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Süd Tanzsaal steht kurz vor dem Abriss
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Tanzsaal steht kurz vor dem Abriss
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13:11 07.05.2010
Saal in der Gaststätte "Sonnenwende"
Die Wandmalereien im Saal erinnern an die wilden Zeiten der Rockkonzerte. Quelle: Schmidt
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1911 verkaufte Ebeling die „Sonnenwende“ an den Gastwirt Hermann Germer, was an den regelmäßigen Festivitäten mit Tanz nichts änderte. 1968 aber wurde es ruhig im Saal, lange Zeit wurde der stattliche Anbau mit den großen Bogenfenstern nur noch als Lager für den Hotel- und Gaststättenbedarf Dolf Knopff genutzt. Im vergangenen Sommer räumte das Unternehmen das Lager. Nun möchte die Eigentümergemeinschaft Heinz-Hermann Germer und Söhne das Seelhorster Gebäude noch in diesem Sommer abreißen und durch ein Wohnhaus ersetzen.

Eine Abbruchgenehmigung hat die Eigentümergemeinschaft beim Bauordnungsamt der Stadt allerdings noch nicht beantragt. Der Saal steht nach Auskunft von Ellen Zwinge vom Landesamt für Denkmalpflege nicht unter Denkmalschutz; bislang habe noch niemand einen dementsprechenden Antrag gestellt. Der hannoversche Bauhistoriker Sid Auffarth bezweifelt, dass der Saal diesen Status erhalten kann. „Es gibt zu viele vergleichbare Objekte“, sagt er, außerdem sei der Saal zu abgelegen und schlecht nutzbar, auch wenn er eine bewegte Geschichte habe.

Nicht nur Hermann Germers Enkel Heinz-Hermann tut der Entschluss weh, das sakral anmutende Gebäude abzureißen. „Ich wollte eigentlich zwei Loftwohnungen in den Saal einbauen“, erzählt der 72-Jährige, der seine Kindheit im elterlichen Eckhaus über der Gaststätte verbracht hat und bis 1958 selbst regelmäßig hinter der Saaltheke stand, um Lütje Lagen auszuschenken. Aber während er das repräsentative Eckhaus mit Türmchen und Fachwerkgiebel derzeit neu eindecken und streichen lässt, sieht Germer für den angebauten Saal keine Chance mehr. „Der Statiker hat mir abgeraten“, erzählt er, „die Fußbodenbalken sind morsch und teilweise schon abgestützt.“ Und eine vernünftige Wärmedämmung sei, wenn überhaupt, auch nur von innen möglich.

Einer kleinen Gruppe um die Künstlerin Ulrike Wallis, die mit ihrer Tanzkunst in der Mittelfelder Gnadenkirche zum Heiligen Kreuz ansässig ist, war der alte Saal ebenfalls aufgefallen. Sie hatte bereits Pläne für ein Stadtteil-Kulturzentrum geschmiedet und bei der Stadt eine Bauvoranfrage gestellt, die genehmigt wurde. Mangels finanzieller Möglichkeiten sind diese Träume jetzt aber wieder geplatzt. „Der Abriss wäre eine vertane Chance für Gesicht und Seele der Stadt Hannover“, sagt Wallis.

Tatsächlich hat sich in dem Saal viel Stadtteilgeschichte abgespielt. Nachdem in den ersten 30 Jahren in dem repräsentativen Kuppelgebäude mit Kaffeegarten und Restaurant-Wintergarten viel gefeiert wurde, übernahm 1940 die Heeresstandortverwaltung Hannover den Saal. Er wurde zunächst von der Flugabwehr zum Schutz des wichtigen Eisenbahnkreuzes direkt gegenüber genutzt. Ab 1942 waren dort russische Gefangene untergebracht, die bei Bombenalarm regelmäßig zusammen mit deutschen Hausbewohnern in den Keller des Hauptgebäudes flüchteten. Nach Auskunft von Heinz-Hermann Germer fielen in der nahen Umgebung zwölf Bomben, der nächste Bombentrichter befand sich etwa 20 Meter entfernt an der Ecke Peiner Straße / Friedhofsallee.

Gaststätte und Saal wurden nach einer Restaurierung in den Jahren 1946/1947 wiedereröffnet. Allerdings zog der Besitzer eine Zwischendecke ein, da das Kuppelgewölbe durch Bomben starke Putzschäden erlitten hatte. Die gelben Zierfenster, die durch eine Druckwelle von der Straßenseite her zerstört waren, wurden durch Normalglas ersetzt. Nur zur Gartenseite hin ist das alte Glas erhalten. Auch die in den Putz eingearbeiteten Chimärenfratzen über den Bogenfenstern haben die Bomben überlebt. 1959 verpachtete Walter Germer, der Vater des jetzigen Besitzers, die „Sonnenwende“ an die Brauerei Wülfel. Im Saal fanden ausschließlich Beat- und Rockveranstaltungen statt, woran Wandbilder über den Bogenfenstern noch erinnern. Seit der große Raum nur noch als Lager diente, wurde hier natürlich nicht mehr musiziert. 2011 wäre der Festsaal hundert Jahre im Besitz der Familie Germer – wenn er dann noch existieren sollte.

Karin Vera Schmidt

Michael Zgoll 07.05.2010
Hans-Dieter Meinen 30.04.2010