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Aus den Stadtteilen Diamanten knacken den Beton
Hannover Aus den Stadtteilen Diamanten knacken den Beton
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18:00 01.03.2015
Baustellentheater: Schwere Abrissmaschinen (l.) und Diamantseilsägen (r.) zerlegen den Bunker Stück für Stück. Baustellenleiter Uwe Müller (großes Bild Mitte) führt Passanten bisweilen über seinen Arbeitsplatz.   Fotos: Moers (4)
Baustellentheater: Schwere Abrissmaschinen (l.) und Diamantseilsägen (r.) zerlegen den Bunker Stück für Stück. Quelle: Mario Moers
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Hannover

An manchen Tagen liegt ein weißgrauer Staubschleier über dem Herrenhäuser Markt. Mithilfe einer speziellen Diamantseilsäge zerteilen Arbeiter den massiven Bunker am Herrenhäuser Markt in handliche 30-Tonnen-Blöcke. Die Wartenden am Hochbahnsteig gegenüber können den Betonstaub riechen und schmecken. Und mancher verpasst beinahe die Bahn, weil er die Abrissbagger beobachtet. Kleine Gruppen stehen staunend entlang der Herrenhäuser Straße und filmen mit Handys und Kameras die Baustelle. Wie mechanische Saurier hauen dort die Bagger ihre Pressschneiden in die meterdicke Bunkerwand.

In der vergangenen Woche kämpften die Riesenmaschinen regelrecht mit dem Bunker. Der Anbau einer Luftfilteranlage, die in den sechziger Jahren nachgerüstet worden war, leistete heftigen Widerstand. „In dem Gebäudeteil sind besonders viele Eisenstreben verbaut worden“, erklärt Wolfgang Schmidt. Der technische Leiter der Wohnungsgenossenschaft Herrenhausen (WGH) betreut den Abriss. Nach einem halben Jahr zieht er eine positive Zwischenbilanz. „Alles läuft nach Plan. Wir sind sehr zufrieden.“ Zu dieser Einschätzung kommt auch Anliegerin Christine Röttger. Der Vorsitzenden des Interessenkreises der Herrenhäuser Geschäftsleute gehört die Tankstelle auf der anderen Straßenseite. „Es gibt kleinere Risse in einigen Nachbargebäuden, aber wir stehen in gutem Kontakt mit der WGH“, lobt sie.

Eventuelle Schäden sind über eine Bestandssicherung abgedeckt. Ein Gutachter hatte vorher im Auftrag der WGH den Zustand der Gebäude ermittelt. „Wir haben bisher keine aktuellen Schäden feststellen können, die Anlass zur Beunruhigung bieten“, erklärt Schmidt. Die WGH hat gegenüber der Baustelle ein Infobüro eingerichtet, das bis zum Ende der Bauarbeiten besetzt ist.

Für den weitgehend „schonenden“ Abriss sorgt vor allem eine Geheimwaffe des Lehrter Abrissunternehmens. Um die Belastung durch Lautstärke und Erschütterungen möglichst gering zu halten, setzen sie eine Diamantseilsäge ein. Ein Stahlseil so breit wie ein dicker Strohhalm schneidet die Bunkerwände in 30-Tonnen-Blöcke. Etwa 1,5 Millionen Euro kostet der Rückbau die WGH. Zuerst stemmen staubbedeckte Arbeiter mit Bohrern Löcher in die verbliebenen Außenwände. Durch diese wird anschließend das Seil geführt, das mit winzigen Industriediamantsplittern gespickt ist. Die Edelsteine sind der härteste natürliche Stoff und der beste Freund der Abrissarbeiter. Der Bunkerabriss ist für die Lehrter Firma A&S Betondemontage eine Premiere. Von der Widerstandsfähigkeit der bis zu vier Meter dicken Betonwände zeigen sich die Abrissexperten allerdings weniger beeindruckt als die Zaungäste.

„Beton ist Beton. Das ist auch nur ein Abbruch“, findet Baustellenleiter Uwe Müller. Wenn etwas Zeit ist, führt er Passanten schon mal über die Baustelle. Dann erklärt Müller etwa, dass die Diamanten technisch betrachtet gar nicht sägen, sondern den Beton durch Reibung schleifen. In den Monaten auf der Baustelle hat er viele Anlieger kennengelernt. Nicht weil die sich über Ruhestörung beschweren, sondern weil sie neugierig sind. „Vor allem Ältere interessieren sich für den Bunker. Die jüngeren sind froh, dass er endlich wegkommt.“ Für viele Herrenhäuser war das graue Ungetüm einfach ein alter Bekannter. „Adieu, Alter Knabe“, lautet daher auch das Abrissmotto der WGH - im November gab sie sogar eine Abschiedsparty.

Bis März soll das Gebäude verschwunden sein. Der Abriss geht noch einige Monate weiter. Das Fundament und die Zerschellplatte, die sieben Meter um den Bunker verläuft, werden demontiert. Sie sollte verhindern, dass Bomben unter das in den sechziger Jahren zum Atomschutzbunker ausgebaute Gebäude geraten. Tankstellenbesitzerin Röttger ist zuversichtlich, dass auch die letzte Phase problemlos über die Bühne geht. „Die WGH und die Arbeiter geben sich vorbildlich viel Mühe. Wir können wirklich nicht meckern“, betont die Sprecherin der Geschäftsleute.

Sogar in der Bäckerei, die Wand an Wand mit dem Bunker steht, geht alles seinen gewohnten Lauf. Ein Erschütterungssensor im Keller konnte bisher laut WGH nur „minimale Überschreitungen“ messen. Der vorsorglich aufgestellte Not-Verkaufscontainer bleibt daher ungenutzt. Drinnen ist von den Abrissarbeiten kaum etwas zu hören. „Wir müssen da jetzt durch. Am Ende gewinnt der ganze Stadtteil“, freut sich Röttger. Noch diesen Sommer sollen die Arbeiten für ein vier- bis fünfstöckiges Gebäude auf dem bisherigen Bunkergrundstück starten, das voraussichtlich 2017 bezugsfertig ist und die „Neue Mitte“ am Herrenhäuser Markt komplett machen soll.

Einige Nachbarn werden ihren alten Bekannten vermissen. „Man hätte ihn bemalen und oben eine Gaststätte mit gläsernem Fahrstuhl draufsetzen können. Sogar die Herrenhäuser Gärten wären neidisch geworden“, sagt Kioskbesitzer Christian Korbach etwas wehmütig. Er hatte sich mit seiner Frau und anderen Bürgern aus Herrenhausen für eine Umnutzung der ehemals größten Zivilschutzanlage der Stadt eingesetzt. Damals hatte er mit Bildbeispielen gezeigt, wie man den Bunker bemalen könnte. Die Fotos verwahrt er noch in seinem Kiosk. Trotz Klarsichtfolie verblassen sie bereits, wie vermutlich schon bald die Erinnerung an den „Alten Knaben“ am Herrenhäuser Markt.