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West Ein Graf mit Narrenkappe
Hannover Aus den Stadtteilen West Ein Graf mit Narrenkappe
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17:30 04.12.2014
Für seine Einsatzbereitschaft im Karnevalsverein und im Beruf wird der Pensionär Dickti nun geehrt. Quelle: Schwarzenberger
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Hannover

Ricklingen. Günter Dickti ist ein Humorist durch und durch. Schließlich ist der Oberricklinger seit 1979 Mitglied der Lindener Narren und steht noch immer gern in der Bütt. Und dann gibt es da noch ein Element, das sich wie ein roter Faden durch Dicktis Leben zieht: Wasser. Schon als kleiner Junge jagte er jenseits des Ricklinger Deichs in den Überresten des früheren Möwebads nach Fröschen. Der Feuerwehrmann Dickti wiederum hatte in seinem Berufsleben immer wieder mit dem Löschen von Bränden und Hochwassereinsätzen zu tun. Für seine Einsatzbereitschaft im Karnevalsverein und im Beruf wird der Pensionär Dickti nun geehrt: Er wird als neuer Deichgraf den bisherigen Ehrenamtsinhaber, den Polizisten Friedrich Schütte, ablösen. Beim Deichfest am 23. August wird der Amtsstab übergeben.

Als die CDU Ricklingen-Wettbergen-Mühlenberg und das Deichgrafen-Collegium Dickti den seit 18 Jahren alljährlich verliehenen Ehrentitel antrugen, war er für einen Moment sprachlos. „Und das, obwohl ich ein vorlautes Maul habe“, bekennt er. Wie genau er das Ehrenamt ausfüllen wird, muss er sich noch überlegen. Aber als Vollblut-Feuerwehrmann wird er, so viel ist sicher, ein Auge auf den Baufortschritt am Ricklinger Deich haben (siehe Text rechts). Mit seinem vierjährigen Enkel Max will Dickti das Gelände neu erkunden und die Situation vor Ort genau im Blick behalten.

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Der Berufsfeuerwehr Hannover widmete Dickti viele Jahrzehnte seines Arbeitslebens. Er wurde 1949, drei Jahre nach der Ricklinger Jahrhundertflut, geboren. 1968 trat er in die Freiwillige Feuerwehr Ricklingen ein und ist dort auch als Pensionär noch immer Mitglied. Dickti war im Einsatz, als im Sommer 1975 die Lüneburger Heide zehn Tage lang brannte. Die Katastrophe kostete sieben Menschen das Leben; Tausende Hektar Heideland verbrannten. Aus Hannover mussten viele Feuerwehrleute anrücken. Eine wichtige Erkenntnis damals: Ohne die Kameraden der Freiwilligen Wehren könnten die Standorte der Berufsfeuerwehr bei solchen Großeinsätzen kaum den Betrieb aufrechterhalten. „Die Freiwilligen Feuerwehren sind für eine Stadt wie Hannover wichtig“, findet Dickti, der sich auch um die Jugendarbeit bei der Wehr kümmerte.

„Die wollten noch ihr Bier austrinken“

Bei allem Ernst, den sein Job erforderte - an ein Hochwasserereignis erinnert er sich dann doch amüsiert. In den neunziger Jahren, erzählt er, feierte ein Verein neben dem Aegir-Bad Silvester. Der Alkohol floss, die Stimmung stieg - allerdings auch der Wasserpegel. Als das Wasser schon das Lokal der Feiernden umspülte, griffen Dickti und seine Kollegen der Berufsfeuerwehr ein. „Mit Booten haben wir die Leute mit ihren Abendkleidern rausgeholt.“ So mancher Partygast watete dann aber doch durch das Wasser zurück zur Party. „Die wollten noch ihr Bier austrinken.“

Die Leidenschaft für die Feuerwehr hatte Dickti früh gepackt, jene für den Karneval erst später. Als 30-Jähriger kam er Ende der siebziger Jahre zu den Lindener Narren. Zum einen, weil der in Linden gegründete Karnevalsverein aus Platzgründen mit seinen Sessionen ins Ricklinger Freizeitheim umzog. Zum anderen, weil der heutige Vereinspräsident Martin Argendorf - der Sohn des damaligen Vereinschefs Otto Argendorf - mit Dickti bei der Ricklinger Feuerwehr diente. „Es gab einen Notfall. Die Tänzerinnen brauchten Kostüme für einen Auftritt“, erinnert sich der 65-Jährige. Sein Freund Martin bat um Hilfe, und Dickti fuhr die Ausstattung spontan nach Aachen, trotz des Geburtstags seiner Mutter. Dort verliebte er sich dann schnell in das närrische Treiben. „So viel Engagement für ein paar Auftritte im Jahr - das faszinierte mich“, sagt er.

Dickti selbst hatte seinen ersten Auftritt als komisches Tanzpaar mit Martin Argendorf. Letzterer gab einen Balletttänzer, sein Feuerwehrkollege schlüpfte in ein Tutu - und beide tanzten zur Musik von Smetanas „Moldau“. Es folgten Auftritte als Büttenredner, als Harlekin und immer wieder Einlagen mit dem „Cabaret“-Ensemble seines Vereins. Dort tritt Dickti bereits seit Jahrzehnten zusammen mit seiner Frau Sybille auf.

Das Deichfest am Sonnabend, 23. August, beginnt um 15 Uhr mit der Deichbegehung am Deichtor in der Düsternstraße. Um 15.30 Uhr geht es im Hof der Vereinsgaststätte des Deutschen Rugby-Clubs, Beekestraße 113, weiter. Mit dabei sind die Beeke-Sänger und das Partyduo La Musica.

Deichbau in Ricklingen

Im Jahr 1996 rief der CDU-Ortsverband Ricklingen-Wettbergen-Mühlenberg das Deichfest ins Leben. Es soll an das verheerende Hochwasser von 1946 erinnern und gemahnen, das der Anlass für den Bau des Ricklinger Deiches war. Auch der Titel des Deichgrafen, mit dem verdiente Bürger des Stadtbezirks Ricklingen ausgezeichnet werden, hat mit dem Deichbau zu tun. Eine strenge Amtsführung ist mit dem Ehrenamt zwar nicht verbunden. Aber allein die jährlichen, traditionellen Begehungen der Deichanlage durch den Deichgrafen können gewissermaßen als bürgerliche Kontrollinstanz des Hochwasserschutzes gelten.

Inzwischen haben die ehemaligen Deichgrafen mit dem 2002 gegründeten Deichgrafen-Collegium einen eigenen Verein. Die Stadt Hannover investiert insgesamt mehr als 30 Millionen Euro in ein dreistufiges Hochwasserschutzprogramm. Die Abgrabungen am Ihmeufer und der Neubau der Benno-Ohnesorg-Brücke zwischen Linden und der Calenberger Neustadt sind abgeschlossen. Seit 2013 läuft die Erweiterung des Ricklinger Deichs. Mit dem Ausbau soll der Stadtteil auch seinen Status als Überschwemmungsgebiet verlieren.

Denn dieser bremst seit Jahrzehnten unter anderem Neubauprojekte aus. Die Verlängerung des Deichs vom Edelhof bis zum Südschnellweg soll jetzt die letzte große Lücke schließen. Im vorigen Jahr wurde bereits die Mauer des Michaelisfriedhofs als Teil der neuen Anlage verstärkt. Derzeit arbeiten die Baufirmen in Höhe des Kneippwegs. Noch bis zum Jahresende soll der Deichabschnitt zwischen Südschnellweg und dem Studentenwohnheim Am Papehof fertig sein. „Der Abschluss aller Arbeiten soll dann Ende 2015 erfolgen“, sagte Stadtsprecher Alexis Demos auf Nachfrage des Stadt-Anzeigers.mas

Marcel Schwarzenberger

04.12.2014
Rüdiger Meise 04.12.2014