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Süd Mehrere Häuser sacken ab
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Mehrere Häuser sacken ab
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16:16 08.01.2010
Rainer Joachim zeigt auf die Risse in seinem Haus
Rainer Joachim zeigt auf die Risse in seinem Haus an der Angerstraße in Bemerode. Quelle: Sebastian Hoff
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Meterlange Risse im Mauerwerk, verzogene Fenster, einsturzgefährdete Balkone – die Schäden an Häusern in mehreren Straßen in Bemerode sorgen bei den Besitzern für Angst und Ärger. Die Gebäude wurden in den siebziger Jahren auf einem tonhaltigen Boden errichtet, der in der Vergangenheit zunehmend austrocknete und schrumpfte. Vor allem der vergangene, außergewöhnlich trockene Sommer hat die Situation verschlimmert. „Wir haben zunächst nur kleine Haarrisse zwischen den Backsteinen gesehen“, erzählt Lynne Joachim, die in der Angerstraße wohnt. In einer Nacht im September seien dann plötzlich breitere Risse im Mauerwerk und in der Kellerdecke entstanden. Seither können die Joachims zusehen, wie die Spalten größer werden. Außerdem haben sich die Fenster verzogen und lassen sich kaum noch öffnen.

Rainer und Lynne Joachim ließen Architekten und Gutachter kommen, die neben der Austrocknung des Tonbodens die Bäume auf dem gegenüberliegenden Grundstück für das Problem verantwortlich machten, denn die Wurzeln entziehen dem Boden zusätzlich Feuchtigkeit. Daraufhin beantragten die Joachims bei der Stadt, dass die Bäume gefällt werden dürfen. Die Eigentümer der Nachbarhäuser hatten sich damit bereits einverstanden erklärt. Doch die Stadt winkte ab: „Es hieß, die Bäume hätten einen hofprägenden Charakter“, sagt Lynne Joachim. Die Bemeroderin war enttäuscht, dass kein Verwaltungsmitarbeiter in die Angerstraße gekommen war, um sich das Problem vor Ort anzusehen: „Wahrscheinlich hat die Sachbearbeiterin nur in Google Earth nachgeschaut.“ Ihr Mann suchte daraufhin mehrfach das Gespräch mit den Verantwortlichen bei der Stadt, wurde aber aus verschiedenen Gründen abgewiesen.

Schließlich wandte er sich an Bezirksbürgermeister Manfred Benkler (CDU). „Plötzlich haben wir ganz schnell einen Termin bekommen“, erzählt Rainer Joachim. Zwei Mitarbeiter des Fachbereichs Umwelt und Stadtgrün seien bei ihnen gewesen und hätten sich ein Bild gemacht. Mehr als ein Bedauern und einen Hinweis auf die Klimakatastrophe hätten sie aber zunächst nicht geäußert, beklagen die Joachims. Ihr Gutachten, das rund 2000 Euro gekostet hat, liegt der Stadt vor. Die Verwaltung will nun den Sachverhalt prüfen, wie es ganz allgemein in einer Antwort auf eine Anfrage der CDU im Stadtbezirk Kirchrode-Bemerode-Wülferode hieß. Auch auf Nachfrage des Stadt-Anzeigers war keine detailliertere Auskunft von der Verwaltung zu bekommen.

Die Stadt wird auf Zeit spielen, befürchten die Joachims. Den Weg vor ein Gericht wollen sie aber nicht einschlagen. „Das Geld dafür stecke ich lieber in die Sanierung des Hauses“, sagt Rainer Joachim. Die meisten Firmen, die Angebote für eine Sanierung abgeben sollten, hatten allerdings abgewunken: Solange die Bäume dort stehen, wollen die Unternehmen keine Garantie für eine dauerhafte Lösung übernehmen. Der Familie liegen jetzt noch zwei Angebote vor, in denen bis zu 30 000 Euro Kosten veranschlagt werden. „Dafür müssen wir einen Kredit aufnehmen“, sagt Lynne Joachim.

Rund 15 000 Euro hat die Sanierung gekostet, die Familie Kotzan-Bartke in Auftrag gab. Auch in ihrem Haus waren mehrere Risse entstanden, durch den größten Spalt konnte man sogar in den Garten schauen. Der Balkon des Hauses war einsturzgefährdet und wurde von der Stadt gesperrt. Die Eigentümer bekamen unter Androhung eines Zwangsgeldes die Auflage umgehend Sanierungsmaßnahmen einzuleiten. Zuvor hatte die Familie ein Gutachten beim Leiter des Referates Baugrund und Georisiken im Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) in Auftrag gegeben. Darin heißt es: „Erschwerend, wenn nicht gar auslösend, kommt hinzu, dass in einem Abstand von zirka fünf Metern zur südöstlichen Gebäudeecke eine tiefwurzelnde Eiche auf städtischem Grundstück steht, die insbesondere bei Trockenheit zusätzlich erhebliche Feuchtigkeit dem Boden entzieht.“ Die Gutachter empfehlen dringend, den Baum zu fällen. Doch die Stadt weigert sich. Ein „Skandal“, findet Elke Bartke-Kotzan.

Familie Joachim und Familie Bartke-Kotzan kennen noch weitere Eigentümer, die bereits ein ähnliches Problem haben oder es bald bekommen werden: „Bei unseren Nachbarn sind bereits feine Haarrisse zu sehen“, sagt Rainer Joachim. Auch in der Hermann-Hesse-Straße sind Schäden zu beobachten. Elke Bartke-Kotzan schätzt, dass die Schadenssumme mittlerweile „in die Millionen“ geht. Weil die Bewohner fürchteten, dass auch Gasleitungen beschädigt werden könnten, wurden die Stadtwerke informiert. Nach einer Prüfung der Leitungen gab das Unternehmen inzwischen Entwarnung. Zurzeit hat sich die Lage in den betroffenen Häusern entspannt. Doch die Eigentümer blicken mit Sorge dem nächsten, womöglich ebenso trockenen Sommer entgegen.

von Sebastian Hoff

Jutta Oerding 08.01.2010