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West Die Kanalisierung des Chaos
Hannover Aus den Stadtteilen West Die Kanalisierung des Chaos
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02:15 26.10.2013
Die Klasse 7a wird grad von Lehrerin Pia-Lena Schmidt unterrichtet.
Die Klasse 7a wird grad von Lehrerin Pia-Lena Schmidt unterrichtet.
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Ricklingen

In der Klasse ist es chaotisch: Einer der Jungen steht einfach auf, während die Lehrerin redet. Ein Mädchen bemerkt noch nicht einmal, dass es aufgefordert wird, leise zu sein. Die Klasse 7a der Peter-Ustinov-Schule in Ricklingen ist keine leichte Aufgabe für Lehrer. Insgesamt besuchen rund 250 Schüler die Hauptschule – die eine der letzten in Hannover ist, die in diesem Schuljahr überhaupt noch Fünftklässler aufgenommen haben. 23 sind es aktuell.

Schulleiter Wolfgang Kargel geht davon aus, dass in den höheren Jahrgängen noch Schüler dazukommen. „Wir bekommen viele Schüler von den Gesamtschulen“, sagt Kargel. Viele Schüler kämen mit einem großen, viel Selbstständigkeit fordernden System wie der IGS nicht zurecht, erzählt der Schulleiter. „Sie fallen durch das Raster und werden von uns aufgefangen.“ Für ihn ist die Hauptschule durchaus mehr als eine „Restschule“, wie sie von der Gesellschaft oft wahrgenommen wird. Der enge Kontakt zwischen Schülern und Lehrern sei für viele Schüler wichtig. So zum Beispiel für die 17-jährige Melina. Sie fühlt sich an der Peter-Ustinov-Schule gut aufgehoben. Auch sie hatte allerdings ursprünglich Vorurteile gegenüber der Hauptschule. „Man wird sofort abgestempelt“, sagt sie. Schulleiter, Lehrer und Schüler wissen um den Ruf ihrer Schulform.

Große Nachfrage nach Sprachlernklassen

Etwa 80 Prozent der Schüler an der Peter-Ustinov-Schule haben einen Migrationshintergrund, rund 50 Schüler haben sehr geringe Deutschkenntnisse. Für diese bietet die Peter-Ustinov-Schule eine spezielle Sprachlernklasse an. Verantwortlich dafür ist die stellvertretende Schulleiterin Renate Günther. „Man kann sich eigentlich nur mit Händen und Füßen verständigen“, erzählt sie. Der Unterricht sei eine ständige Herausforderung, auch weil diese Klassen nicht nur von den Sprachen her, sondern auch von den sozialen und kulturellen Hintergründen ausgesprochen heterogen sind, beschreibt Renate Günther. Was jedoch vor allem schwierig ist: Die Peter-Ustinov-Schule hat bei Weitem mehr Sprachlernschüler als in der Sprachlernklasse Plätze sind, sodass diese Schüler teilweise auch in die Regelklassen gehen müssen.

Schüler, mit denen man sich nur schwer verständigen kann, fünf bis sechs verhaltensauffällige Kinder in jeder Klasse, außerdem Schüler, die aus problematischen Familienverhältnissen kommen oder soziale Probleme haben – man kann sich diese schwierige Konstellation im Klassenraum vorstellen.

Klare Regeln für Verstöße

Lehrerin Renate Brunkhorst leitet heute den Trainingsraum der Peter-Ustinov-Schule, wo sich Schüler einfinden müssen, die den Unterricht wiederholt stören. Hier soll der Schüler sein Verhalten nach einem vorgeschriebenen Plan reflektieren. „Es ist sehr wichtig, dass es feste Regeln gibt, die die Schüler kennen und an die sich auch alle Lehrkräfte halten. Die Schüler brauchen Orientierung und sollen wissen, was sie erwartet“, sagt Brunkhorst. So ist zum Beispiel auch das Zuspätkommen geregelt. Die Schultüren öffnet der Hausmeister nur zu bestimmten Zeiten. Wer zu spät kommt, muss draußen warten. „Vor allem im Winter ist das ziemlich blöd“, sagt Melina. Aber dass solche Regeln nicht nur Schikane sind, wissen auch die Schüler: „Wenn man im Regen warten muss, kommt man so schnell nicht wieder zu spät“, sagt ihre Freundin Magdalena, ebenfalls 17 Jahre alt.

Magdalena kam mit zwölf Jahren aus Polen nach Deutschland. Um ihr Deutsch zu verbessern, hat ihre Klassenlehrerin auf der Peter-Ustinov-Schule eine sogenannte Patin organisiert. „Wir lesen viel zusammen, zum Beispiel Goethe“, erzählt Magdalena, die mittlerweile fast perfekt Deutsch spricht. Ihre Patin, eine ältere Dame, „ist echt cool“, sagt Magdalena. Ebenso wie sie ist auch Melina auf der Hauptschule gelandet, weil sie oft die Schule schwänzte. Dass es hier mit der Anwesenheit besser klappt, verdankt sie ihrer Meinung nach ihrer damaligen Klassenlehrerin Barbara Heimbrock, die auch Beratungslehrerin an der Schule ist. Sie habe hartnäckig nachgehakt, wenn Melina dem Unterricht ferngeblieben sei, erzählt sie – auch bei den Eltern. Jetzt stehen keine unentschuldigten Fehltage mehr im Zeugnis der Zehntklässlerin.

Magdalena und Melina haben sich für den Besuch der zehnten Klasse an der Peter-Ustinov-Schule entschieden. Mit dem Realschulabschluss erhoffen sie sich bessere Lehrstellen. Melina möchte nach der Schule einen Ausbildungsplatz bei der Stadt ergattern, Magdalena will Erzieherin werden.

Beratung und Unterstützung im Bewerbungsprozess

Wie es nach der Schule weitergeht, ist für die Schüler der Peter-Ustinov-Schule ab der achten Klasse ein zentrales Thema im Schulalltag. Angelika Seitz-Synycia vom Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft ist seit 2011 als Schülerberaterin für den Übergang zwischen Schule und Beruf verantwortlich. Sie steht Schülern und Eltern für jegliche Beratung und Unterstützung im Orientierungs- und Bewerbungsprozess zur Verfügung. Außerdem stellt sie Kontakte zu den Betrieben her, zum Beispiel für Praktika in der neunten und zehnten Klasse. Sie organisiert Betriebsbesichtigungen und geht mit den Schülern auf Berufsbörsen. Angelika Seitz-Synycia teilt sich ein Büro mit dem Schulsozialarbeiter Jonas Schumann. Er ist bei Problemen aller Art ansprechbar, hilft beim Beantragen der Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket und organisiert Sozialtrainings für die Hauptschüler.

„Die Peter-Ustinov-Schule ist weit mehr als eine Restschule“

Schulleiter Wolfgang Kargel, die Beratungslehrerinnen Heimbrock, Günther und Brunkhorst, Schülerinnen wie Melina und Magdalena, Sozialarbeiter Jonas Schumann, Berufsberaterin Angelika Seitz-Synycia – sie alle engagieren sich Tag für Tag für die Peter-Ustinov-Schule. „Viele wissen gar nicht, was an den Hauptschulen so alles passiert“, sagt Schulleiter Wolfgang Kargel. Es gehe nicht nur darum, die Hauptschüler irgendwie durchzubringen, sie sollen Anleitung, Beratung und Unterstützung erfahren. Für ihn, die Lehrer und Schüler, ist die Peter-Ustinov-Schule weit mehr als eine Restschule.

Auslaufmodell Hauptschule

Die Stadt Hannover setzt immer mehr auf ein Zwei-Säulen-Modell aus Gymnasien und Integrierten Gesamtschulen. Seit diesem Sommer gibt es mit der neuen IGS Bothfeld und der IGS Südstadt elf Gesamtschulen im Stadtgebiet. Die Hauptschulen hingegen schließen nach und nach, so die Anne-Frank-Schule im kommenden Jahr, die Karl-Jatho-Schule und die Hauptschule Badenstedt spätestens 2015, die Rosa-Parks-Schule 2017 und die Ada-Lessing-Schule 2018. Die Peter-Ustinov-Schule und die Pestalozzi-Schule in Anderten sind die einzigen reinen Hauptschulen der Stadt, die in diesem Schuljahr noch Fünftklässler aufgenommen haben.

Insgesamt meldeten sich in diesem Schuljahr 53 Fünftklässler für den Besuch an einer Hauptschule an. 2012 waren es noch 83. Damit setzt sich der Trend sinkender Schülerzahlen an den Hauptschulen fort, ähnlich ist die Lage an den Realschulen. Für die Realschulen haben sich dieses Jahr 312 Kinder entschieden, im Vorjahr meldeten sich dort noch 405 Schüler an. Für die Integrierten Gesamtschulen haben sich in diesem Schuljahr 1494 Kinder angemeldet, rund 1.400 Schüler können tatsächlich aufgenommen werden.

Julia Wolffson

Rüdiger Meise 26.10.2013
Rüdiger Meise 26.10.2013