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Süd Grundschüler lernen, was zu tun ist, wenn einer frech wird
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Grundschüler lernen, was zu tun ist, wenn einer frech wird
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11:58 12.09.2009
Von Bärbel Hilbig
Wie reagieren, wenn einen jemand an den Haaren zieht. Oliver Henneke (Vorstand des Fördervereins Gewaltfrei Lernen e.V.) lehrt die Kinder auf Konfliktsituationen mit anderen Schülern angemessen zu reagieren
Wie reagieren, wenn einen jemand an den Haaren zieht. Oliver Henneke (Vorstand des Fördervereins Gewaltfrei Lernen e.V.) lehrt die Kinder auf Konfliktsituationen mit anderen Schülern angemessen zu reagieren Quelle: Nico Herzog
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„Was ist das Gemeinste, was man bei Mädchen machen kann?“, will Konflikttrainer Oliver Henneke von den Kindern wissen. Die Viertklässler sind sich schnell einig: An den Haaren ziehen ist ziemlich gemein. Deshalb führt Henneke mit der neunjährigen Yaren genau das vor. Sie soll ihren Kopf nicht wegziehen, wie man das im Reflex gerne macht, sondern seine Hand an ihren Kopf pressen, damit es nicht mehr weh tut. Und dann brüllt Yaren in voller Lautstärke: „Stopp! Hör sofort auf damit!“ In vielen Fällen hilft das ja schon, und der freche Mitschüler auf dem Pausenhof weicht zurück.

Wenn nicht, haben die Grundschüler in insgesamt drei Doppelstunden bei Oliver Henneke eine Menge Handgriffe gelernt, mit denen sie sich schnell befreien können, wenn ein anderes Kind sie festhält. Und im Notfall soll ein anderes Kind um Hilfe gebeten werden, damit es die Lehrerin holt. Hauptsache, nicht zurückschlagen, denn dann wird alles schlimmer, schärft Henneke den Kindern ein.

Die Grundschule Suthwiesenstraße hat in den vergangenen Wochen alle 236 Schüler vom Erst- bis zum Viertklässler in das Training „Gewaltfrei Lernen“ geschickt. Die Eltern lernten bei einem Informationsabend die Prinzipien der Schulung kennen, die Lehrer in einer Fortbildung. „Es kann nur funktionieren, wenn alle in der Schule Bescheid wissen“, sagt Schulleiterin Katja Gade. Oliver Henneke und seine Mitstreiter haben ihr Verhaltenstraining in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln entwickelt. Doch die Kniffe aus dem Kampfsport, um sich aus einer Umklammerung zu lösen, bilden nur einen Teil des Trainings. „Uns hat überzeugt, dass die Kinder im Rollenspiel lernen zu sagen, was sie nicht möchten“, sagt die Schulleiterin. Viele ihrer Schüler wüchsen sehr behütet auf. „Sie kommen nur selten in Situationen, wo sie allein für sich sorgen müssen.“

Bei Henneke drücken die Kinder am Anfang der Stunde das Kreuz durch. „Und wie sieht unser Nachbar aus? Auch stark?“, fragt er die Schüler. Die Kinder sollen spüren, dass sie mit ihrem Körper Stärke ausdrücken und dem Gegenüber mit der ausgestreckten Hand Grenzen zeigen können. Andere Übungen vermitteln, den Körper des anderen als wertvoll und schützenswert wahrzunehmen. Ministerialrat Horst Roselieb aus dem Kultusministerium hat sich das Training angesehen.

Der Fachmann für Gewaltprävention war angetan und will die Langzeitwirkung bewerten lassen. Die Schulen sind seit 2003 zur Gewaltvorbeugung angehalten. Doch Landesgeld gibt es nur aus dem schuleigenen Budget für Lehrerfortbildung. An der Grundschule Suthwiesenstraße hat die Sparda-Bank-Stiftung 4700 Euro der Gesamtkosten von 7900 Euro getragen. Die Eltern zahlten pro Kind zehn Euro. Yaren war am Ende zufrieden. „Das hilft uns bestimmt, wenn wir mit den Jungen spielen. Die ziehen uns oft an den Haaren.“