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Aus den Stadtteilen Eine Chronistin des Wandels
Hannover Aus den Stadtteilen Eine Chronistin des Wandels
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18:57 25.02.2015
Von Gabriele Schulte
Künstlerin Sylwia Jankowski nimmt Details in den Fokus. Quelle: Marta Krajinovic.
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Südstadt

Passanten bleiben gern mal stehen und fragen bei der Frau mit der Kamera nach: Warum richtet sie ihr Objektiv über Wochen immer wieder auf die leerstehende Schule in der Birkenstraße, die nach und nach demoliert wird? Warum interessiert sie sich besonders für Schutthaufen? „Ich bin eine Chronistin des Wandels“, sagt Sylwia Jankowski dann etwa. Manchmal ist ihre Antwort prosaischer: „Ich bin Künstlerin und dokumentiere den Abriss.“

Was da zurzeit abgerissen wird, ist eine nicht mehr benötigte Außenstelle der Wilhelm-Raabe-Schule, früher waren dort Fünft- und Sechstklässler des Gymnasiums untergebracht. Auf dem mehr als 13 000 Quadratmeter großen Grundstück an der Birkenstraße 12 soll ein Bildungszentrum mit einer Kindertagesstätte, einer Sporthalle und einem neuen Schulgebäude entstehen, das die derzeitige Grundschule Meterstraße ersetzen soll. Dafür wird der Schulkomplex aus den sechziger Jahren abgerissen, in dem zeitweise auch die Volkshochschule beheimatet war. Eine Gymnastikhalle ist den Abrissbaggern bereits zum Opfer gefallen, das Hauptgebäude ist voraussichtlich in einigen Wochen an der Reihe. Zurzeit werden dort Fußböden aufgestemmt und Glaswolle entsorgt.

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Sylwia Jankowski interessiert die frühere Nutzung der Gebäude nur am Rande - sie nimmt Details in den Fokus. Die 41-Jährige stammt aus Polen, lebt in Linden, hat in Hannover Architektur studiert und ist freischaffende Künstlerin. Die Wilhelm-Raabe-Schule ist nicht das erste Gebäude, dessen Abriss sie in Form von Fotos und Videos festhält. Sie fing vor drei Jahren damit an, als sie zufällig regelmäßig an einer Baustelle in der Dreyerstraße vorbeikam. „Über eineinhalb Monate habe ich dort den Abriss eines Wohnhauses jeden zweiten Tag dokumentiert“, erzählt sie. Die Bauarbeiter hätten sie sogar auf den Hubsteiger gelassen, es seien „ganz tolle Aufnahmen“ geworden. Doch dann fiel die Festplatte mit den gespeicherten Fotos herunter, und die Bilder waren komplett zerstört.

„Ich wollte mich nicht geschlagen geben“, erinnert sich die Künstlerin. In einem Hinterhof in der Marienstraße habe sie die Abriss-Serie fortgesetzt, anschließend rund um ein Geschäftsgebäude in der Innenstadt. Besonders interessiere sie das, was sie „Umwälzungen“ und „Kreisläufe“ nennt, wo andere von schnödem Recycling sprechen: das Material auf den Schutthaufen und in den Containern, für die Wiederverwertung sortiertes Holz, Drähte und Glas. Einiges davon hat sie schon - in Absprache mit den Hoch- und Tiefbauämtern - selbst herausnehmen und in ihre Rauminstallationen und andere Kunstwerke integrieren können: Ausgediente Heizkörper, die sie bunt lackierte, eine verbogene Stahltür, ausrangierte Fenster aus dem sanierten Rathaus am Lindener Markt. Die Objekte waren zuletzt - alle künstlerisch verfremdet - in ihrer gut besuchten Ausstellung „Stadtlaboratorium“ in der Eisfabrik zu sehen.

„Wenn man genau hinschaut, wird man aufmerksam auf die fortwährende Bewegung in diesem vermeintlich starren System von Gebäuden und Straßen“, sagt Sylwia Jankowski. „Abreißen, wieder errichten, erweitern und neues Terrain erschließen - der pure Organismus.“ Auch wenn sich das nicht gleich jedem Passanten erschließt, verschafft die Künstlerin doch manchem schon durch ihre Arbeitsweise einen neuen Blick auf die Welt. „Viele Leute stellen sich an den Abrissstellen neben oder hinter mich, um das Ganze aus meinem Blickwinkel zu sehen“, erzählt Jankowski. Einige folgten ihrem Beispiel und fotografierten die Demolierung gleich selbst. Als Aktionskünstlerin versteht sich Jankowski zwar nicht. Sie sagt aber: „Ich freue mich immer, wenn ich die Menschen aufmerksam machen und anstecken kann.“

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