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West Brückenbau behindert Verkehr im Westen
Hannover Aus den Stadtteilen West Brückenbau behindert Verkehr im Westen
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15:51 17.06.2015
Von Juliane Kaune
Hier wird es eng: Unter die Brücke an der Wunstorfer Straße würde derzeit keine Stadtbahn passen.
Hier wird es eng: Unter die Brücke an der Wunstorfer Straße würde derzeit keine Stadtbahn passen. Quelle: HAZ
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Hannover

Es ist ein Mammutprojekt: Gleich vier Brücken im Westen Hannovers will die Deutsche Bahn zeitgleich abreißen und neu errichten lassen, weil sie altersschwach sind. Der Startschuss fällt Anfang 2017 - und dann wird bis zum Frühjahr 2018 ununterbrochen gebaut. Mit spürbaren Folgen für den Verkehr: Vor allem an der Wunstorfer Straße und der Davenstedter Straße, zwei wichtigen Hauptverbindungen in West-Ost-Richtung, müssen sich alle Verkehrsteilnehmer auf erhebliche Behinderungen einstellen. Rund ein Jahr lang werden die beiden Straßen, über die zusammen täglich rund 16 400 Autos rollen, nur einspurig befahrbar sein. Von dem gesamten 15 Millionen Euro teuren Vorhaben sind fünf Stadtteile betroffen: Linden, Limmer, Ahlem, Badenstedt und Davenstedt. In den beiden zuständigen Bezirksräten stellten Vertreter der Deutschen Bahn ihre Pläne jetzt vor.

Die Standorte

Die Bahnbrücken, die 1906 zusammen mit der Güterumgehungsbahn gebaut wurden, haben sich lange standhaft gezeigt. „Nun ist es nötig, dass wir sie ersetzen“, sagte Projektleiter Wolfgang Frassek im Bezirksrat Linden-Limmer. Die bröckelnden Bauwerke über der Wunstorfer Straße, der Davenstedter Straße und der Ziegelstraße werden durch einen Neubau vollständig ersetzt; die vierte Brücke über der Fösse wird nur in Teilen neu gebaut.

Der Zeitplan

Der Zeitplan sieht im zweiten Halbjahr 2016 vorbereitende Arbeiten vor, etwa Untersuchungen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes und das Verlegen von Leitungen. Im Februar 2017 folgen die Rammarbeiten, danach werden Hilfsbrücken errichtet. Im Mai beginnt dann die eigentliche Bauphase, die bis April 2018 dauern wird.

Die Verkehrsbehinderungen

Besonders im Fokus steht die Wunstorfer Straße, über die als Teil der B 441 auch viel Verkehr aus dem und in das westliche Umland abgewickelt wird. Zwischen Februar und Mai 2017 muss die Fahrbahn an insgesamt 14 Tagen (darunter drei Wochenenden) voll gesperrt werden. Danach bleibt an der Wunstorfer Straße ebenso wie an der Davenstedter Straße über zwölf Monate bis zum Ende der Bauarbeiten nur noch eine Fahrspur nutzbar. Autos und Radfahrer können zwar weiterhin in beide Richtungen unterwegs sein, der Verkehr muss aber über Be-helfsampeln geregelt werden. Die Umleitungen, von denen auch die Busse der Linien 700 und 120 betroffen sind, sollen im Wesentlichen über Carlo-Schmid-Allee und Eichenbrink laufen; der Schwerlastverkehr wird über Südfeldstraße und Lindener Hafen gelenkt. Ein Jahr lang wird zudem die Badenstedter Straße nur einspurig befahrbar sein. Dort laufen während des Brückenbaus Gleisarbeiten auf der Strecke der Stadtbahnlinie 9.

„Die Qualität des Verkehrs wird größtenteils aufrechterhalten“, sagte Ulrike Kurcharzyk vom Büro SHP-Ingenieure, das die Verkehrsplanung im Auftrag der Bahn konzipiert hat. Die Politiker im Bezirksrat Linden-Limmer sehen das anders. „Wie soll das funktionieren, wenn das halbe Verkehrsnetz gekappt wird?“, fragte Einzelvertreter Jörg Schimke in der jüngsten Sitzung des Gremiums. In der Bürgerfragestunde gab Anwohner Uwe Stade aus Limmer zu verstehen, dass es besser sei, den kompletten Verkehr über die Südfeldstraße umzuleiten statt über den Eichenbrink.

Die Stadtbahnabbindung an die Wasserstadt

Für die neuen Brücken gilt grundsätzlich, dass die Höhen und Breiten der Bauwerke nicht verändert werden - sie werden nach den alten Maßen wiedererrichtet. Allerdings gibt es an einer Stelle ein Problem: Unter der Brücke Wunstorfer Straße könnte nach derzeitigem Stand der Planungen keine Stadtbahn hindurchfahren. Dies wäre aber notwendig, wenn die Gleistrasse zur Anbindung des künftigen Wohngebiets Wasserstadt Limmer bis nach Ahlem-Nord verlängert würde - eine von der Stadt geplante Option. „Wir haben 2012 bei der Stadt nachgefragt, eine Aufweitung der Brücke wurde seinerzeit nicht gewünscht“, erklärte Bahnvertreter Frassek im Bezirksrat. Weil die Wirtschaftlichkeit der Wasserstadt-Strecke aber noch nicht erwiesen ist, bestand die ebenfalls an dem Verfahren beteiligte Region Hannover nicht auf einer entsprechenden Planung beim Brückenbau - sonst hätte sie sich von vornherein an den Kosten in Höhe von einigen Millionen Euro beteiligen müssen. Laut Region gibt es gleichwohl nach wie vor eine Möglichkeit, die Stadtbahnverlängerung zu bauen. Die Frage der Kosten stellt sich dann jedoch erneut.

Weitere Schritte

In der jüngsten Sitzung des Bezirksrats Linden-Limmer wurde deutlich, dass die Politiker auf der Stadtbahnverlängerung bestehen werden. In der Juli-Sitzung des Stadtteilgremiums könnte ein entsprechender Antrag eingereicht werden. Dieser Wunsch würde in eine Beschlussdrucksache der Verwaltung einfließen, die erst dem Rat der Stadt zur Entscheidung vorgelegt und dann an die Gremien der Region weitergegeben wird. Das soll nach der Sommerpause so weit sein.

"Bei uns wackeln jedes Mal die Regale"

Seit mehr als zehn Jahren streiten Anlieger der Güterumgehungsbahn im Westen der Stadt immer wieder mit der Deutschen Bahn über den Schienenlärm. Nun, wo vier sehr alte Brücken grunderneuert werden, pochen die Anwohner erneut auf mehr Lärmschutz an der Tag und Nacht befahrenen Strecke. Auch im Bezirksrat Ahlem-Badenstedt-Davenstedt regt sich Widerstand. Doch die Bahn sieht offenbar keine Notwendigkeit, die neuen Brücken so zu bauen, dass die Züge geräuschärmer fahren. „Da analog zum Bestand saniert wird, ist die Lärmreduktion kein Ziel.“ Mit dieser Aussage zog der zuständige Ingenieur Ludolf Krontal den Zorn der Anlieger in der jüngsten Bezirksratsitzung auf sich. Auch die Vertreter der Grünen waren mit den Aussagen zum Thema Lärm nicht einverstanden. „Mir scheint es eine Verschwendung von Steuergeld zu sein, eine Brücke weit unter dem neuesten Stand der Technik und ohne Schallschutz zu bauen“, kritisierte Bezirksratsherr Wilhelm Vogt die Vertreter der Bahn. Die verteidigten das Vorhaben unter Berufung auf das Bundesimmissionsschutzgesetz. Demnach muss bei dem Bau einer Anlage nur dann Lärmvorsorge getroffen werden, wenn sie ganz neu errichtet oder wesentlich baulich verändert wird. Beides ist nach Ansicht der Bahn-Planer nicht der Fall.

Die Fraktionen im Bezirksrat wollen prüfen, ob sie bis zur Juli-Sitzung einen Änderungsantrag bei der Stadt stellen. Sie ist in dem Verfahren beteiligt. Für einige Anlieger steht bereits fest, dass sie gegen die Erneuerung der Brücken protestieren wollen. „Was die Bahn vorhat, ist nicht mehr zeitgemäß“, kritisierte auch Walter Feldt, Umweltgutachter und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des BUND Niedersachsen. Er hält den Verweis auf die Erneuerung im Bestand für einen Versuch der Bahn, die Kosten für zusätzlichen Lärmschutz zu umgehen. „Es sind Rechtsprechungen erstritten worden, die der Argumentation der Bahn widersprechen“, sagte Feldt. Bereits 2013 überreichten der BUND und eine Bürgerinitiative aus dem Stadtbezirk eine Resolution mit 800 Unterschriften gegen den Lärm der Güterzüge an die Bahn. „Geändert hat sich nichts“, ärgerte sich Heidi Rhein.

Bei der Davenstedterin misst ein Mikrofon auf dem Dach den Lärm jedes Zuges, der an ihrem Haus an der Hildeboldstraße vorbeirauscht. Mindestens fünfmal pro Stunde schlägt der Pegel in den 70-Dezibel-Bereich aus, auch in der Nacht. 49 Dezibel sieht die Verkehrslärmschutzverordnung nachts als Grenzwert vor. „Bei uns wackeln jedes Mal die Regale“, beschwerte sich eine Besucherin im Bezirksrat. Betroffen ist vor allem ein Viertel zwischen Bahndamm und Carlo-Schmid-Allee sowie zwischen Lindener Hafen und Davenstedter Markt. Heidi Rhein will auf jeden Fall Einspruch gegen die Pläne der Bahn einlegen. Die Bürgerinitiative gegen Schienenlärm trifft sich am Mittwoch, 24. Juni, um 19 Uhr im Kulturtreff Plantage, Plantagenstraße 22.

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