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Aus den Stadtteilen Zeitzeugen berichten aus der Zeit im Bunker
Hannover Aus den Stadtteilen Zeitzeugen berichten aus der Zeit im Bunker
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20:36 16.02.2015
Ruth Bischoff fand im Herrenhäuser Bunker Zuflucht. Quelle: Valentin
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Herrenhausen

Joachim Behre war erst vier Jahre alt, als er mit seiner Mutter immer häufiger im Herrenhäuser Bunker ausharren musste. „Aus der Lüftung drang ein furchterregendes Röhren und Heulen, und wenn Bomben fielen, war der ganze Koloss am Schwanken und Vibrieren“, erinnert sich der 75-Jährige als sei es gestern gewesen. Bei den Erwachsenen aber wuchs die Sorge, ob sie nach der Entwarnung überhaupt noch ein Zuhause hatten. Der Stadt-Anzeiger hat jetzt mit zwei Zeitzeugen gesprochen, die die Zeit im Bunker noch als Kinder erlebten.

Ruth Bischoff, geborene Rosemeier, wohnte damals im Nebenhaus an der Wendlandstraße 3. Ihre Mutter litt an Multipler Sklerose. Wenn die Luftsirenen „Alarm“ gaben, trug sie oft der freundliche Nachbar Friedrich Weferling die zwei Stockwerke hinab bis zu einem Rollstuhl. War er jedoch zur Arbeit, setzten Ruth und ihre Großmutter die kranke Frau in einen mit Bettzeug vollgestopften Wäschekorb und bugsierten sie mühselig die Treppen hinab. Auch die zehnjährige Ruth Rosemeier hatte im Bunker stets ihr Köfferchen dabei. Wie ein Trost aus jüngeren Kindertagen lag darin ihre Babypuppe „Karin“ - samt Jäckchen und einer kleinen Decke, damit „Karin“ nicht frieren musste.

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Ansonsten fühlte das Mädchen sich im Bunker sicher. „Den Aufenthalt empfand ich als eine Mischung aus Abenteuer und Langeweile“, sagt Ruth Bischoff. Ein Ereignis aber geht ihr nie aus dem Sinn. Im Frühjahr 1945, nicht weit vor Kriegsende, wurde in der Umgebung ein englisches Kampfflugzeug abgeschossen. Der Pilot rettete sich mit dem Fallschirm. „Uniformierte hatten ihn aufgegriffen und brachten ihn in den Bunker“, berichtet Ruth Bischoff. „,Schlagt ihn tot!‘ haben manche Leute gerufen, unter Geschrei und Getümmel wurde der Engländer weggeführt.“ Was aus ihm geworden ist, hat sie nicht mehr erfahren.

Der Betonklotz, Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, weicht mittlerweile einem Neubauprojekt der Wohnungsgenossenschaft Herrenhausen. Für eine Ausstellung im Info-Center der WGH an der Ecke Münterstraße hat sich der Historiker Wolfgang Reich mit der Geschichte des Herrenhäuser Bunkers befasst. Schon wenige Monate vor Kriegsbeginn 1939 wurden in Hannover die ersten Bunker gebaut. Auch mit dem Ausbau der Keller zu Luftschutzräumen und dem Aufsetzen der „deutschen Vollgasmaske“ waren die Bewohner bereits vertraut. Nachdem es in den ersten beiden Kriegsjahren in Misburg und einigen Stadtteilen Hannovers zu einzelnen Bombenabwürfen gekommen war, wurde der Bunkerbau forciert.

Der Herrenhäuser Bunker entstand etwa 1941/42. Als 1943 die Alliierten ihre Luftangriffe erheblich verschärften, wurde er umso mehr gebraucht. Von ihrem Wohnhaus in der Wendlandstraße 2 bis zum Bunker haben es der kleine Joachim Behre und seine Mutter manchmal nicht schnell genug bis zum Schutzraum geschafft. Ab der Herrenhäuser Kirche führte der Weg früher zwischen Kleingärten hindurch. „Irgendwo unter Hecken oder in einem Graben sind wir dann notdürftig in Deckung gegangen“, erinnert sich Behre.

Von Gerda Valentin

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