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West Kultur als liebste Freizeitbeschäftigung
Hannover Aus den Stadtteilen West Kultur als liebste Freizeitbeschäftigung
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00:16 16.08.2018
2017 gab es noch ein Limmerstraßenfest – für dieses Jahr hat Peter Holik (rechts) das Fest abgesagt, weil die Beteiligung zu wünschen übrig ließ. Harm Baxmann (Mitte) und Johannes Drücker gehören zum Team. Quelle: Foto: Heidrich (Archiv)
Linden

Seine genaue Berufsbezeichnung entdeckte Peter Holik zu Beginn der Neunzigerjahre im Abspann eines Kinofilms. Neben den Namen der Schauspieler, Tontechnikern und Kameraleute stieß Holik auf die Bezeichnung des Produzenten. „Da wurde mir klar, was ich eigentlich seit Jahren mache – ich sorge für die Koordination einzelner Menschen und ihrer Ideen. Ich produziere einfach Kultur“, sagt Holik, der am vergangenen Wochenende das Fährmannsfest organisiert hat – das alternative Festival mitten in Linden und in der Calenberger Neustadt. Es war die 25. Ausgabe, die Holik selbst betreute.

Er übernahm die Organisation des Festivals 1993 vom damals zerstrittenen Team, lud ein Jahr später zu einem Neuanfang ans Weddigenufer ein und machte über die Jahre aus der kostenlosen Open Air-Veranstaltung trotz Chaostagen und stets klammer Kassen ein professionell durchgeführtes Festival samt Sicherheitskonzept und Finanzierungsplan.

Erfahrener Veranstalter

Der heute 64-Jährige hatte zuvor reichlich Erfahrungen als Veranstalter gesammelt. Ende der Sechzigerjahre half er Musikern bei ihren Auftritten in Dorfkneipen. „Damals trafen sich die Rock ’n’ Roller noch im Umland. Als 14-Jähriger konnte ich so die Scorpions begleiten“, erinnert sich Holik. 1983 war er Mitgründer des Musiktheater Bad. „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem wir Disco, Theater, Livemusik und Literatur zusammenbringen. Das war damals eine Revolution“, sagt Holik, der zu der Zeit eigentlich Geschichte, Politik und Philosophie studierte. „Aber eigentlich ging ich oft dem Müßiggang nach.“

Er traf sich häufig im Club Voltaire, in dem auch der Kabarettist Dietrich Kittner und der Sozialpsychologie-Professor Peter Brückner diskutierten. Oder er organisierte Vernissagen. „Damals entstand eine neue Szene der hannoverschen Kleinkunst, und Freie Theater organisierten sich. Es war eine Zeit des Aufbruchs“, erinnert sich Holik. Und er begründete sozusagen seine ganz eigene Philosophie: „Damals habe ich gelernt, dass es bei Kulturveranstaltungen um eine Sammlung von Magie geht. Jeder Akteur vom Künstler bis zum Klochef trägt zur Sammlung positiver Energien bei. Sie bilden gemeinsam ein Fass für magische Tropfen. Wenn man nur eine Kleinigkeit vergisst, fließt die Magie einfach aus dem Fass. Ich bin also von der Klobürste bis zum Sekt für die Künstler zuständig.“

Vor acht Jahren hat Holik begonnen, neben dem Fährmannsfest weitere Feste zu veranstalten. Er lud 2010 zum Deisterstraßenfest ein, übernahm 2012 das Limmerstraßenfest, organisierte das „Blaue Wunder“ und den Weihnachtsmarkt in Linden-Mitte. Von den meisten Veranstaltungen hat er sich heute zurückgezogen. „Ich habe immer gesagt, dass ich gern Dienstleister für die einzelnen Standorte bin. Häufig haben sich aber gerade die Geschäftsleute nicht ausreichend bei den Veranstaltungen eingebracht“, kritisiert er. Daraus zog er schließlich die Konsequenzen: Das beliebte Limmerstraßenfest mit mehreren Tausend Besuchern wurde in diesem Jahr abgesagt. Wirtschaftlich spiele die Entscheidung für ihn keine Rolle, sagt Holik. „Ich hatte über all die Jahre immer mein Auskommen. Mir ging es auch eher um die einzelnen Ideen zu den Festen – sie sind meine liebste Freizeitbeschäftigung.“

Vertrauen ins Team

Auch beim Fährmannsfest tritt der heute 64-Jährige inzwischen etwas kürzer. „Wir haben in den letzten Jahren ein Team von Experten aufgebaut, auf die ich mich verlassen kann. Und ich bin über jeden froh, der mir Arbeit abnimmt“, erklärt er. Dazu zählen Menschen wie Dirk Sadlon von der Veranstaltungsagentur Living Concerts oder der Gastronom Harm Baxmann. „Meine Aufgabe ist es, diese Menschen und sechs Arbeitskreise zusammenzubringen – und ich vertraue diesem Team.“

Darum hat Holik zum eigentlichen Beginn des Fährmannsfestes eigentlich wenig zu tun. „Mit der ersten Band ist meine Arbeit getan. Dann gehe ich duschen und spaziere zwischen den Bühnen und Buden“, beschreibt er seinen Job. Drei Jahre lang möchte Holik die Koordination beim Fährmannsfest mindestens noch übernehmen. Und der Termin für das nächste Jahr, das ist klar, fällt wieder auf das erste August-Wochenende.

Kommentar: Der Geist des Festes

Es war mal wieder ein Fest wie ein Fährmann – zuverlässig, sympathisch und von festem Charakter. Aaaaaaaber: Früher war mehr los. Fällt denen nix Neues ein? Fehlfarben waren als Top-Act ein Rohrkrepierer. Und immer die gleichen Falafelbrote – haben sich die Foodtrucks verfahren? Kann doch nicht sein, dass um 23 Uhr noch Eintritt verlangt wird! Früher war das Festival schließlich mal ganz umsonst.

Irgendwie gehört das Meckern des geneigten Publikums zu Lindens liebstem Fest dazu wie die, ja, immer gleichen Falafelbrote. Doch das routinierte Beschweren entlarvt den wahren Fan: Er kommt nämlich trotzdem immer wieder. Weil das Fährmannsfest einfach gut ist, wie es ist.

Organisator Peter Holik spricht von einem „Topf Magie“, der dafür nötig ist. Und tatsächlich ist es nur mit Magie zu erklären, wieviel Wumms das Festival für 22 Euro Eintrittspreis auf die Bühnen bringt – oder mit einer seltenen Mischung aus Engagement, Kompetenz und Idealismus der Beteiligten. Schließlich ist die Hälfte des Festgeländes kostenfrei, und sonntags auch die andere Hälfte.

Zur Erinnerung: Das ehrgeizige BootBooHook-Festival kostete 55 Euro, wollte hip sein und jedes Jahr wachsen, Linden wurde zu klein, und 2013 war das Projekt am Ende. Was noch da ist, ist das Fährmannsfest. Sicher liegt das auch am Standort: Das linksalternative Festival atmet wie selbstverständlich den Geist, der – scheinbar zeitlos – zwischen Linden und der Nordstadt schwebt. Nun ist das eben ein ziemlich kritischer Geist. Aber damit kann der Fährmann gut leben.

Von Rüdiger Meise

Von Jan Sedelies

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