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Süd Die Schlachten in Wülfel
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Die Schlachten in Wülfel
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13:20 23.01.2014
Von Margret Jans-Lottmann
Die Comicfigur Spiderman klettert einen Pfosten hoch. Quelle: Mario Moers
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Wülfel

Wülfel. „Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, die waren alle Brüder, denn sie waren aus einem alten zinnernen Löffel gemacht worden.“ Mit diesen Worten beginnt Hans Christian Andersens Märchen vom standhaften Zinnsoldaten, der sich im Kinderzimmer eines kleinen Jungen in eine Tänzerin verliebt. Vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert waren die kleinen Figuren aus Zinn ein beliebtes Kinderspielzeug. Zu Zeiten Friedrichs des Großen und Napoleons wurden mit ihnen die Kriege im Kinderzimmer nachgespielt. Zinnsoldaten entsprachen auch den Bildungsidealen der damaligen Gesellschaft, in der das Militär ein hohes Ansehen genoss. Durch das Nachstellen der Schlachten konnten die Jungen bereits früh militärisches Verständnis lernen, um später selbst tapfere Zinnsoldaten zu werden.

Zinnsoldaten sind längst aus den Kinderzimmern verschwunden. Heute sind es Erwachsene, die sich für Zinnfiguren begeistern. Dazu gehört auch Peter Teich aus Wülfel. Der 61-Jährige hat sich schon als Kind für den Modellbau begeistert. Später entdeckte er seine Liebe zu den Zinnfiguren. Inzwischen besitzt Teich mehr als 6000 davon. Die Palette reicht vom römischen Legionär über Ordensritter bis hin zu Spiderman und Erich Honecker, dem einstigen DDR-Staatschef. Stünde Andersens berühmter Zinnsoldat mit anderen seiner Gattung auf Teichs Fenstersims, hätte er für Romanzen wohl kaum noch Zeit. In zahlreichen liebevoll gestalteten Schaukästen, in Regalen und in jeder Ecke werden unentwegt bedeutende Kämpfe ausgetragen.

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Wenn in Teichs Wohnzimmer die Ritter des Deutschen Ordens nach mehr als 600 Jahren noch einmal in die Schlacht bei Tannenberg ziehen, dann stimmt nicht bloß die Kampfaufstellung der kleinen Zinnsoldaten. Auch an den Rüstungen sind jedes Wappen und jedes Scharnier bis ins Detail genau. Den Zinnfiguren-Fan interessiert die große Weltgeschichte - und daran vor allem das kleinste Detail. Freunde kulturhistorischer Zinnfiguren sind selten geworden und bedroht, selbst zu Relikten der Kulturgeschichte zu werden. Es gibt nicht mehr viele wie Teich.

Sieht Peter Teich im Fernsehen einen historischen Spielfilm oder eine Dokumentation, dann packt ihn das Fieber. Dann will er mehr über die Zeit und die Ereignisse erfahren und beginnt zu recherchieren. In seinen Bücherregalen stehen zahlreiche Bücher über historische Ereignisse, Waffen, Uniformen und Trachten. „Rüstungen und Kriegsgerät im Mittelalter vom achten bis zum fünfzehnten Jahrhundert“ ist eines davon. „Zinnfreunde nehmen es genau mit der Geschichtstreue“, sagt der gelernte Maschinenbauzeichner.

Freunde kulturhistorischer Zinnfiguren sind fast alle auch Hobby-Historiker. Und jeder hat sein Steckenpferd. Teich begeistert sich für das Mittelalter, die Kosaken und vor allem für die Schotten. Sein neues Projekt dreht sich um die rauen Krieger aus den Highlands. Auf dem Wohnzimmertisch stapeln sich gerade Bücher über die „Schlacht von Culloden“, die sich englische Regierungstruppen und aufständische Schotten 1746 lieferten. Dabei erlitten die aufständischen Schotten nahe dem berühmten Loch Ness eine vernichtende Niederlage. So ein Ereignis verdient ein Diorama, wie die Schaukästen für die detailgetreue Darstellung historischer und anderer Szenen genannt werden.

Die Highlands begeistern Teich auch abseits der Metallfiguren. Auf einer Couch in seinem Arbeitszimmer liegt ein Dudelsack, und im Schrank hängt ein echter Kilt. Nach Schottland zu fahren ist sein großer Traum. Bis es soweit ist, wird er noch viele Kilts bemalen, selbstverständlich in den korrekten Mustern und Farben der Clans. Nach der verlorenen Schlacht von Culloden verboten die Engländer übrigens das Tragen von Kilts mit ihren typischen Karomustern. Teich liebt es, bei seiner detailgetreuen Geschichtsrekonstruktion auf spannende Dinge zu stoßen. „Da hab ich was rausbekommen“, sagt er begeistert. „In Culloden waren sogar Hannoveraner unter den Soldaten von Herzog Cumberland.“

Zinnfiguren sind ein aussterbendes Hobby. In der niedersächsischen Landesgruppe der KLIO, der deutschen Gesellschaft für Freunde und Sammler kulturhistorischer Zinnfiguren, sind 70 Mitglieder organisiert. Der Verein leide unter akuter Überalterung, sagt Teich. „Zinnfigurensammler sterben aus.“

Teich stellt für den Verband das Mitgliedermagazin „Der Zinnbote“ zusammen. Einmal im Monat tauschen sich die Zinnfigurenfreunde bei einem Treffen in Hannover aus. Dort planen die Mitglieder auch Gemeinschaftsprojekte, zum Beispiel für Museen oder Ausstellungen. Museen griffen aber immer seltener auf Zinnfiguren als Anschauungsobjekt zurück, beklagt Teich. Als er einer Grundschule in der Nachbarschaft vorschlug, den Kindern die Welt der Zinnfiguren näherzubringen, befand die Schule, dass Zinnfiguren „pädagogisch zu anspruchsvoll“ seien.

Obwohl es immer weniger Sammler gibt, existiert für die oft künstlerisch gestalteten Figuren immer noch ein erstaunlich großer Markt. Teich sucht nach passenden Figuren in Katalogen oder im Internet. Die Preise reichen von wenigen Euro bis zu hohen Summen für besonders aufwendig gestaltete Figuren oder historischen Sammlerstücke. Gerade liebäugelt Teich mit einer Gruppe, die perfekt in sein neues Diorama passen würde: Zwei englische Soldaten stellen zwei schottische Rebellen vor deren Steinhütte. 75 Euro sollen sie kosten. „Zum Glück habe ich ja bald Geburtstag“, sagt Teich lächelnd. Die vier Figuren können dann seine anderen Highländer unterstützen - im Kampf gegen den großen roten Drachen zum Beispiel, den er gerade bemalt.

Margret Jans-Lottmann 23.01.2014
23.01.2014
02.01.2014