der Oststadt grüßen zurück. Das behauptet das Büro für Wunsch-Werte, das in den ersten drei Oktoberwochen das Kulturzentrum Pavillon als Ausgangspunkt für seine „Performative Stadtteilstatistikaktion“ nutzte. Die freien Theatermacher Jonas Feller, Judith Franke und Lisa Großmann waren mit ihrem Konzept vom Theater im Pavillon eingeladen worden, neue künstlerische Formate zwischen Bühne und öffentlichen Räumen zu suchen.

Schlafende und Hundehaufen

Also hatten sie sich vorgenommen, sich die Oststadt zu erzählen. Mit Formularen, Klemmbrettern, Klickern und Stoppuhren ermittelten sie die Anzahl unterschiedlichster Dinge: Spielplätze, Sitzbänke, Orte, an denen Musik zu hören ist, schlafende Menschen, Straßen mit Kopfsteinpflaster, erleuchtete Fenster am Morgen, Kioske oder Hundehaufen. Die Ideen dafür sammelten die Künstler bei den Oststädtern, die auf kleinen Formularen Zählaufträge erteilen konnten.

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„Das brachte die Menschen oft dazu, neu darüber nachzudenken, was in ihrer Nachbarschaft von Interesse sein könnte“, sagt Feller. Zudem erzählen die Kategorien viel über Erwartungen. Wer kleine Läden zählen lässt, sieht darin vielleicht eine Stärke der Oststadt, wen die Zahl der Geschäftsaufgaben interessiert, der hat wohl Angst vor dem Verlust dieser Stärke. Das Büro für Wunsch-Werte hat übrigens 189 kleine Läden gezählt – und 4,2 Geschäftsaufgaben.

Mit Formularen, Klemmbrettern, Klickern (Bild) und Stoppuhren ausgestattet, erschließen sich die Künstler die Oststadt. Quelle: Thomas Kaestle, Nico Franke

Wie zählt man 0,2 Geschäftsaufgaben? Es handelt sich um eine Hochrechnung von Ergebnissen, die die Künstler in fünf als repräsentativ festgelegten Zählgebieten ermittelten. Eine Vorgehensweise, die bei Statistiken üblich ist. „Wir spielen aber auch damit, wie sich Fakten darstellen lassen, wie mit Zahlen eben auch immer das erzählt wird, was im Interesse eines Auftraggebers liegt“, sagt Großmann.

Auch bei der Aufteilung der Oststadt in Zählgebiete baten die Künstler Passanten um Hilfe. „Was für unterschiedliche Oststädte könnte es geben, wie empfinden die Menschen ihre Stadt individuell?“, fragt Franke. Es geht um persönliche Lebensrealitäten und die Aneignung des Stadtraums. Auf die verteilten Kartenkopien haben Oststädter Stichworte notiert: „Moderne Familien“, steht da, „japanische Musikstudenten“ oder „Schickimicki“.

Zu viele Verbotsschilder?

„Wir entlassen unsere Zahlen jetzt in die Freiheit“, sagt Franke bei der Eröffnung einer kleinen Ausstellung im Pavillon. Großmann ergänzt: „Zusammenhänge müssen die Oststädter selbst herstellen – um eigene Erzählungen daraus zu entwickeln oder Handlungspotenzial abzuleiten.“ Gibt es genug Spielplätze? Hochgerechnet wurden 12,6. Zu viele Verbotsschilder? Hochgerechnet: 781,2. Genug Anschlussmöglichkeiten für Fahrräder? Die hochgerechnete Anzahl 974,4 steht einer anderen gegenüber: 3670,8 abgestellten Fahrrädern.

Dass etwa zwei Drittel der Oststädter einen freundlichen Gruß auf der Straße erwidern, inspiriert eine Ausstellungsbesucherin: „Das habe ich mitten in der Stadt noch nie gemacht, das werde ich gleich mal ausprobieren.“

Das Büro für Wunsch-Werte wird auf seiner Facebook-Seite ab Montag, 29. Oktober, jeden Tag eine im Projekt ermittelte Zahl veröffentlichen.

Auf die verteilten Kartenkopien haben Oststädter Stichworte notiert: „Moderne Familien“, steht da, „japanische Musikstudenten“ oder „Schickimicki“. Quelle: Thomas Kaestle, Nico Franke

Von Thomas Kaestle

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