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West Ein soziales Netzwerk namens Kaya
Hannover Aus den Stadtteilen West Ein soziales Netzwerk namens Kaya
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14:13 10.10.2013
Familie Kaya: Tochter Ahenk, sowie Murat und Kezibah Kaya vor ihrer Firmenzentrale in Badenstedt.
Familie Kaya: Tochter Ahenk, sowie Murat und Kezibah Kaya vor ihrer Firmenzentrale in Badenstedt. Quelle: Schwarzenberger
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Badenstedt

Anfang der Neunziger nahmen Murat und Suat Kaya den Besen in die Hand und räumten auf. Man darf das buchstäblich verstehen, denn die Brüder gründeten ein Reinigungsunternehmen und putzten mit Ehefrauen und Geschwistern. Das Unternehmen M & S gibt es immer noch; es hat seinen Schwerpunkt inzwischen in Vahrenwald. Eine zweite Reinigungsfirma – KAMS Gebäude-Dienste – existiert seit fünf Jahren und sitzt in Badenstedt. Dort ließ Familie Kaya vor zwölf Jahren einen Gebäudekomplex errichten. Aus der kleinen Familienfirma ist ein mittelständisches Unternehmen mit insgesamt 300 Mitarbeitern geworden. Bekannt ist KAMS für seine soziale Einstellungspolitik, die vor allem Menschen aus Einwandererfamilien eine Chance bietet.

Jugendlichen soll eine Perspektive geboten werden

Um zu verstehen, welche Personalpolitik Murat Kaya und seine Frau Kezibah in ihrem Unternehmen verfolgen, ist ein Blick auf den Fußballklub Can Mozaik hilfreich. Kaya ist im Vereinsvorstand und will, dass Jugendliche, die dort spielen, eine berufliche Perspektive bekommen – egal, ob Jungen oder Mädchen. „Wir sind kein Arbeitsamt“, sagt Kaya und meint den Verein. „Aber wenn man etwas mitkriegt, kann man ja mal telefonieren.“ Wenn Jugendliche eine Lehrstelle suchen oder gerade arbeitslos sind, dann vermittelt Kaya. Er sieht sich als Netzwerker. Nicht nur für türkisch-stämmige Sportler; inzwischen spielen Deutsche, Spanier oder Russen im Verein. Einer der Trainer ist Halbitaliener. „Wir sind kein Migrantenverein, aber jeder ist willkommen.“ Can Mozaik hatte vor einigen Jahren nur drei Teams. Heute spielen dort acht Fußballmannschaften, bald soll ein Frauenteam gegründet werden. Das Anwachsen hat auch etwas mit Kayas Engagement zu tun.

Die Kayas leben die Offenheit

Murat Kaya stammt aus Anatolien, macht aber eines sofort deutlich: „KAMS ist keine türkische, sondern zu hundert Prozent eine deutsche Firma.“ Allerdings leben die Kayas die Offenheit, wie sie bei Can Mozaik eine besondere Rolle spielt, auch in ihrer Reinigungsfirma. Menschen, die anderswo vielleicht kaum eine Chance hätten, melden sich bei Kayas Frau Kezibah. „Oft sind es Töchter, die für ihre Mutter bei uns anrufen“, berichtet sie. Ein klassischer Fall geht so: Eine Familie kommt beispielsweise aus der Türkei nach Hannover. Der Vater geht arbeiten, die Kinder werden hier sozialisiert. Die Mutter bleibt oft isoliert. „Ohne Deutschkenntnisse gibt es keine Selbständigkeit“, sagt Kezibah Kaya. Mit kleinen Schritten soll auch die Mutter die Chance bekommen, ins Berufsleben einzusteigen. KAMS braucht Reinigungsspezialisten, bietet aber auch Quereinsteigern und Minijobbern Möglichkeiten. „Bei uns wird Deutsch, Türkisch, Russisch oder Bulgarisch gesprochen“, zählt Kezibah Kaya auf.

Politze: Frauen in Führungspositionen, faire Löhne

Stefan Politze ist von der Firma angetan. „Aus dem Nichts hat die Familie das alles aufgebaut.“ Der Badenstedter SPD-Landtagsabgeordnete hat Parteifreunde und Interessierte zum Firmenbesuch im Gewerbegebiet an der Fränkischen Straße eingeladen. KAMS beschäftige viele Frauen, auch in Führungspositionen, und zahle faire Löhne, lobt Politze. Mit Zeitarbeitsfirmen hat Murat Kaya noch nie gearbeitet. „Ich weiß nie, wie die Leute dort bezahlt werden“, begründet der 41-Jährige.

Der Lindener Tandure-Wirt Aytac Savurur bringt ein Büfett für die Besuchergruppe um Politze. Das Tandure gehörte seinerzeit zu den ersten Kunden der jungen Reinigungsfirma. „Murat liebt seine Arbeit. Und wenn man etwas gut macht, wird man auch empfohlen“, erklärt Savurur den Erfolg von KAMS. Bis heute sind der Wirt und Kaya befreundet. Savurur war es auch, der Kaya vor drei Jahren vom Ricklinger Sportverein Saxonia - der Firmenchef war dort Spieler und Trainer - zu Can Mozaik holte. Es war kein endgültiger Abschied aus Ricklingen; den Saxonen gehört er nach wie vor an. Denn Murat Kaya vergisst nicht, wo er herkommt.

Marcel Schwarzenberger

10.10.2013
Conrad von Meding 10.10.2013