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Süd Einkaufswege werden länger
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Einkaufswege werden länger
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11:33 19.08.2010
Ein Supermarkt hat im Uhrturmviertel nie Fuß gefasst, Ende August machen auch Schreibwarenladen und Backshop (u.l.) dicht.
Ein Supermarkt hat im Uhrturmviertel nie Fuß gefasst, Ende August machen auch Schreibwarenladen und Backshop (u.l.) dicht. Quelle: Schmidt
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Die Bewohner des Uhrturmviertels können in Zukunft nicht einmal mehr Brötchen und Zeitungen vor ihrer Haustür einkaufen. Am kommenden Wochenende schließen Regina und Andreas Steinke den Backshop mit Cafétischen sowie den Zeitschriften- und Schreibwarenladen Am Uhrturm für immer. Nachdem sie bereits im Frühjahr ihre Kündigung erhalten hatten, hat sich auch die Hoffnung zerschlagen, dass sie mit ihren Läden ins Erdgeschoss des Neubaus Wiehbergstraße Ecke Am Lindenhofe ziehen könnten. Dort entstehen jetzt Büros. „Wir haben uns beworben, aber es gab keine Wasseranschlüsse, so wie es für eine Bäckerei nötig ist, und es hätte noch einmal umgebaut werden müssen“, erklärt Regina Steinke. Immerhin hätten sie und ihr Mann wieder Arbeit – im September übernimmt das Paar den Zeitungsladen im Edeka-Center Am Brabrinke in Wülfel.

Nachdem die drohende Ladenschließung im Frühjahr bekannt geworden war, ging ein kleiner Aufschrei durchs Uhrturmviertel. Ein Bewohner legte in den Läden Unterschriftenlisten für den Erhalt der Geschäfte aus. 150 Menschen unterschrieben in wenigen Tagen. Dann hatte die etwas ängstliche Backshop-Betreiberin die Listen vorsichtshalber eingesammelt. „Da hätten bestimmt noch viel mehr unterschrieben“, versichert Hans-Albert Lönneker. Als Sprecher der Wohnungseigentümergemeinschaft Am Lindenhofe 32-36 möchte er jetzt bei künftigen Eigentümerversammlungen mehr Druck in Hinblick auf die Einkaufssituation im Wohnquartier machen und hat auch schon andere Eigentümergemeinschaften im Viertel angeschrieben.

„Mir ist klar, dass man da kurzfristig nichts mehr erreichen kann“, sagt Lönneker, „aber wir müssen uns darüber bewusst sein, dass der Wert aller Immobilien hier sinkt, wenn es keine Einkaufsmöglichkeiten mehr gibt.“ Für die Jungen sei der Verlust kurzer Weg zum Einkaufen vielleicht nicht so schlimm, für die Älteren schon – und von denen werde es immer mehr geben. Nach Auskunft von Wolfgang Polte vom städtischen Fachbereich für Statistik wohnen derzeit in den Häusern rund um den ursprünglich als Geschäftszentrum geplanten Bereich – in den Straßen Am Leinewehr, Am Brückenhaus, Leineinsel, Frobösestraße, Wollkämmerei und Am Uhrturm – 878 Menschen. Die meisten davon sind zwischen 45 und 64 Jahre alt.

Nach Auskunft von Wolfgang Beike von der Nord-Bau GmbH, die den Komplex verwaltet, wird Anfang Oktober in beide Läden ein Friseur einziehen (der Stadt-Anzeiger berichtete). Die Läden werden im September für diesen Zweck umgebaut. „Eigentlich sollte ein großer Supermarkt nebenan Kunden in unsere kleinen Läden ziehen. Aber dazu ist es ja leider nie gekommen“, sagt Beike. „Seit 1983 hat nicht ein einziges Konzept richtig gezündet.“ Daher habe er immer mehr Mieter aus dem Servicebereich in die Geschäfte genommen. Noch vor zwei Jahren hatte der Verwalter dem Ehepaar Steinke nach eigenen Angaben angeboten, aus zwei Läden einen zu machen, um Personal und Kosten einsparen zu können. Die Geschäftsleute hätten darauf aber nicht reagiert.

Auch Stadtteilplanerin Nezahat Topcu ist etwas ratlos, was die Ansiedlung neuer Geschäfte am Uhrturm angeht. „Wir erleben den Umbruch an solchen Stellen massiv“, sagt sie, „wir haben versucht, da etwas anzusiedeln, aber oft gehen die Läden an Leute, die mehr Geld bezahlen.“ Das große Ladengeschäft neben dem Bäcker, in dem schon vor langer Zeit ein Drogeriemarkt geschlossen wurde, sei zu klein für einen größeren Nahversorger. Der Bebauungsplan für das Gebiet sage zudem nicht, dass dort nur ein Nahversorger angesiedelt werden könne. Und auch das jüngst erstellte Einzelhandelsgutachten für den Stadtbezirk sehe in diesem Viertel keinen größeren Supermarkt vor.

Bezirksbürgermeisterin Christine Ranke-Heck ist ebenfalls nicht zufrieden mit der Entwicklung. „Es ärgert mich, dass die Hauseigentümer nicht darauf gucken, welche Läden in die Gegend passen und sich dann auch halten können“, sagt sie. Als Eigentümer habe man eine Verantwortung dafür, dass eine gewisse Infrastruktur vorhanden sei. „Wir als Politiker können da aber wenig machen, es gibt das Recht auf Eigentum“, fügt sie hinzu. Möglicherweise hätten aber auch die Anwohner dazu beitragen können, dass sich Läden an diesem Standort halten – indem sie dort mehr eingekauft hätten. Es sei bekannt, sagt Ranke-Heck, dass das Ehepaar Steinke aufgrund der mäßigen Umsatz- und Verdienstsituation bei der Immobilienverwaltung Nord-Bau GmbH um eine Mietminderung gebeten habe. Diese sei ihnen verwehrt worden, und nun habe sich eben ein solventerer Mieter gefunden.

Karin Vera Schmidt