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Ost Reden und reden lassen
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14:30 09.04.2014
Mut zur Mimik und Gestik: Beim Sprechchor werden Texte und Gedichte zu kleinen Inszenierungen. Quelle: Moers
Hannover

Das Sprechen gehört zum Menschsein dazu. Doch nach Ansicht von Engelbert Georg gibt es gewaltige Unterschiede dabei, was herauskommt, wenn die Zunge in Aktion ist. Für den Gründer des Sprechchors Hannover existieren das alltägliche Geplauder und das kunstvolle Sprechen sozusagen unabhängig voneinander - wobei er von sich sagt, dass er das Letztere perfektioniert hat. „Die Alltagssprache ist wie ein Geräusch im Vergleich zum musikalischen Wesen der kunstvollen Sprache“, befindet Georg in seiner sehr eigenen Sichtweise. Vor 23 Jahren hat er mit diesem Sendungsbewusstsein den Sprechchor „WortOrt“ gegründet. Der ungewöhnliche Chor rezitiert große Lyrik: Goethe, Ringelnatz und Schwitters. Vor allem aber pflegt er eine seltene - und auch etwas seltsame - Kunst.

„Lange Stangen lagen am Anger. La-a-a-ange Stangen la-agen am Anger“, tönt es durch die Aula der Johanna-Friesen-Schule in der List. Die Mitglieder des Sprechchors haben sich in einem Kreis aufgestellt und wiederholen die scheinbar unsinnigen Worte wie ein Mantra. Beim Sprechen achten sie konzentriert auf den Rhythmus und den Klang jedes einzelnen Wortes. Es handelt sich um eine Aufwärmübung - derart bringen auch Schauspieler und Sänger vor einem Auftritt ihre Stimmen auf Betriebstemperatur. Chorleiter Georg beobachtet die Gruppe, dann tritt er vor und übernimmt mit klaren Ansagen die Probe. „Die Frauen: tiefer runter! Die Männer: geformter sprechen!“, fordert er. Georg stellt sich in die Mitte des Kreises und beginnt selbst, Übungssätze vorzusprechen. Bei jedem Wort macht er eine Geste, die das Gesprochene unterstreichen soll. Es wirkt, als ob sein ganzer Körper im Rhythmus der Sprache schwingt.

Die Dichtung habe eine „ganz gewaltige“ Wirkung, sagt Georg. „Die kunstvolle Sprache kann zu einem tiefen, umfassenden Erlebnis werden.“ Der 63-Jährige leitet den Sprechchor nicht nur, er schreibt auch die „Kompositionen“ für die Gruppe. Weil es für Gedichte allerdings keine Noten gibt, hat er eine Art eigene Notation erfunden. Sie besteht aus drei Linien, darin wird jeweils notiert, mit welcher Stimme ein Wort gesprochen wird. Am tiefsten ist der Unterfußton, in der Mitte gibt es den Brustton, und oben liegt der Oberkopfton. Diese Bezeichnungen stammen ebenfalls von Georg. Entsprechend der Töne hat er zum Dirigieren spezielle Gesten entwickelt, die an eine Mischung aus Gebärdensprache und klassischem Dirigat erinnern. Der Anspruch des Sprechchors ist es, die künstlerische Essenz eines Gedichtes zum Leben zu erwecken.

Diese Essenz scheint indes so mancher ruhig schlummern lassen zu wollen: Vor einigen Jahren hatte der Verein mehr als hundert Mitglieder. Es gab eigene Kinder- und Jugendabteilungen, man kooperierte mit Schulen. Die Gruppe hatte Auftritte im Sprengel Museum, im Kunstverein und auf der Weltausstellung im Jahr 2000. Doch seit einigen Jahren sinken die Mitgliederzahlen, mittlerweile sind nur noch um die 25 Aktive übrig. Insbesondere die Jugend macht sich rar. Dabei hatte Georgs Konzept den Sprechchor immer als Mehrgenerationenprojekt vorgesehen. Einige Stücke sind sogar nur für Kinderstimmen komponiert. „Das ist schon etwas komisch, wenn wir die dann als Erwachsene sprechen müssen“, beklagt die 64-jährige Diethild Becher, die seit sieben Jahren dabei ist. Die Gruppe hofft, in Zukunft wieder mit Schulen zusammenarbeiten zu können. Aber auch erwachsene Mitglieder werden gesucht, für Neugierige finden regelmäßig offene Chorproben statt.

„Wirbel, Wasser, Wolken, Häuser - fallen Bäume, fallen Brücken - Wirbel, Wasser, Wolken, Massen“, erklingt es in der Aula der Johanna-Friesen-Schule. Einmal in der Woche probt der Sprechchor sein aktuelles Programm. Darunter auch das Lautgedicht „Regen“ von Kurt Schwitters. Damit ist der Chor im vergangenen Jahr beim Neujahrsempfang der Stadt im Neuen Rathaus aufgetreten. Schwitters Lautgedichte sind eine Spezialität des Chors. Schließlich erschuf der hannoversche Dadaist mit seiner berühmten Ur-Sonate im Jahr 1923 einen Meilenstein der avantgardistischen Dichtkunst.

Die Mitglieder des Sprechchors haben sich so positioniert, dass sie einen Halbkreis bilden. Zu manchen Gedichten gibt es so etwas wie eine rudimentäre Choreografie, es wird kräftig im Rhythmus mit den Füßen auf den Boden gestampft. Man kann das Schwitters-Gewitter beinahe spüren. Dennoch nimmt Georg immer wieder Korrekturen vor oder gibt seinen Mitstreitern Tipps. Obwohl der Sprechchor eine Freizeitbeschäftigung ist, sind sie hier alle mit spürbarem Ernst bei der Sache.

Diethild Becher ist durch ein Werbeplakat auf den Chor aufmerksam geworden. „Ich habe mich auch erst einmal gefragt, was es mit einem Sprechchor wohl auf sich hat“, erinnert sie sich. Nach einigen Proben stellte sie dann fest, dass der Chor genau das war, wonach sie lange gesucht hatte. „Ich habe mich schon immer gern mit Sprache beschäftigt, aber singen war nicht meins“, sagt die ehemalige Grundschullehrerin. Hier, im Chor, sei sie immer wieder aufs Neue erstaunt zu hören, was aus einem Text bei der Rezitation entstehen kann.

Der Chor beschäftigt sich aber nicht nur mit avantgardistischer Lyrik, auch Klassiker stehen bei den Sprachfreunden auf dem Programm. „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn - Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“, zitiert Georg aus dem Stegreif Goethe. Dabei muss er lachen. „So redet doch kein Mensch. Man würde sagen: Ich war im Urlaub in Italien.‘“ Aber darin bestehe eben die besondere Qualität der kunstvollen Sprache, mehr zu transportieren als die reine Information. Der Sprechchor Hannover will da gern der Lieferant sein.

Kontakt

Wer sich für die Arbeit des Sprechchors interessiert oder an einer Probe teilnehmen möchte, kann sich an Chormitglied Thomas Weller wenden - entweder unter Telefon (01 73) 3 25 95 14 oder per E-Mail an weller-thomas@web.de.

Von Mario Moers

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