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West „Sie kommen von jetzt auf gleich“
Hannover Aus den Stadtteilen West „Sie kommen von jetzt auf gleich“
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20:32 17.06.2015
Von Sabrina Mazzola
Hier sollen sehr kurzfristig die Flüchtlinge auf Feldbetten wohnen: Blick in die Schulsporthalle der Grundschule Kastanienhof am Mittwoch. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Ein Kleintransporter nach dem anderen fährt auf den Parkplatz der Grundschule Kastanienhof in Limmer. Schlosser und Elektriker bereiten die 400 Quadratmeter große Turnhalle für den Einzug der rund 30 Flüchtlinge vor, die am Mittwoch ankommen. Eine Firma verlegt ein Bodenvlies zum Schutz des Hallenbodens, die nächste räumt die schweren Sportgeräte aus der Halle, eine Putzfrau wischt schon einmal durch. Ob der Zeitplan wirklich klappt, ob am Donnerstag alle Trennwände gezogen und Feldbetten aufgestellt sind? Am Mittwochabend war das noch unklar. „Wir sind sehr kurzfristig informiert worden, dass weitere Flüchtlinge kommen - es kann sein, dass der Zeitplan nicht bis ins Detail funktioniert“, sagte Stadtsprecher Andreas Möser am Abend. Flüchtlingsunterbringung - das ist für alle Stadtverwaltungen derzeit ein großes Provisorium.

Aber auch für alle anderen ist die Situation nicht leicht. Sportvereine müssen umplanen, Schulklassen und Kita-Kinder auf die Halle verzichten. „Die Stadt hat uns erst am Dienstag um 16 Uhr informiert, dass am Donnerstag die Flüchtlinge kommen - von jetzt auf gleich“, sagt Schulleiterin Cornelia Aschmutat-Hesse ratlos. Immerhin: Die Stadt lässt eine Absperrung auf dem Grundstück errichten. Denn die Sporthalle ist nur über den Schulhof zu erreichen. Den nutzen die Grundschulkinder tagsüber - zugleich müssen aber die Flüchtlinge ihre Unterkunft erreichen und verlassen können. Bauzäune mit Sichtschutz sollen für eine Trennung der Nutzergruppen sorgen.

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Am Mittwoch ging alles so schnell, dass die meisten Anwohner noch gar nicht wussten, dass bald etwa 30 Menschen in der Halle der Grundschule wohnen werden. Die Meinungen darüber sind geteilt. „Wenn die Situation es verlangt, dann muss man eben teilen und abgeben“, sagt etwa Vera Burmester, erste Vorsitzende im Kulturtreff Kastanienhof, der in Sichtweite der Schule liegt. Allerdings hält sie den Plan für verfehlt, die Flüchtlinge, die ein Recht auf Privatsphäre hätten, so nah bei den Schulkindern unterzubringen. Die Passanten Heidi und Nina Mischewsky hingegen haben keine Bedenken. „Ich finde das gut, irgendwo müssen die ja unterkommen“, meinen sie.

Das aber sehen bei Weitem nicht alle so. „Meine Frau ist mit den Nerven am Ende, und auch ich habe heute Nacht nicht geschlafen“, sagt ein Anwohner. Er habe zwar Verständnis für die desolate Lage der Menschen. Aber „unsere Politiker treffen diese Entscheidungen - obwohl von denen keiner Tür an Tür mit Flüchtlingen lebt“.

Andere Limmeraner klagen, der Stadtteil verliere sein Gesicht. „Wir in Limmer waren mal stolz darauf, dass wir noch ein bisschen ländlich sind. Und jetzt kommen die Wasserstadt, die Flüchtlinge in Ahlem und die in der Turnhalle in Limmer. Wir werden von allen Seiten bombardiert“, meint eine 70-jährige Rentnerin.

Auch Schulleiterin Aschmutat-Hesse fühlt sich überrollt. „Die Unterbringung hier ist nicht ideal“, sagt sie. „Die Flüchtlinge haben eine bessere Unterkunft verdient, und für unsere Schule ist das zu kurzfristig.“ Es habe zwar vor einem halben Jahr ein Vorgespräch mit der Stadt gegeben, in dem sie informiert worden sei, dass die Turnhalle als Unterkunft irgendwann infrage komme. Doch der Vorlauf sei zu gering - sie habe die Kinder pädagogisch auf die Flüchtlinge vorbereiten wollen.

Immerhin sei durch die Abtrennung mit den Bauzäunen „klar, wo das Terrain der Schüler ist und wo das der Flüchtlinge“. Doch skeptisch ist die Schulleiterin trotzdem. „Eine Sache, die so wenig Vorlauf hat - ich habe Sorge, dass das nicht gut geht.“ Sie habe sich mit der Schulleitung in Ahlem unterhalten: „Da ist es auch nicht ganz einfach.“

Der Sportunterricht für die 165 Schüler ist indes nicht gefährdet. „Der läuft in der alten Turnhalle in vollem Umfang weiter“, sagt die Schulleiterin. Neun Kita-Gruppen und Vereinen kündigte die Stadt allerdings kurzfristig ihre Nutzungsverträge für die Turnhalle: Sie müssen jetzt woanders Sport machen.

In der Turnhalle, wo jetzt Feldbetten für die Hilfesuchenden aufgestellt werden, sind die sanitären Anlagen sehr begrenzt. Für etwa 30 Menschen gibt es drei Toiletten, ein Urinal und zwei Gruppen-Duschräume.

Einer derjenigen, die sich am meisten auf die Flüchtlinge freuen, ist Kioskbesitzer Ahmet Mukul. „Die aus der Turnhalle in Ahlem kommen auch immer zu mir und kaufen viele Guthabenkarten für ihre Handys - das werden die aus der Turnhalle Limmer sicher auch machen“, sagt der Türke lächelnd.

Kasten: 50 Standorte in der Stadt

2670 Flüchtlinge: So viele Hilfesuchende leben derzeit in Hannover, und der Landesquote zufolge muss die Stadt in diesem Jahr fast noch einmal so viele aufnehmen. Sie verfolgt dabei einen dreistufigen Plan. In mehreren Stadtteilen sind feste Gebäude als Unterkünfte im Bau oder fertig, in denen Flüchtlingsfamilien einquartiert werden. Als vorbildlich gilt das Projekt am Kronsberg. Es wird von vornherein so angelegt, dass dort später Studentenwohnungen oder Apartments eingerichtet werden können. Andere Flüchtlinge sind in ehemaligen Hotels oder angemieteten Häusern untergebracht. Weil der Platz in festen Häusern aber nicht reicht und Neubau zu lange dauert, sind Container-Wohnanlagen geplant. An etlichen Stellen ist bereits Planungsrecht hergestellt – ?allerdings hat sich herausgestellt, dass die Anschaffung der Container europaweit ausgeschrieben werden muss. Das dauert. Deshalb funktioniert die Stadt Sporthallen um – die in Limmer ist mittlerweile die vierte im Stadtgebiet. Auch das alte Oststadt-Klinikum ist belegt.

Juliane Kaune 17.06.2015
Sabrina Mazzola 20.06.2015
14.06.2015