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Süd Stadtentwässerung stößt an ihre Grenzen
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Stadtentwässerung stößt an ihre Grenzen
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11:18 09.09.2010
Von Michael Zgoll
Wasser im Veronicaweg: 100 Liter Niederschlag pro Quadratmeter in 36 Stunden haben die Kanalisation überfordert.
Wasser im Veronicaweg: 100 Liter Niederschlag pro Quadratmeter in 36 Stunden haben die Kanalisation überfordert. Quelle: Zgoll
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Angegriffene Fassaden, ruinierte Möbel, zerstörte Beete: Der mehrtägige Starkregen Ende August hat zahlreiche Kleingärten in Waldheim und Seelhorst unter Wasser gesetzt, darunter viele Grünflächen und Lauben an Siegel- und Lenzbergweg oder in der Kolonie Sonnenland am Wülfeler Bruch. Über ihre Erfahrungen in dieser Schlechtwetterperiode berichteten einige Bürger in der jüngsten Sitzung des Bezirksrats Döhren-Wülfel. Im Zuge der Einwohnerfragestunde wurden auch Vorwürfe an die Stadt laut, dass eine schlechte Pflege der Entwässerungsgräben und zu starke Zuflüsse aus Neubaugebieten im Südosten der Stadt Schuld an den Überflutungen seien; immerhin seien auch Straßenabschnitte vom Wülfeler Bruch, der Veronicaweg und das Spielplatzgelände an der Sommerlindenallee in Seelhorst überflutet worden. Zwei Experten vom Stadtentwässerungsamt nahmen im Laufe der Bezirksratssitzung zu den Vorwürfen Stellung und erläuterten das Entwässerungskonzept der Landeshauptstadt. Ihr Tenor: Bei extremen Wetterlagen stoße die Entwässerung an ihre Grenzen. Und vor Jahrhundertereignissen könne sich die Stadt nicht schützen – es sei denn, man wäre bereit, exorbitante Investitionen vorzunehmen.

36 Stunden Dauerregen habe es – mit kurzen Unterbrechungen – zwischen dem 26. und dem 28. August gegeben, „sehr ungewöhnlich für Hannover“, erläuterte Bernhard Altevers, Bereichsleiter Planung und Bauen bei der Stadtentwässerung, vor Politikern und Anwohnern. Die zwei in Froböse- und Kühnsstraße installierten Regenschreiber hätten im Südosten der Stadt um die 100 Millimeter Niederschlag – das entspricht 100 Litern pro Quadratmeter – registriert. Das sei fast ebenso viel gewesen wie in Osnabrück oder Stadthagen, wo der Starkregen zu katastrophalen Überschwemmungen geführt hatte. Von den 55 Feuerwehreinsätzen während dieser regenreichen Augusttage seien 13 auf den Stadtbezirk Döhren-Wülfel entfallen. Doch auch wenn kleinere Straßenzüge in Seelhorst oder die Gärten in Waldheim in Mitleidenschaft gezogen worden seien und es vereinzelt Schäden gegeben habe, die die Stadt natürlich sehr bedauere – insgesamt gesehen habe Hannover noch Glück gehabt. „Es war allerdings eine schwierige Situation für uns“, sagte Altevers. Die Flüsse, Gräben und Regenrückhaltebecken seien allesamt voll gewesen.

Seit 2002, als die Waldheimer Kleingärtner das letzte Mal vom Wasser heimgesucht wurden, hat die Verwaltung nach Angaben von Nobert Voßler vom Stadtentwässerungsamt eine Menge getan, um Überschwemmungen zu verhindern. So habe man etliche Regenrückhaltebecken neu gebaut oder erweitert, etwa am Büntegraben oder an Lange-Hop-, Brabeck- und Eupener Straße. „Wir verfahren inzwischen nach dem Prinzip, das Wasser in möglichst großem Maße gleich da aufzuhalten, wo es entsteht“, erläuterte Voßler. Die Überflutung tiefer gelegener Gebiete mit Wassermassen, die aus höher gelegenen Gegenden stammen und über Entwässerungsgräben herantransportiert würden, solle so weit wie möglich vermieden werden.

Der Mann vom Stadtentwässerungsamt verwies darauf, dass an der Lange-Feld-Straße in Kirchrode und am Dreibirkenweg in Seelhorst der Bau von zwei weiteren Regenrückhaltebecken geplant sei. Einen Vorwurf, der in der Überschwemmungs-Debatte immer wieder geäußert wird, wies Voßler allerdings strikt zurück: Die Bebauung und Versiegelung des Kronsbergs sei sicher nicht Schuld an den Überflutungen im Wülfeler Bruch, da dieses Niederschlagswasser über Roh-, Tiergarten- und Wolfsgraben – also in einem weiten Bogen in nordöstlicher Richtung – zum Landwehrgraben geleitet werde.

Wie Bernhard Altevers ergänzte, gebe es am Wülfeler Bruch ebenso wie im Koloniegebiet auf der anderen Seite des Südschnellwegs natürliche Senken, die – wenn der Boden erst einmal gesättigt sei – größere Mengen Regenwasser einfach nicht verkraften würden. „Unser Entwässerungssystem in Hannover fußt auf der Maßgabe, auf ein statistisch alle zehn Jahre vorkommendes Niederschlagsereignis vorbereitet zu sein“, sagte der Experte. Die Wassermassen, die Ende August vom Himmel gekommen wären, hätten allerdings einen statistisch nur alle 100 Jahre erwarteten Wert erreicht. „Solche Mengen sind nicht mehr handhabbar“, bekannte Altevers. Die Stadtentwässerung flächendeckend auf ein 100-Jahr-Ereignis auszurichten und auszubauen, sei seiner Meinung aber nicht bezahlbar.