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West 100 Frühaufsteher beobachten Venustransit
Hannover Aus den Stadtteilen West 100 Frühaufsteher beobachten Venustransit
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21:00 06.06.2012
Frühaufsteher haben in der Sternwarte den Linden beobachtet, wie sich die Venus vor die Sonne schiebt. Quelle: Herzog
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Linden

Es ist ein einmaliges Schauspiel. Langsam schiebt sich die Sonne über den Horizont hinter den Dächern von Hannovers Innenstadt und färbt die Schleierwolken erst rot, dann leuchtend orangefarben. Eine ganz normale Morgendämmerung, wäre da nicht der kleine schwarze Punkt, der über die Sonnenscheibe wandert. Um ihn zu sehen sind mehr als hundert Hannoveraner am Mittwoch in aller Frühe aufgestanden und zur Sternwarte auf dem Lindener Berg gekommen. Denn der Venustransit ist eines der seltensten Himmelsschauspiele, der nächste wird erst wieder in 105 Jahren zu sehen sein. Ein Datum, das nicht einmal die Kinder erleben werden, die auf der Aussichtsplattform durch mit Spezialfolie beklebte Brillen gebannt auf die Sonne schauen.

Einige haben ihre ganze Teleskopausrüstung mitgebracht und schrauben eifrig an den mit Spezialfolie beklebten Objektiven herum. Andere setzen einfach die Pappbrillen auf, die sie nach der Sonnenfinsternis von 1999 aufgehoben haben. Daniel Richter hat kurzerhand seine Digitalkamera umfunktioniert und vorne auf das Objektiv dunkle Folie geklebt. So kann er das Ereignis gleich als Bild festhalten. „Den letzten Transit vor acht Jahren habe ich leider verpasst. Da muss ich die Chance nutzen“, sagt der Philosophiestudent. Etwas weiter hinter ihm hat Thomas Schulte sein Teleskop aufgebaut. Sein elfjähriger Sohn Fred wippt daneben ungeduldig auf und ab: „Papa, wann kann ich denn endlich gucken?“ Er sei schon um drei Uhr in der Nacht aufgewacht, weil er so aufgeregt war, erzählt Fred. „Das ist total cool. So viele Leute erleben das nicht. Ich will das einmal in meinem Leben gesehen haben.“

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Fred ist nicht der einzige junge Sternengucker an diesem Morgen. Gisela Buße, Erdkundelehrerin an der Wilhelm-Raabe-Schule, hatte mit ihrer Schulklasse über die Venus und ihre Reise über die Sonne gesprochen und zur gemeinsamen Transitschau eingeladen. „Zwei Drittel der Klasse sind gekommen“, sagt sie stolz. Auch Christian Weber und David Zgorski beobachten gespannt den Sonnenaufgang durch ihre Sonnenfinsternisbrillen. „Es ist komisch, sich vorzustellen, dass man das nicht mehr sieht“, sagt Christian. Den beiden Elfjährigen macht es nichts aus, schon um fünf wach zu sein, um in den Himmel zu schauen. Schulfrei haben sie dafür zwar nicht, aber ein Frühstück mit der Klasse gibt es zur Belohnung.

Peer Höcker hat dem Venustransit schon seit Jahren entgegengefiebert. „In meiner Kindheit habe ich einen Merkurdurchgang verpasst, weil der Himmel bewölkt war. Da wollte ich den Venus-transit unbedingt sehen“, sagt der Hobbyastronom. 2004 war es dann soweit: Zum ersten Mal seit dem 18. Jahrhundert passierte die Venus wieder die Sonne. Weil solche Transits aber paarweise auftreten, hat er nun noch einmal die Gelegenheit. „Für einen Amateurastronomen ist das ein Traum“, sagt der selbstständige Energieberater.

Für Stirnrunzeln bei allen Beobachtern sorgen jedoch die Wolken, die sich immer weiter vor der Sonne verdichteten. Schon kurz vor sechs Uhr ist die Sonne nur noch in kurzen Abschnitten zu sehen. „Doch man konnte sie immerhin sehen“, sagt Benjamin Knispel. Er ist Mitglied der Sternwarte und beantwortet an diesem Morgen geduldig alle Fragen der Besucher. Dass so viele kommen würden, damit hatte er nicht gerechnet. „Aber es ist schließlich die letzte Chance.“ Über die enorme Zeitdimension macht sich Iris Raspini wenig Gedanken. „Es gibt viele Dinge, die man nur einmal erlebt“, sagt sie und schaut ein letztes Mal auf die leuchtende Sonne, bevor die Wolkendecke sich vor der Sonne wie ein Vorhang im Theater schließt.

Juliane Kaune 06.06.2012
31.05.2012