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Süd Schule kämpft gegen schleichenden Werteverlust
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Schule kämpft gegen schleichenden Werteverlust
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14:00 06.11.2009
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Um 1880 zogen viele katholische Arbeiter mit ihren Familien aus dem Eichsfeld nach Döhren, um bei der Wollwäscherei & Kämmerei ein Auskommen zu finden. Aber auch in der neuen Heimat sollten ihre Kinder im gewohnten Glauben aufwachsen. „Erst die Schule, dann die Kirche!“ hieß es unter den katholischen Zuwanderern. In einer gemieteten Werkstatt wurden 1884 erstmals 28 Schüler unterrichtet. Aus bescheidenen Anfängen wurde schließlich die Kardinal-Bertram-Schule, die jetzt zum Jubiläum 125 Jahre katholisches Schulleben in Döhren feierte.

Der erste Unterricht war zugleich ein Schritt auf dem Weg zum Gemeindeleben. Schon 1887 konnten die Kinder in das heutige Pfarrhaus von St. Bernward wechseln. Die Kirche selbst wurde 1893 geweiht; nach weiteren sechs Jahren wurde die katholische Schule als öffentliche Volksschule anerkannt. Die Katholiken hatten ihren festen Platz in Döhren errungen. Aber auch an dem neuen Standort an der Querstraße war die Schule bald völlig überfüllt: 375 Schüler mussten sich damals zwei Klassenzimmer und drei Lehrer teilen.

Erleichterung herrschte, als 1909 das weit größere Schulhaus an der heutigen Thurnithistraße fertig war. Bald darauf machte sich im Schulalltag der Erste Weltkrieg bemerkbar: Die hungernden Kinder nahmen an Schulspeisungen teil. Auch danach wird die Schule auf Not und Armut in vielen Familien reagiert haben. Ihre dunkelste Stunde erlebte sie hingegen 1938. Wie viele andere Bekenntnisschulen schlossen die Nationalsozialisten auch die katholische Volksschule in Döhren. Die Kinder wurden auf Schulen in der Umgebung aufgeteilt. Doch bereits im Oktober 1945 konnte der Unterricht an der Thurnithistraße wieder beginnen.

Als katholische Grundschule ist die Kardinal-Bertram-Schule seit 1978 an der Olbersstraße zu Hause. Heute werden dort 170 Mädchen und Jungen in acht Klassen unterrichtet; für 48 Kinder ist zudem ein Hort angegliedert. Einen hohen Stellenwert in der Arbeit der Schule genießt die Musik. Beim Festakt zum 125-jährigen Jubiläum zeigten Chor, schuleigenes Orchester und die Tanz-AG ihr Können, und gleich mehrere junge Solisten glänzten mit ihrem Talent am Klavier.

„Den christlichen Glauben im Schulleben erfahrbar zu machen“ gilt weiterhin als Leitbild der Kardinal-Bertram-Schule, die damit auch einem schleichenden Werteverlust begegnen will. Sie nimmt bis zu 20 Prozent Kinder auf, die anderen Konfessionen angehören oder ungetauft sind. „Gerade für diese Gruppe haben wir auch für das kommende Jahr mehr Bewerbungen als Plätze“, sagt Schulleiter Ulrich Zimmer.

Gelassen sieht die Schule einer Debatte entgegen, die ihren Namenspatron Kardinal Adolf Bertram betrifft. Kritiker werfen ihm vor, dass er sich nach 1933 zu stark an den Nationalsozialismus angepasst habe. Wie Zimmer andeutet, wolle eine „Findungskommission“ aus Lehrern, Eltern und Kindern demnächst Vorschläge für einen anderen Namen sammeln.

von Gerda Valentin