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West Fritz Treu hat den Holocaust in Hannover überlebt
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Ahlem: Fritz Treu hat den Holocaust in Hannover überlebt

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08:00 27.05.2019
Blättert in dem Buch „Fritz Treu – Irgendwie habe ich immer Glück gehabt – Lebenserinnerungen“, das die Geschichte seines Vaters erzählt: Frank Treu, Sohn des Holocaustüberlebenden Fritz Treu. Quelle: Moritz Frankenberg
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Ahlem

„Es war kein leichtes Leben“, tönt Fritz Treus Stimme über die Lautsprechanlage, begleitet von einem kaum merklichen Rauschen im Hintergrund. Mehr als 30 Jahre ist es her, dass der damals 82-jährige Holocaust-Überlebende seine Erlebnisse vor und während der NS-Zeit auf Kassetten aufgenommen hat. Am Sonntag hörten 70 Besucher die Originalaufnahmen in der Gedenkstätte Ahlem, darunter auch Nachkommen Treus, die eigens aus Kalifornien angereist waren. Sie waren gekommen, um die Präsentation des Buches „Fritz Treu – Irgendwie habe ich immer Glück gehabt“ zu erleben, die die Gedenkstätte Ahlem im zweiten Teil ihrer Schriftenreihe herausgegeben hat. Das Buch erzählt die Lebensgeschichte des Hannoveraners Fritz Treu, der die Nazizeit überlebt hat. Er starb 1993 in Amerika.

„Mittlerweile ist es wohl schon 15 Jahre her, dass ich von einer Nichte von Treus Frau angesprochen wurde“, erinnert sich der Historiker und Mitherausgeber Hans-Dieter Schmid. „Sie erzählte mir von ihrem Onkel und den Tonbandaufnahmen.“ Weil es nicht gelang, das Buch von der Region finanzieren zu lassen, konnte das Projekt erst vor fünf Jahren begonnen werden. Dank der engen Zusammenarbeit mit der Familie, die etliche Fotoalben und Materialien zur Verfügung stellte, habe das Buch nun veröffentlicht werden können, erzählt Renate Riebe, die es bearbeitete und kommentierte.

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Unter den Familienmitgliedern, die aus Kalifornien angereist waren, befand sich auch Treus Sohn. Er war vier Jahre alt, als seine Eltern 1951 mit ihm nach Amerika auswanderten. „Die Geschichten, die meine Eltern immer wieder beiläufig erzählt haben, fand ich schon immer interessant“, erinnert sich Frank Treu. „Deshalb habe ich meinem Vater irgendwann die Kassetten in die Hand gedrückt und ihn gebeten, zu erzählen.“ Während die Tonbandaufnahmen in der Gedenkstätte abgespielt werden, sieht man Frank Treus Hände leicht zittern. „Es fühlte sich fast an, als säße er mir wieder gegenüber“, sagt er.

Doch nicht nur für die Familie hat die Geschichte von Fritz Treu eine große Bedeutung. Treu, der mit seiner humorvollen und optimistischen Art von seiner harten Kindheit und Jugend als Jude in Hannover berichtet, beeindruckt auch jüngere Besucher. „Von der Schule aus fahre ich bald nach Krakau, um mich mit der NS-Zeit genauer zu befassen“, erzählt die 17-jährige Schülerin Marie Britti. „Unsere Lehrerin hat uns auf die Veranstaltung heute hingewiesen, die Teilnahme ist aber freiwillig.“ Bereut hat sie den Besuch der Buchpräsentation nicht. So geht es auch Alexander Rhein. „Es ist echt beeindruckend, wie viele schlimme historische Ereignisse Fritz Treu überlebt hat und wie viel Glück er hatte“, sagt der 19-Jährige.

Dass gerade die Sensibilisierung von jungen Menschen im Umgang mit der NS-Vergangenheit wichtig ist, betont auch die stellvertretende Regionspräsidentin Michaela Michalowitz. „Wir müssen auch junge Menschen einbinden und deutlich machen, wie wichtig regionale Geschichtsforschung auch heute noch ist“, sagt sie und erinnert an einen antisemitischen Brandanschlag in der Nacht zu Sonnabend auf das Haus eines jüdischen Einwohners von Hemmingen. „Rechtspopulistisches Gedankengut breitet sich immer mehr aus, daher meine Bitte an Sie alle: „Gehen Sie zur Europawahl.“ Dem schloss sich auch Frank Treu an. „Die Botschaft meines Vaters lautete: Toleriert und feiert die Unterschiede, denn so finden wir das Gute ineinander.“

Von Nina Hoffmann