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West Linden feiert 900. Geburtstag
Hannover Aus den Stadtteilen West Linden feiert 900. Geburtstag
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12:41 03.12.2014
Von Juliane Kaune
Foto: Egon Kuhn präsentiert das Lindener Stadtwappen.
Egon Kuhn präsentiert das Lindener Stadtwappen. Quelle: Emine Akbaba
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Hannover

Linden. Es ist unbestritten ein großes historisches Ereignis. Doch für manche hat der 900. Geburtstag Lindens im kommenden Jahr noch ganz andere Dimensionen: „Der Urknall“ steht auf einem der vielen bunt beschrifteten Zettel, die an einer der Stellwände kleben. Linden als Keimzelle einer ganz eigenen Welt - das trifft das (Selbst)bewusstsein der Menschen, die dort leben, vielleicht am besten.

Dass eine Reihe von ihnen bereit ist, sich bei den Vorbereitungen für das Jubiläum richtig reinzuhängen, haben sie jüngst unter Extrembedingungen bewiesen: Bei tropischen Temperaturen schwitzten mehr als 60 Teilnehmer des ersten zentralen Vorbereitungstreffens drei Stunden im großen Saal des Freizeitheims. Alle, die dazu beitragen wollen, dass ihr Stadtteil 2015 ein ganzes Jahr lang gefeiert wird, waren eingeladen, ihre Ideen einzubringen - ob Vertreter aus Vereinen, Institutionen, Kultur, Wirtschaft oder Politik. Und weil es nicht so einfach ist, das Ganze unter einen Hut zu bekommen, hat die Stadt Hannover schon im Vorfeld einen Teil der Regie übernommen.

Die städtische Kulturverwaltung und das von ihr beauftragte private Büro Mensch und Region haben in den vergangenen Wochen über einen E-Mail-Verteiler bereits fleißig Wünsche und Vorschläge gesammelt. Das vorläufige Ergebnis: 52 Aktionen, hinter denen sich rund 170 einzelne Veranstaltungen zu sieben Themenschwerpunkten verbergen. Die Bandbreite ist enorm. Sie reicht vom Mittelaltermarkt auf dem Lindener Berg, einem internationalen Stadtteilfest und Präsentationen der Geschäftsleute über Kinderprojekte bis zu historischen Rundgängen, Filmdokumentationen und Zeitzeugengesprächen. Auch bereits etablierte Veranstaltungen wie das Schützenfest, das Radrennen am Lindener Berg oder das Scillabütenfest sollen im kommenden Jahr unter dem 900-Jahre-Label stattfinden. Die Arbeitsgemeinschaft Lindener Vereine (AGLV) unter dem Vorsitz von Gabriele Steingrube erweist sich hier als ebenso engagiert wie der Verein Quartier.

Das alles ist die Arbeitsgrundlage für die Arbeitswilligen, die an diesem Abend im Freizeitheim zusammengekommen sind. „Die Herausforderung für Sie ist es nun, den Sprung vom Ideenpool zur verantwortlichen Organisation zu schaffen“, steckt Moderatorin Birgit Böhme vom Büro Mensch und Region die Marschroute ab. Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube gibt sich optimistisch, dass das klappt. Er freut sich über den „bunten Flickenteppich“ an Ideen und wünscht sich, dass daraus am Ende ein „Puzzle“ wird, bei dem die Teile systematisch inein­andergreifen. „Schön wäre es, wenn noch mehr Schulen bei den Vorbereitungen mitmachen“, findet Grube. Er wünscht sich auch eine stärkere Beteiligung von Vereinen und Organisationen, die die ausländische Bevölkerung Lindens vertreten.

Einer, der 900 Jahre Linden (fast) vollständig im Kopf haben dürfte, fehlt natürlich nicht beim Brainstorming: Egon Kuhn, Lindener Urgestein, 87 Jahre alt und ein wandelndes Geschichtslexikon, zeigt wortwörtlich Flagge für seinen Stadtteil: Er hält das Lindener Wappen hoch, das Kaiser Wilhelm II. der damals selbstständigen Stadt Linden 1889 vier Jahre nach der Verleihung der Stadtrechte genehmigte. Kuhn („Ich will 105 werden“) diskutiert in dem stickigen Raum ausdauernd mit. Mit dem Stadtteil­archiv und der Geschichtswerkstatt des Freizeitheims hat er schon vor gut drei Jahrzehnten einen Fundus zur Historie Lindens geschaffen, der sich bei den Jubiläumsvorbereitungen als wertvoll erweisen dürfte.

Alles, was den Teilnehmern des Treffens einfällt, wird mit dem Edding auf kleinen Kärtchen notiert und dann an eine der sieben Stellwände gepinnt. Ähnlich wie am Schwarzen Brett der Uni kann so jeder seine Kontaktdaten hinterlassen, um Mitstreiter für seine Idee zu finden. Stefan Henningsen sucht auf diesem Weg nach Unterstützern für sein Liedprojekt zu 900 Jahren Linden. Dass er für Songs mit Lokalkolorit ein Händchen hat, hat der Bandleader der SpVgg Linden-Nord bereits mit seinem Ohrwurm „Oh, Limmerstraße“ bewiesen.

Manfred Wassmann vom Verein Lebensraum Linden und Hans-Michael Krüger vom Kulturzentrum Faust wiederum wollen auf besondere Weise zeigen, wie das multikulturelle Zusammenleben in Linden funktioniert: Sie möchten Kinder nach der Herkunft ihrer Eltern und Großeltern befragen und so eine „Weltkarte“ mit Lindener Wurzeln erstellen. Heike Riedmann und Hans-Joachim Grätz vom Verein Stattreisen planen im Jubiläumsjahr eine Reihe neuer Führungen durch den Stadtteil, das Kindermuseum Zinnober wird die jahrhundertealten Handwerkstraditionen Lindens wieder zum Leben erwecken - von Seifensiederei über Weberei bis zur Ziegelei.

Nach drei Stunden Ideensammeln stellt sich für alle die Frage, wie die vielen losen Enden nach und nach miteinander verbunden werden sollen. Sigrid Ortmann vom städtischen Kulturbüro weist den Weg. Die Stadt, stellt sie klar, könne zwar nicht alles koordinieren. Aber den Aktiven bei der Planung unter die Arme greifen, das könne die Kulturverwaltung schon. Auch das Freizeitheim will sich zum Koordinatorenkreis gesellen. Und noch eine wichtige Botschaft hat Ortmann mitgebracht: Auch finanziell fühle sich die Stadt „ein Stück weit“ in der Pflicht, die Jubiläumsfeierlichkeiten zu unterstützen. Zum Beispiel könnten die Druckkosten für eine Programmbroschüre übernommen oder einzelne Projekte gefördert werden. Um allzu große Erwartungen zu bremsen, schiebt sie aber gleich noch hinterher: „Es werden sicherlich keine 100 000 Euro sein.“

Juliane Kaune 03.12.2014
03.12.2014