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West Eine Rundfahrt durch den Hafen
Hannover Aus den Stadtteilen West Eine Rundfahrt durch den Hafen
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12:42 03.12.2014
Zwischen den hellen Baumwollvorhängen bietet sich der beste Ausblick.
Zwischen den hellen Baumwollvorhängen bietet sich der beste Ausblick. Quelle: Felix Schledding
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Hannover

Etwas muffige Luft steigt den Fahrgästen beim Einstieg in den alten Passagierwaggon entgegen - eine Klimaanlage gibt es hier nicht. Schnell sind die direkt am Fenster gelegenen Plätze auf den Sitzbänken aus türkisfarbenem Leder besetzt. Denn zwischen den hellen Baumwollvorhängen bietet sich der beste Ausblick.

Die Gruppe im Waggon will wissen, wie es hinter den Kulissen des Lindener Hafens aussieht. „Wir leben seit über 30 Jahren in Hannover und haben noch nie gesehen, was sich hinter den Zäunen verbirgt“, sagt Hans-Peter Schramm, der mit seiner Frau Gisela Bruch Platz genommen hat. Nur ganz selten öffnet der Hafen seine Tore für Besucher. Das Angebot der örtlichen SPD, an einer Rundfahrt mit dem Besichtigungswaggon der Hafenbahn teilzunehmen, machte nun 34 Leute neugierig.

Die orangefarbene Lok nimmt mit leichtem Ruck Fahrt auf, auch der betagte Passagierwaggon setzt sich in Bewegung. Für einen Moment müssen die Schranken an der Davenstedter Straße geschlossen werden, damit der Lokführer den Zug auf der anderen Seite des Hafengeländes auf das richtige Gleis manövrieren kann. Dann bahnt sich das Gespann seinen Weg, immer am Stichkanal entlang, unter den Kränen hindurch, vorbei an den Industriegebäuden.

Bis 1990 war der Hafen ein reiner Kohlehafen, an dem das Brennmaterial für das Lindener Heizkraftwerk angeliefert wurde. Nachdem dieses auf Gas umgestellt wurde, erinnert heute nichts mehr an das Geschäft mit dem schmutzigen Rohstoff. Die Fahrt geht vorbei an Grundstücken mit grauen Gebäuden. Sie seien an Unternehmen wie Wabco, Universal Stahl oder Jadestahl vermietet, erklärt Hafengeschäftsführer Jörn Ohm, der die Rundfahrt begleitet. Mit dem Kran werden im Hafen Güter für die Firmen entladen, meist Stahl und Schrott. „Die leeren Gebäude hier dienen als Lärmschutz für die Wohngebäude, die in 200 Metern Entfernung liegen“, sagt Ohm durchs Mikrofon, als der Zug an verlassenen Bauten vorbeifährt. Hin und wieder werden seine Ausführungen von einem Fiepen des Mikrofons gestört. Auch die Technik an Bord ist so alt wie der weiß-weinrotfarbenen Waggon: „Schätzungsweise 45 Jahre.“

Die Zahlen zum Hafen, die Ohm während der Fahrt nennt, beeindrucken die Gäste: Etwa 3000 Menschen sind auf einer Fläche von 72 Hektar in den rund 50 angesiedelten Betrieben beschäftigt. Doch das Treiben auf dem Gelände ist weniger hektisch, als man vermuten würde. Schiffe sieht man an diesem Vormittag nicht anlegen. Das hat einen Grund: In den vergangenen Monaten haben einige Betriebe aufgehört, den Hafen als Umschlagsplatz zu nutzen. Waren es 2012 noch mehr als 300 Schiffe mit einem Volumen von mehr als 262 626 Tonnen, verlor der Hafen ein Jahr später 200 Schiffe und 160 000 Tonnen Ladung. Dabei ist der Umschlag neben den Mieteinnahmen für die Gebäude im Hafen eine wichtige Einnahmequelle. „Kran drei ist zur leider Zeit arbeitslos“, sagt Ohm durch das fiepende Mikrofon. Im Rückwärtsgang zuckelt der Zug zurück zum Ausgangspunkt. Noch einmal müssen die Hafenmitarbeiter die Schranken an der Davenstedter Straße schließen. Auf der anderen Straßenseite liegt das große Railterminal. Denn nicht nur der Stichkanal gehört zum Hafengelände: „Der Hafen Hannover ist ein trimodaler Standort“, erklärt Ohm. Die Güter können auf dem Wasser, der Schiene und der Straße ihren Weg zum Kunden finden. Gerade ist eine Lieferung aus Italien angekommen. Es sind Nudeln. „Der Zug aus Verona ist einen ganzen Tag lang unterwegs - der Bedarf in Hannover ist anscheinend groß genug“, scherzt Ohm. Vom Zug aus wird der blaue Container mit den Teigwaren auf einen Lastwagen verladen.

Vor allem, weil die Geschäfte über den Wasserweg zurückgegangen sind, sei der Railterminal und der Übergabebahnhof mit Anschluss an das Netz der Deutschen Bundesbahn wichtig für den Hafen, betont Ohm. Und so ist das Bild, dass sich den Passagieren dort bietet, auch etwas geschäftiger als am Ufer auf der anderen Seite der Davenstedter Straße. Mit dem sogenannten Reachstacker, einem großen Gefährt, das einem mobilen Kran ähnelt, werden die Container verladen. Bis zu 70 Tonnen Gewicht kann dieses 450 000 Euro teure technische „Monster“ mit seinen 300 PS anheben. Spätestens jetzt entfährt dem einen oder anderen Fahrgast ein beeindrucktes „Ahh“ oder „Ohh“.

Auf dem Rückweg muss der Passagierzug notgedrungen eine Pause machen: Auf dem Gleis steht ein Güterzug, der mit dem Reachstacker beladen wird. Die Luft in dem alten Waggon ist inzwischen noch stickiger als beim Einsteigen. Die Rundfahrt aber hat der Gruppe an Bord gut gefallen - vielleicht gerade auch wegen des verstaubten Ambientes. „Die Informationen über den Hafen waren wirklich interessant“, finden Hans-Peter Schramm und seine Frau. Man kommt schließlich nicht alle Tage in den Genuss, hinter die Zäune des Hafens blicken zu dürfen.

Juliane Kaune 03.12.2014
Juliane Kaune 03.12.2014