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West Bornum, ich komm’ aus dir
Hannover Aus den Stadtteilen West Bornum, ich komm’ aus dir
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18:02 04.12.2014
Von Sabrina Mazzola
Jens Menge fuehrt durch den Stadtteil Bornum. Menge vor dem Jugendtreff.
Jens Menge fuehrt durch den Stadtteil Bornum. Menge vor dem Jugendtreff. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

In Bornum einen Treffpunkt zu finden, ist nicht leicht. Kein Café, kein Marktplatz, nicht mal eine Parkbank gibt es. Infrage kommen deshalb nur die Sitzbank an der Bushaltestelle oder zwei Bistrostühle mit Tisch vor dem einzigen Kiosk des Stadtteils.

Jens Menge, Historiker und stellvertretender Vorsitzender des Bornumer Kultur- und Stadtteilvereins, entscheidet sich für den Kiosk in der historischen Hauptstraße Im Dorfe. Der Miniladen „Bei Serkan“ wirbt mit dem Slogan „6 Bier kaufen, 1 Bier gratis“. Kaffee holen sich die Gäste selbst aus dem Automaten. „Hier“, sagt Menge mit einem Kaffee auf einem der hohen Stühle balancierend, „gibt es wenig - aber was will man auch erwarten bei einem Stadtteil mit weniger als 1400 Einwohnern?“

Doch in Bornum gibt es noch etwas weniger als erwartet: keine Bäckerei, keine Apotheke, keinen Allgemeinmediziner, keine Schule. „Wir haben kein Gemeindezentrum und kein öffentliches Gebäude in Bornum - das ist nicht finanzierbar“, sagt Menge, der für die SPD im Bezirksrat Ricklingen sitzt. Auch der Bornumer Kultur- und Stadtteilverein büßt Mitglieder ein und wird nicht mehr lange bestehen: Er hat nur noch etwa acht Aktive. „Das ist ein Generationenproblem, die Jüngeren identifizieren sich nicht mehr mit dem Stadtteil. Ich bin bei Weitem der Jüngste“, sagt der 39-Jährige, der in Bornum aufgewachsen ist und aus Überzeugung in dem Stadtteil lebt. Selbst die Ausübung von Bürgerpflichten sei im Stadtteil nicht einfach, sagt Menge mit einem gewissen Zynismus: „Wenn Wahlen sind, müssen die Bornumer in den Jugendtreff der Naturfreundejugend gehen.“

Die fehlende Infrastruktur ist teils auch dem Zuschnitt des Stadtteils geschuldet: Bornum, das wie ein verzerrtes Quadrat aussieht, ist durch die Bahnlinie und die B 65 sehr klar begrenzt - und wird von der Bornumer Straße in zwei Teile geteilt. Zudem ist das Wohngebiet im Osten, das nur sechs Straßen hat, für Autos lediglich über die Bornumer Straße zugänglich. Im Westen des Stadtteils befindet sich das Industriegebiet mit dem Großmarkt und dem Famila-Supermarkt. Auch den Markt wird es nicht mehr lange geben: Zum Jahreswechsel wird er schließen. Was danach passiert, ist noch offen. „Das Industriegebiet wird von vielen nicht mehr als Bornum empfunden“, meint Menge.

Der Kern Bornums spiegelt in Teilen noch den einstigen dörflichen Charakter wider. Die Geschichte des als „Bornem“ gegründeten Stadtteils begann aktenkundig bereits im Jahr 1130 als Bauernsiedlung mit 13 Hofstellen. Daran änderte sich über Jahrhunderte nur wenig - bis die Stadt 1950 Land und viele Bauernhöfe aufkaufte, um die Wohnungsnot infolge der Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs zu lindern. Fortan kamen immer mehr Mehrfamilienhäuser dazu. Sehr zum Bedauern des Bezirksratsherrn Menge: „Mit dem Geschosswohnungsbau kam auch eine andere Klientel.“

Der Blick auf die Strukturdaten des Stadtteils zeigt, dass der Anteil an Arbeitslosen und Empfängern von Sozialleistungen deutlich über dem stadtweiten Durchschnitt liegt. Doch Menge berichtet, dass es keine besonderen Auffälligkeiten gebe - das Zusammenleben in Bornum funktioniere. Auch der Kontaktbeamte der Polizei sei zufrieden mit dem Miteinander in Bornum. „Außerdem haben wir eine gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel und eine relativ grüne Lage“, nennt Menge zwei Vorzüge des Stadtteils. Und immerhin gibt es einen Kindergarten und den Jugendtreff Bornum, der in einem alten Feuerwehrgebäude zahlreiche Veranstaltungen für junge Leute anbietet. Eine große Kleingartenkolonie und eine aktive Freiwillige Feuerwehr, die inzwischen sogar eine Kinderfeuerwehr hat, setzt Menge ebenfalls auf die Liste der positiven Entwicklungen.

Doch vom grundsätzlichen Problem könne das alles nicht ablenken: „Bornum ist nur noch ein Schlafstadtteil, in den man nach der Arbeit kommt“, meint Menge ernüchtert. Und einer, der schrumpft: Während fast alle hannoverschen Stadtteile Einwohner dazugewinnen, liegt der aktuelle Stand in Bornum mit 1321 unter der Einwohnerzahl des Jahres 1970. In dem Stadtteil ist genau das passiert, was sich seit Jahrzehnten vor allem in kleinen und mittelgroßen Dörfern vollzieht. „Erst hatten wir keine Schule mehr, dann fielen die Post, Ärzte, Vereine und Einkaufsmöglichkeiten weg“, zählt Menge auf. „Heute fahren die Bornumer nach Badenstedt oder Mühlenberg, um ihre Besorgungen zu machen oder zum Arzt zu gehen.“ Er glaubt deshalb, dass Bornum in Zukunft eher Quartier als Stadtteil sein wird.

Bornum müsse sich viel stärker mit seinen Nachbarstadtteilen vernetzen, meint Menge. Und: „Die größte Herausforderung wird sein, alten Menschen eine wenigstens halbwegs wohnortnahe Versorgung mit Ärzten und Apotheken zu ermöglichen.“ Er selbst will aus seinem Stadtteil jedenfalls nicht weg - und kann sich auch vorstellen, dort alt zu werden.

Kleiner Stadtteil mit langer Geschichte

Bornum hat derzeit 1321 Einwohner und ist damit – gemessen an der Bevölkerungszahl – der zweitkleinste Stadtteil Hannovers. Nur in Wülferode leben noch weniger Menschen. Die Arbeitslosenquote in Bornum liegt mit 11,9 Prozent deutlich über dem hannoverschen Durchschnitt, der 7,8 Prozent beträgt. In dem Stadtteil beziehen auch mehr Menschen Sozialleistungen: Es sind 24,2 Prozent – im stadtweiten Durchschnitt sind es 15,2?Prozent. Die Bevölkerungsentwicklung weist ein Minus von 0,8?Prozent auf. Bornum ist damit einer von nur zwei hannoverschen Stadtteilen, die in den vergangenen Jahren Einwohner verloren haben. Die Geschichte des kleinen Stadtteils im Überblick: n 1130: Bornum wird erstmalig schriftlich als Ort mit dem Namen Bornem erwähnt. n 1592: Das Amt Calenberg listet in Bornum insgesamt 13 Anwesen und 17 Gebäude auf. n 1679: Erster Schulunterricht in der Gemeinde. n 1770: Bornum erreicht die Zahl von 120 Einwohnern. n 1896: Gründung des Männergesangvereins. n 1900: Die Bornumer Schule hat eine Klasse mit 64 Schülern, die in einem Raum unterrichtet werden. n 1902: Gründung der Freiwilligen Feuerwehr. n 1908: Abstimmung der Bornumer über die Eingemeindung in die Stadt Linden mit 63 Ja- und 27 Nein-Stimmen. n 1909: Eingemeindung in die Stadt Linden. n 1920: Eingemeindung der Stadt Linden und Bornums nach Hannover. n 1928: Gründung der Poststelle in Bornum n 1940: Bomben fallen auf Bornum, Güterumgehungsstrecke, Fabriken und Flakstellung auf dem Tönniesberg sind das Ziel. n 1944: Schwerster Bombenangriff aus Bornum, der fast den gesamten Stadtteil zerstört. n 1953: In Bornum werden Straßennamen eingeführt – bis dahin gab es nur Hausnummern. n 1958: Umsiedlung des Großmarktes vom Klagesmarkt zum Tönniesberg in Bornum, die Bahnverbindung zum Großmarkt wird in Betrieb genommen. n 1959: Aufgabe und Verkauf der letzten landwirtschaftlichen Höfe, um nach dem Krieg neue Wohnungen zu schaffen. Ziel ist die Steigerung der Einwohnerzahl von 500 auf 2500. n 1969: Die Bornumer Straße wird eingeweiht. n 1980: Bornum hat 1628 Einwohner – so viele wie nie zuvor.sam

Juliane Kaune 04.12.2014