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Süd Eisenbahnbrücke bleibt beschmiert
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Eisenbahnbrücke bleibt beschmiert
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21:44 06.03.2010
Von Michael Zgoll
Das Tor nach Döhren ist keine Zier – doch die Bahn will nicht an der verunstalteten Lärmschutzwand aus Acryl rütteln. Auch die Jugendstilpfeiler sind angegriffen.
Das Tor nach Döhren ist keine Zier – doch die Bahn will nicht an der verunstalteten Lärmschutzwand aus Acryl rütteln. Auch die Jugendstilpfeiler sind angegriffen. Quelle: Michael Zgoll
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Die Lärmschutzwand aus durchsichtigem Acryl zwischen den Jugendstilpylonen an Riepestraße und Bregenzer Straße ist stadtauswärts mit grüner und schwarzer Farbe zugeschmiert und zusätzlich noch mit „Tags“, Sprühzeichen anonymer Graffitimaler, sowie Inschriften wie „Fuck“ verunziert. Tagtäglich passieren Tausende von Autofahrern, Radlern und Fußgängern die Unterführung, viele von ihnen ärgern sich schon lange über die Verunstaltung des Brückenbauwerks, das doch das Tor in den Stadtteil Döhren ist.

Die Bahn verweist darauf, dass sich die Acrylflächen nur sehr schwer reinigen ließen. Installiere man eine neue Lärmschutzwand, müsse man außerdem damit rechnen, dass auch diese bald wieder beschmiert werde. „Wenn wir morgen eine neue Wand aufstellen, wäre sie eine Woche später wieder zugesprüht“, befürchtet Bahn-Pressesprecherin Sabine Brunkhorst. Doch damit nicht genug: Auch die Eckpylone aus Sandstein sind gefährdet und bröckeln vor sich hin – ohne Aussicht auf Restaurierung.

Bis 1981 fuhren die Züge auf der Ost-West-Trasse noch auf einem architektonischen Kleinod über die Hildesheimer Straße. 1907 hatte die Königliche Eisenbahndirektion die Brückenkonstruktion fertiggestellt. Gußeiserne Jugendstil-Gitter sicherten die Flanken, sandsteinerne Gesichter hatten ein Auge auf den Autoverkehr. Doch in den achtziger Jahren bekam die Stadtbahn Richtung Laatzen ein eigenes Gleisbett; die alte Brücke mit ihren kärglichen 22 Metern Breite musste einer modernen Eisenkonstruktion weichen, die 13 Meter breiter war. Immerhin konnten die wichtigsten Bauelemente gerettet werden: Die Geländer fanden am Fußgängerüberweg Döhrener Turm eine neue Bestimmung, drei kleinere Pylone wurden in den Wiehbergpark umgesiedelt, und die Eckpfeiler mit den Frauengesichtern wurden abgehoben und der neuen Brücke zur Seite gestellt. Insbesondere der Volkshochschul-Arbeitskreis „Döhren wird verändert“ hatte sich damals vehement für den Erhalt dieser historischen Elemente eingesetzt.

Das erste eiserne Geländer des Brückenbauwerks von 1981 war eine Schlichtversion, die an eine flachgelegte Hühnerleiter erinnerte; an der Südseite ist diese Begrenzung noch heute zu sehen. An der Brücken-Nordseite musste die Bahn später aus Lärmschutzgründen eine höhere Begrenzung installieren. Um das Gewicht der durchsichtigen Front in erträglichen Grenzen zu halten, wählte man Acryl statt Glas. Doch genau dies bereitet der Bahn nun Kopfzerbrechen. „Wenn man darangehen würde, dieses Material mit herkömmlichen Lösungsmitteln von den Schmierereien zu befreien, würde das Material stumpf werden, verspröden und auf Dauer leichter brechen“, erläutert Brunkhorst. Zudem sei in dem Etat von 50 Millionen Euro, den die Bahn jährlich für die Beseitigung von Vandalismusschäden und Farbschmierereien ausgebe, derzeit kein Geld für die Brücke über die Hildesheimer Straße eingeplant.

Nichts geplant ist auch für den Erhalt der Jugendstil-Pylone an den Eckpunkten der Überführung. Hier sei das Konservierungsmittel im Laufe der Zeit in den Sandstein eingedrungen, erläutert die Bahn-Sprecherin. Die oberste Schicht habe sich nun an vielen Stellen abgelöst, der Stein beginne zu bröckeln. Die unter Denkmalschutz stehenden Köpfe müssen ihr Schicksal sicherlich noch lange Zeit stumm und geduldig ertragen. So lange es keine Verkehrsgefährdung gebe, stellt die Bahn klar, sei auch für eine Restaurierung der Pylone kein Geld übrig.

Jutta Oerding 06.03.2010
Conrad von Meding 06.03.2010
Michael Zgoll 06.03.2010