Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
West „Ein Leben mit Aussicht“ endet
Hannover Aus den Stadtteilen West „Ein Leben mit Aussicht“ endet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:16 09.04.2014
Verleihung des Integrationspreises.
Verleihung des Integrationspreises. Quelle: Simon Peters
Anzeige
Hannover

Sieben Bewerbungen müssen Jugendliche mit einem türkischen Namen im Schnitt schreiben, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden - Jugendliche mit einem deutschen Namen dagegen nur fünf. Das besagt eine aktuelle Studie des Sachverständigenrates für Integration und Migration. Das Projekt „Ein Leben mit Aussicht“ - (ELmA) der Gesellschaft zur Förderung ausländischer Jugendlicher (GFA) setzt seit 2011 genau an dieser Stelle an - jetzt aber läuft es voraussichtlich aus. Denn der bisherige Haupt-Finanzier, die Aktion Mensch, stellt für ausgewählten Projekte nur drei Jahre lang Geld zur Verfügung.

Sozialarbeiterin Aicha Fadla Chouza hilft insbesondere jungen Türken zwischen 16 und 27 Jahren, Bewerbungen zu schreiben und sie auf mögliche Vorstellungsgespräche vorzubereiten. Die meisten von ihnen sind arbeitslos. Von 146 Teilnehmern konnten mithilfe des Projekts 61 in eine Ausbildung vermittelt werden. Ursprünglich hatte Fadla Chouza bei der Aktion Mensch angegeben, über die drei Jahre nur 50 Jugendliche betreuen zu wollen. Über Mund-zu-Mund-Propraganda in Linden-Limmer wurden es aber schnell dreimal so viele.

Zuerst klärt die 48-jährige Sozialarbeiterin in Gesprächen ab, was die Stärken und Schwächen der Jugendlichen sind. Gemeinsam werden unrealistische Berufswünsche identifiziert: Mit einer Vier in Deutsch sei zum Beispiel eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation eher unrealistisch, sagt Fadla Chouza. Anschließend suchen die Sozialarbeiterin und die Jugendlichen gemeinsam passende Ausbildungs- und Arbeitsplätze, erstellen Bewerbungsunterlagen und üben Bewerbungsgespräche.

Zwar werde das Bewerbungsschreiben häufig in der Schule geübt, die Lehrer erklärten aber beispielsweise selten, wie ein Jugendlicher am besten begründet, warum er nicht direkt nach der Schule eine Ausbildung begonnen hat, sagt Fadla Chouza. Genau da hilft sie weiter. „So eine intensive Betreuung gibt es nicht von der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter“, sagt sie. Die beiden Institutionen fördern das Projekt nicht, da die meisten der von der GFA betreuten Jugendlichen aus den bestehenden staatlichen Stütz- und Fördersystemen herausfallen, sagt Chouza: „Weil viele Jugendliche nicht in den Statistiken der Agentur für Arbeit auftauchen, lohnt sich das für die nicht.“ Nach Aussage des Deutschen Gewerkschaftsbundes gebe es eine „Grauzone“ unversorgter Jugendlicher, die aus jeder Ausbildungsmarktbilanz herausfallen.

Oft leidet Fadla Chouza mit den Jugendlichen, wenn sie eine erneute Absage bekommen. Mancher Jugendliche müsse bis zu 150 Bewerbungen schreiben. „Aber ich kann ihnen den Rücken stärken“, sagt sie. Die Sozialarbeiterin berichtet von einer jungen Frau, die sie schon länger berät und die eine Ausbildung zur Altenpflegerin beginnen möchte - doch ohne Realschulabschluss ist das schwierig. Aus mehreren Gründen wollte ihr das Jobcenter keinen Bildungsgutschein für eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin ausstellen und bot ihr stattdessen eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin an. Die ungewollte Ausbildung brach das Mädchen ab. Sie fing an, bei einer Zeitarbeitsfirma in Alten- und Pflegeheimen zu arbeiten. „Jedes Altenheim kann sich freuen, so eine nette Mitarbeiterin zu haben“, sagt Fadla Chouza. Gerade erst kam das Mädchen wieder auf sie zu, denn es braucht Hilfe bei einer erneuten Bewerbung für die Altenpflegeschulen - dieses Mal mit zwei Jahren Berufserfahrung. „Ich find dieses Mädchen echt toll“, sagt Fadla Chouza. „Sie beißt sich durch.“

Die 48-Jährige betreut auch drei bis vier Mädchen, die ein Kopftuch tragen. Dann probiert sie es gerade bei Firmen, deren Chefs einen muslimischem Hintergrund haben. „Die Hälfte will das nicht, weil es angeblich nicht gut beim Kundenkontakt ankommt, die andere Hälfte sagt zu“, resümiert sie. „Ein Mädchen mit Kopftuch kann eine genauso gute Mitarbeiterin sein.“

Das ELmA-Projekt wurde bislang zu 80 Prozent von der Aktion Mensch gefördert, 20 Prozent kamen vom Verein GFA selbst. Da Fadla Chouza für das Projekt einen Integrationspreis und ein Preisgeld von 9000 Euro erhielt, konnte der Verein so einen Großteil der 20 Prozent finanzieren. Im April läuft die Förderung nun aus. Fadla Chouza wird demnächst einen Antrag beim Jugendamt der Stadt Hannover und beim Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie stellen. Würde er bewilligt, liefe das Projekt trotzdem erst 2015 weiter. Momentan versucht die Sozialarbeiterin, Honorarmittel für dieses Jahr zu bekommen, damit sie die übrigen Jugendlichen zumindest vier Stunden pro Woche weiterbetreuen kann. Denn für die ELmA-Jugendlichen ist der persönliche Kontakt zu Fadla Chouza sehr wichtig. „Das erfordert ein Vertrauensverhältnis.“

Laura Kettler

Rüdiger Meise 09.04.2014
Rüdiger Meise 09.04.2014
Rüdiger Meise 09.04.2014