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Ricklingen Wo bleibt der Lachs aus der Leine?
Hannover Aus den Stadtteilen Ricklingen Wo bleibt der Lachs aus der Leine?
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11:34 21.12.2016
Von Conrad von Meding
Oliver Schaper vom Sealife-Center hilft gemeinsam mit der Naturschutzjugend beim Aussetzen. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Zwölf Kilogramm war der Lachs schwer, den Fischer aus der Leine bei Alfeld südlich von Hannover zogen. Das war unter der Regierung des Fürstbischofs Friedrich Wilhelm (1761 bis 1789), und schon damals war ein derart schwerer Lachs die Ausnahme. Eigentlich ist die Leine eher ein Gewässer für Hechte, Barsche, Aale und Karpfen, aber auch Störe und eben Lachse wurden dort gefangen. Seit der Industrialisierung ist das vorbei: Die Flüsse wurden mit Chemikalien verseucht, die Durchlässigkeit mit Wasserkraftturbinen verbaut: Der Lachs, der als Jungtier in den Atlantik wandern und als geschlechtsreifes Tier zum Laichen zurückkehren muss, gilt in der Leine als ausgestorben.

Trotz des bislang geringen Erfolgs wird unermüdlich weiter ausgesetzt. Erst in der vergangenen Woche haben Aktivisten vom Lachs-Zentrum in Gronau an der Leine, vom hannoverschen Show-Aquarium Sealife und sogar Nachwuchskräfte der Naturschutzjugend (Naju) 1000 Junglachse in die Freiheit entlassen. Mit einem speziellen Fisch-Autoanhänger brachte Günter Ohnesorge vom Verein Leine-Lachs die etwa fünf Zentimeter großen Tiere in die Ricklinger Masch. Dort, wo die Ihme noch ein kleiner Bach ist, bevor sie sich am Schnellen Graben mit Leinewasser vermischt, füllte er gemeinsam mit dem Chefbiologen des Sealife-Centers, Oliver Schaper, und den Jugendlichen die Jungfische in Eimer, bevor sie Portion für Portion ins Flusswasser schwimmen durften.

Man könnte das lyrisch beschreiben als „in die Freiheit entlassen“, aber die Realität im Wasser sieht anders aus. Hechte warten auf leichte Beute, Barsche, Zander und andere Raubfische stellen den flinken Jungfischen nach, die aus Aquakulturen ohne Feinde stammen und deshalb die Orientierung in einem natürlichen Gewässer erst lernen müssen. Ein Jahr, eher zwei Jahre lang bleiben die Fische im Flusssystem von Leine und Ihme. Dann sind sie zehn bis 15 Zentimeter groß, verlieren ihr Jungkleid und werden silbern, heißen Smolts und beginnen ihre große Wanderung zum Atlantik. Auch dabei sind sie gefährdet: Lachse wandern oberflächennah, dort sind sie eine leichte Beute für den Kormoran, der sie in Massen frisst. „Von 100 Junglachsen erreichen maximal zehn die Nordsee“, sagt Sealife-Vertreter Schaper.

Flussabwärts Richtung Atlantik, durch Leine, Aller, Weser und Nordsee können die Lachse viele Hindernisse überspringen. Kehren sie aber nach einigen Jahren als ausgewachsene Fische zurück, dann stellen sich ihnen Hindernisse in den Weg. Das größte ist derzeit ein Wasserkraftwerk in Bremen, das wie eine Barriere fast die komplette Weser versperrt. Andere Hindernisse sind mit sogenannten Fischtreppen (Wehr Herrenhausen) oder Umflutgewässern (Schneller Graben, Döhrener Wolle) passierbar gemacht worden. Am Landtag dagegen, im Innenstadtarm der Leine, gibt es keine Chance auf ein Durchkommen für Wanderfische - Anglerverbände und andere Naturfreunde fordern deshalb auch dort den Einbau einer Fischtreppe.

„Einzelne Fische haben es in den vergangenen Jahren immer mal wieder bis Hannover und sogar südlich davon geschafft“, sagt Andy Krüger, oberster Gewässerwart im Fischereiverein Hannover, der zu den Gründungsvereinen von Leine-Lachs gehört. In Herrenhausen, sogar in Sarstedt wurden ausgewachsene Lachse gemeldet, die wahrscheinlich über den Schnellen Graben aufgestiegen sind und sogar das Wehr bei Schulenburg überwunden haben. In Neustadt am Rübenberge, also weiter leineabwärts, werden bereits häufiger Lachse gefangen, vor einigen Jahren sogar ein Exemplar von stolzen 88 Zentimetern Länge. Aber auch Meerforellen werden inzwischen häufiger gefangen - auch sie benötigen die Durchgängigkeit der Flüsse, um zum Laichen aus dem Meer aufsteigen zu können.

Bei den Lachsen haben die Fischfreunde inzwischen ihre Strategie geändert. Wurden früher meist Smolts ausgesetzt, so werden heute nur noch jüngere Tiere ausgewildert, die zunächst ein bis zwei Jahre im Flusssystem bleiben. „Die Wissenschaftler meinen, dass eine längere Prägung im Ursprungsgewässer wichtig ist, damit sie den Weg aus dem Atlantik besser zurückfinden“, sagt Krüger. Wie dieser Orientierungssinn über Tausende Kilometer funktioniert, weiß niemand. Aber dass er funktioniert, dafür sind die vereinzelten Rückkehrer lebende Beweise. Und wer weiß schon, wie viele von den 1000 Junglachsen wiederkommen, die seit November in der Leine schwimmen.

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