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West Ausstellung zeigt Linden in den Siebzigerjahren
Hannover Aus den Stadtteilen West Ausstellung zeigt Linden in den Siebzigerjahren
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00:24 31.03.2018
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Linden

 Es war die Zeit der Ölkrise, Helmut Schmidt löste Willy Brandt als Kanzler ab, und Deutschland hatte über eine Million Arbeitslose. In vielen Häusern wurde noch mit Kohle geheizt, und die Toilette befand sich auf halber Treppe. In dieser Zeit begann der junge Fotograf Winfried von Esmarch, Linden zu fotografieren.

Zahlreiche der eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien, die seinerzeit entstanden, sind nun im Café K in der Egestorffstraße ausgestellt. Und von Esmarch war dort jüngst zu Gast, um vor mehr als 60 Zuhörern einen Vortrag über seine Bilder zu halten, die noch bis zum Juni zu sehen sind. Eingeladen hatte Manfred Wassmann von der Initiative Lebensraum Linden.

Zunächst stimmte Ernst Barkhoff, langjähriger Stadtrat und Experte für die Sanierung Lindens, die Besucher auf die Zeit der rußenden Schornsteine ein. „Es gab eine regelrechte Flucht aus Linden“, berichtete er. „Viele junge Familien, aber auch alte Menschen wollten wegen der Wohnverhältnisse weg – dafür gab es einen großen Zuzug von Ausländern. Viele Wohnungen stammten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, hatten keine Heizung und kein Bad“, beschrieb Barkhoff die Situation. „Linden war von der Stadtentwicklung abgehängt.“

Fotomotive wie aus Bitterfeld

Bevor Linden-Süd eines der bundesweit ersten Sanierungsgebiete wurde – unter reger Bürgerbeteiligung – boten sich dem jungen Winfried von Esmarch Fotomotive, die zum Teil an Städte wie das ostdeutsche Bitterfeld erinnerten, das allerdings noch in den Neunzigerjahren so aussah. Zerbrochene Fensterscheiben, abblätternde Farbe, marode Fassaden.

Eine Dampflok heulte auf der Fahrt zum Küchengarten, sie transportierte Kohle zum Heizkraftwerk. „Wenn man auf der Brücke stand, wurde man eingedampft und rußig“, erinnerte sich von Esmarch, der 1967 nach Linden kam und die beengten Wohnverhältnisse aus eigener Erfahrung kennt. „Ich wohnte in der Limmerstraße 91. Die Speisekammer war zum Klo umgebaut worden. Das Besondere war die Badewanne, sie befand sich unter der Spüle. Wenn man baden wollte, musste man sie herausziehen.“ Seine Fotografien ließen manchen Besucher im Café K nostalgisch werden. „Hach, ein alter Käfer, so einen fuhr ich auch“, war aus der zweiten Reihe von einem Gast zu hören. „Und guck mal, kaum Autos auf den Straßen“, meinte eine Frau. Viele der Motive aus einem Linden vor der Sanierung transportieren eine ganz eigene Atmosphäre. Sie strahlen eine fast mystische Verlorenheit aus. „Ich war damals von der neuen amerikanischen Sachlichkeit inspiriert und hatte den Roman ‚Stille Tage in Clichy’ von Henry Miller gelesen“, erklärte von Esmarch die Aussagekraft seiner Bilder. „Am meisten beeinflusste mich Brassai mit seinen Nachtfotografien in Paris.“

Geld in der Kneipe „versoffen“

Auch von Esmarch hat in Linden das Nachtleben abgebildet. Zwei Männer, verschwommen durch die lange Belichtungszeit, verlassen die Kneipe Zum Holländer, das heutige Centrum am Lindener Markt. „Das war damals so: Die Männer versoffen das Geld in der Kneipe, und die Frauen hüteten die Kinder“, kommentierte von Esmarch das Bild. Die Fotos sind auch zeitgeschichtliche Dokumente – der Kaugummi- und Zigarettenautomat an einer verwitterten Hauswand, das erste große Werbeplakat, das für Telefonate aus dem Urlaub wirbt, oder die in ihrer eher minimalistischen Grafik schon wieder hochaktuelle Roth-Händle-Werbung im XXL-Format. Andere Bilder zeigen fast leere Straßenschluchten und enge Hinterhöfe mit spielenden Kindern.

„Ich werde über meine Webseite öfter auf die schöne alte Zeit angesprochen“, berichtete der Fotograf in der anschließenden Diskussion. „Dabei war die Limmerstraße laut und lärmig, die Häuser waren in einem zum Teil erbärmlichen Zustand, und die Kinder hatten kaum Platz zum Spielen. Auch das Heizen mit Kohle war sehr beschwerlich, und im Sommer war es in den Wohnungen unerträglich heiß, weil die Häuser nicht isoliert waren.“ Gleichwohl hätten ihn die Fotos bei der neuerlichen Durchsicht sehr berührt. „Ich habe sie nach 40 Jahren wieder ausgegraben und digitalisiert. Veränderungen nimmt man ja selbst nicht so wahr, weil sie langsam vonstatten gehen – nur aus der Rückschau werden sie sichtbar.“

Bei allen Veränderungen gibt es auch ein Motiv, das über die Jahrzehnte gleich geblieben ist – die alte Feuerwache. „Sie hat sich überhaupt nicht verändert“, staunte der Fotograf. Zum Abschluss zeigte er noch ein Bild aus seiner Jugend – mit wilder Mähne und einem frechen revolutionären Funkeln in den Augen.

Von Sonja Steiner