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Süd Schüler treffen Holocaust-Überlebende
Hannover Aus den Stadtteilen Süd Schüler treffen Holocaust-Überlebende
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12:54 13.08.2014
Viele Fragen: Die Tellkampfschüler waren beeindruckt von dem Vortrag der 87-jährigen Marga Griesbach.
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Hannover

Die Stimme von Marga Griesbach zittert etwas, als sie zu erzählen beginnt. Vielleicht ist es ihr Alter, sicher ist es die bedrückende Geschichte, die sie den beiden Schulklassen vor sich im Saal erzählen will. Marga Griesbach ist Zeugin des Holocaust. Von 1939 bis zu ihrer Deportation in das Konzentrationslager Riga ging die heute 87-Jährige in Hannover zur Schule - zur Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem. Anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte Ahlem vor zwei Wochen war sie aus den USA nach Hannover gekommen, ebenso wie weitere Zeitzeugen aus allen Teilen der Welt. Und während ihres Aufenthalts wurden diese von Gymnasiasten der Südstädter Tellkampfschule begleitet. Am letzten Tag berichteten die Zeitzeugen dann im Haus der Region aus ihren Biografien. Damit endete eine bewegte Woche voller bemerkenswerter Begegnungen, die vor allem die Schüler wohl nie vergessen werden.

Ahlem war eine andere Welt für uns, in der wir nicht angegriffen wurden und Kinder sein konnten“, erinnert sich Marga Griesbach an ihre Schulzeit als Jüdin. Sie spricht mit amerikanischem Akzent, manchmal fehlen ihr einige deutsche Wörter. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte sie in die USA aus. Geboren im hessischen Witzenhausen, kam sie im August 1939 als Schülerin in die Ahlemer Gartenbauschule. Bereits ein Jahr zuvor hatten die Nazis bestimmt, dass jüdische Kinder nicht weiter in nicht jüdische Schulen gehen durften. Griesbach erzählt von der täglichen Schikane, der sie hilflos ausgesetzt war. „Wir mussten vom Bürgersteig gehen, wenn uns ein Deutscher auf dem Rad entgegenkam“, sagt sie. Dieses Verhalten hatte sie so verinnerlicht, dass sie Jahrzehnte später, bei einem Einkauf in einer deutschen Bäckerei in den USA, in eine Art Schockstarre fiel und alle deutschsprachigen Kunden vorließ.

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Fast eine ganze Woche haben 25 Schüler der neunten Klasse des Tellkampf-Gymnasiums mehr als 85 Zeitzeugen und deren Angehörige begleitet. Zu Ausflügen in das Umland, zum Empfang beim Oberbürgermeister im Rathaus und natürlich zu der Eröffnung der Gedenkstätte in Ahlem. Die frühere Israelitische Gartenbauschule wurde nach 1938 Zuflucht für jüdische Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Land. Bis 1941 gelang es der Leitung, die Schließung der Schule zu verhindern. Danach dienten die Gewächshäuser und Schulgebäude der 1893 gegründeten Gartenbauschule den Nazis als grausige „Sammelstelle“: 1001 Menschen wurden am 15. Dezember 1941 von Ahlem in das Konzentrationslager nach Riga transportiert. Nur 68 überlebten.

Die Stimme von Marga Griesbach wird leiser, als sie von ihren schrecklichen Erlebnissen im Rigaer Getto erzählt. „Ich sage einfach, es war entsetzlich.“ Dann zögert sie kurz, und als ob es ihre Pflicht sei, erklärt sie den Schülern, dass sie selbstverständlich weitererzähle, wenn es Fragen gebe. Tatsächlich stellen die Schüler nach dem Vortrag viele Fragen. „Was wurde aus ihrer Mutter?“, will ein Schüler wissen. Eine Schülerin interessiert sich vor allem für Griesbachs Leben in den USA.

„In den Pausen und im Hotel gab es viele Gelegenheiten, sich kennenzulernen“, berichtet Schülerin Julia Ahrens über die gemeinsame Woche. Der 15-jährige Victor Hübotter ist sichtlich bewegt, als er sich von Marga Griesbach verabschiedet. „Wir haben uns angefreundet und Mailadressen ausgetauscht“, sagt er. Eine Reisebegleiterin Griesbachs hat ihn eingeladen, sie in den USA zu besuchen. „Die Woche war für die Schüler spannend und bleibt sicher im Gedächtnis“, sagt Geschichtslehrer Winfried Quecke. Er weiß um die Bedeutung der Zeitzeugen für die Erinnerungsarbeit und den Geschichtsunterricht, um die Wirkung, die eine persönliche Begegnung hat. Und um das Problem, dass es in absehbarer Zukunft keine lebenden Zeitzeugen mehr geben wird. Am Ende fasste Griesbach zusammen, worum es geht: „Man spricht darüber nicht, um die Geschichte zu erzählen, sondern um aus der Geschichte zu lernen.“

Die Erinnerungen Marga Griesbachs sind in der Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem unter dem Titel „... ich kann immer noch das Elend spüren ...“ als siebter Band erschienen. Die Schriften sind gegen eine Schutzgebühr von 2,50 Euro unter Telefon 61 62 22 56 und im Bürgerbüro der Region Hannover erhältlich.

Von Mario Moers

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