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West Nachbarschaftsfest verdrängt ungute Erinnerungen
Hannover Aus den Stadtteilen West Nachbarschaftsfest verdrängt ungute Erinnerungen
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09:45 05.12.2014
Anwohner und Flüchtlinge feiern auf der Wiese des Wohnheims an der Munzelner Straße. Quelle: Mario Moers
Oberricklingen

Gute Nachbarn feiern miteinander, im Sommer bevorzugt Grillpartys im eigenen Garten. „Keep on rockin’ in the free world“, schallt es über den Rasen hinter dem Flüchtlingswohnheim in der Munzeler Straße. Auf einer selbst gezimmerten Bühne spielt eine Coverband Klassiker von Neil Young, den Rolling Stones und andere Evergreens. Das Nachbarschaftsfest in Oberricklingen ist gut besucht.

Einige Besucher, die vermutlich zum ersten Mal hier sind, beobachten das Treiben noch etwas unsicher von den Bänken aus. Andere haben bereits Freundschaft mit Bewohnern geschlossen. Während zwei ältere Herren von der Siedlergemeinschaft und dem Kirchenvorstand aus der benachbarten St.-Thomas-Gemeinde Bratwürste verkaufen, bieten die Flüchtlingsheimbewohner Dragan A. und seine Frau Ruzica einen Tisch weiter serbische Spezialitäten an: „Sarna Rouladen“ mit Rinderhack in Sauerkraut und „serbisches Pasul“, ein Auflauf aus Rinderwurst und Bohnen. Die serbischen Eheleute schätzen ihre Oberricklinger Nachbarschaft, die sie sich zwar nicht aussuchen konnten, in der sie aber gerne leben. „Hier ist es schön ruhig und ordentlich“, findet Wohnheimbewohner Dragan A.

Vor improvisierten Imbissständen, die mit Üstra-Luftballons und Girlanden geschmückt sind, tanzen einige Frauen aus Ghana mit Kindern. Eine ältere Frau aus der Nachbarschaft präpariert derweil vergnügt Wasserbomben und Luftballons. Der rauchige Geruch gegrillter Bratwurst liegt in der Luft. Auf langen Bierbänken genießen die Oberricklinger einen der vermutlich letzten Sommertage des Jahres.

Noch vor zwei Jahren hätte sich mancher Anwohner solch ein ausgelassenes Nachbarschaftsfest mit Asylbewerbern aus der ganzen Welt nicht vorstellen können. Als 2012 das Flüchtlingswohnheim in der Munzeler Straße, inmitten eines gutbürgerlichen Wohnviertels, eingerichtet wurde, sammelten Anwohner Unterschriften gegen dieses Wohnheim. Neonazis schmierten Hakenkreuze an Hausfassaden im Viertel. Eine vorbildliche Willkommenskultur gab es hier wahrhaftig nicht. Doch seitdem hat sich vieles geändert.

Heimleiterin Katharina Spindel freut sich über das gelungene Fest. „Ohne den Nachbarschaftsrat wäre diese Feier nicht möglich gewesen“, lobt sie die zahlreichen Unterstützer aus dem gesamten Stadtteil. Die freundliche Sozialarbeiterin weiß von den Bedenken, die es anfangs gegen das Heim gab - und vermutlich gibt es die auch immer noch irgendwo im Viertel. Den Ton gibt allerdings längst der Nachbarschaftsrat an, ein Verein, dem derzeit etwa 25 feste Helfer angehören. Die vorwiegend älteren Anwohner setzen sich ehrenamtlich für die Anliegen der Flüchtlinge ein. Sie begleiten sie bei Behördengängen, beschaffen Kleidung oder organisieren Ausflüge mit den Kindern.

Einige Mitglieder, wie der Vorsitzende Gerhard Spitta, haben es sich zur Aufgabe gemacht, sich an allen Fronten für die neuen Nachbarn zu engagieren. „Wir bemühen uns, mit allen politischen Parteien, den Vereinen und den Schulen Kontakte zu pflegen“, erzählt er. Der pensionierte Berufsschullehrer empfindet es als seine Pflicht, den Flüchtlingen in der Not zu helfen. Wie viele Deutsche habe er schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg selbst erfahren, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein. Heute kennt Spitta die Schicksale vieler der derzeit 70 Bewohner. Gerade hört er sich nach einem Ausbildungsplatz für einen von Dragans Söhnen um. Und für zwei irakische Familien, die auf der Flucht vor dem IS-Terror in Ricklingen landeten, will er Sprachkurse organisieren. Vor Kurzem hat der Nachbarschaftsrat eine Fahrradwerkstatt eingerichtet, die mit der benachbarten Wilhelm-Busch-Grundschule kooperieren soll. Gemeinsam mit der Stadt haben die Akteure eine Beschäftigungsgesellschaft eingerichtet, die helfen soll, die Asylbewerber an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

Auf dem Flüchtlingsfest helfen außer dem Nachbarschaftsrat auch Mitglieder der Siedlergemeinschaft, der St.-Thomas-Gemeinde und Mitglieder aus dem Bezirksrat mit. So hat die Kirche die Biergarnituren und einen Pavillon zur Verfügung gestellt. „Im Vorfeld gab es viele Befürchtungen, aber ich glaube, wir haben das gut hingekriegt“, findet Kathrin Bernhardt, Pastorin aus St. Thomas. Sie geht davon aus, dass die Nachbarschaftshilfe inzwischen in der Mitte der Ricklinger Bürgergesellschaft verankert ist. „Das Projekt hat sich herumgesprochen“, sagt sie.

Kaufland ist als Nachfolger im Gespräch - doch eine Bestätigung gibt es von keiner Seite. Die kleinen Läden rund um das SB-Warenhaus verabschieden sich in andere Stadtteile, Wurst- und Käsetheke im Supermarkt sind bereits geschlossen.

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