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Süd Bestes aus der Bohne
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Bestes aus der Bohne
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16:39 09.01.2015
Von Isabell Rollenhagen
Hannover Besuch in der Kaffeerösterei Ulbrich, Krausenstraße 11a.( Foto/ Michael Thomas )
Alles Handarbeit: Die Kaffeerösterei Ulbrich in der Südstadt. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Südstadt. Ein kräftiger, aromatischer Duft schlägt dem Besucher entgegen, der die Tür zu Dirk Ulbrichs Arbeitsreich öffnet. Etwas chaotisch wirkt es hier in der Krausenstraße 11: Auf dem Boden liegen Kaffeebohnen verstreut, überall stehen Säcke voll mit Kaffee. Ihre Aufschriften verraten, dass der Rohstoff, aus dem Ulbrich das „schwarze Gold“ herstellt, eine lange Reise hinter sich hat - die Säcke kommen aus Kolumbien, Nicaragua und Indien. Doch es ist der kräftige Geruch des frisch gerösteten Kaffees, der zuerst auffällt.

Dirk Ulbrich hat gerade Espressobohnen aus Guatemala in der riesigen silberfarbenen Röstmaschine am Ende des Raums verarbeitet. Zehn bis 15 Minuten dauert der Vorgang. 21 Kilogramm fasst die Maschine. Sie ist das Herzstück der Rösterei Ulbrich, die Ulbrichs Vater Erhard vor 58 Jahren gegründet hat. Damals, zur Eröffnung, war Kaffee ein echtes Luxusgut: 125 Gramm Kaffee kosteten 1,65 Mark. „Bei einem Stundenlohn von manchmal nur 50 Pfennig war das viel Geld“, sagt Dirk Ulbrich.

Heute gehört eine Tasse Kaffee auf jeden Frühstückstisch. Laut dem Deutschen Kaffeeverband trank 2013 jeder Deutsche im Schnitt 165 Liter Kaffee. Das macht sich auch in der Südstädter Rösterei bemerkbar: Gut eine Tonne Rohkaffee verarbeitet Ulbrich pro Monat. Dafür fährt er ein- bis zweimal nach Bremen, um die Kaffeesäcke vom Großmarkt in seinen Wagen zu laden und sie in seinen Betrieb zu bringen. Das Endprodukt, der frisch geröstete Kaffee, wird dann für 17 bis 20 Euro pro Kilogramm im Kaffeehaus in der Krausenstraße und den zehn Kaffeedepots des Unternehmens in Hannover und Umgebung angeboten.

Seit der Kaffeekrise in den siebziger Jahren verkauft sich der traditionell, nicht in der Massenproduktion hergestellte Kaffee immer besser. „Wie in vielen anderen Bereichen wird Qualität den Kunden auch beim Kaffee immer wichtiger“, weiß Ulbrich. „Sie genießen Kaffee wieder. Und frisch gebrühter Filterkaffee ist nach der Latte-Maccchiato-Zeit auch wieder in.“

Der 49-Jährige ist selbst wohl einer seiner besten Kunden: Morgens um halb sechs trinke er die ersten zwei Tassen, am liebsten ganz normalen Filterkaffee, ohne Milch und Zucker. „Im Laufe des Tages komme ich auf zwei bis drei Liter.“ Gut schlafen könne er trotzdem. „Ich bin mit Kaffee aufgewachsen. Mit elf oder zwölf Jahren habe ich den ersten getrunken.“ Darum weiß Ulbrich auch, worauf es bei einem guten Kaffee ankommt. Frisch müsse er vor allem sein. Vom Rösten bis zum Verkauf vergehen nie mehr als zwei Tage. „Kaffee ist ein fetthaltiges Produkt. Dadurch wird er schnell ranzig und verliert sein Aroma“, erklärt der Experte. Zwar könne Kaffee nicht schlecht werden, aber den guten Geschmack verliere er schnell.

Nach dem Rösten muss der Kaffee fünf bis sechs Minuten abkühlen. Auch das sei wichtig für den Geschmack: „Kaffee darf nur zweimal heiß werden - einmal beim Rösten und dann beim Brühen“, sagt Ulbrich und setzt sich an ein antikes Gerät, dass ein wenig an eine alte Nähmaschine erinnert. Zuvor hat er die abgekühlten Bohnen in den dort angebrachten Trichter gefüllt. Den Verlesetisch bedient er mit einem Pedal. Das Fließband setzt sich in Bewegung. Darauf liegen übersichtlich verteilt Espressobohnen, die er fachkundig inspiziert - ganz genau betrachtet er jede einzelne. Mit gezieltem Griff sortiert er unreife Bohnen, Steinchen und schlechte Bohnen aus. „Die Stinker können einem ein ganzes Pfund Kaffee versauen“, betont Ulbrich. Und die „Stinker“ verdienen ihren Namen wirklich: Beim Zerdrücken geben sie einen unangenehmen Duft ab. Der ist mit dem herrlichen Kaffeeduft, der die Rösterei einhüllt, nicht die Bohne vergleichbar. Bei seiner Arbeit sitzt jeder Handgriff. Fast, denn diesmal hat er vergessen, ein Gefäß unter den Verlesetisch zu stellen. Und so rieseln mindestens drei Hände voll Kaffee auf den Fußboden. Ärgerlich.

Dass Ulrich einmal die Rösterei von seinem Vater übernehmen würde, war eigentlich immer klar. Ursprünglich wollte er Konditor werden, um ein Café zu eröffnen, mit frischen Torten und frischen Ulbrich-Kaffee. „Aber ich bin Diabetiker, da hat das nicht funktioniert.“ Nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann übernahm Dirk Ulbrich 1999 die Filiale in der Südstadt. Dort stellte er die alte Röstmaschine aus dem Betrieb des Vaters auf. Heute beschäftigt er dort zwei Mitarbeiter und eine Aushilfe. Zudem packt auch seine Frau Heike tüchtig mit an. Ulbrichs elf Jahre älterer Bruder schied als Nachfolger des Firmengründers von vornherein aus: „Er hatte kein Interesse daran, die Rösterei zu übernehmen - und er ist ein militanter Teetrinker“, schmunzelt Dirk Ulbrich. Bei dem Geruch in der Rösterei ist das nur schwer vorstellbar.

Margret Jans-Lottmann 08.01.2015