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West Die Kunst stetigen Scheiterns
Hannover Aus den Stadtteilen West Die Kunst stetigen Scheiterns
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14:04 07.02.2014
Von Rüdiger Meise
Die Kostüme für seine Projekte fertigte er daheim selbst an der Nähmaschine. Quelle: Kind
Ricklingen / Linden

Eins steht fest: Der Mann hatte etwas Besonderes. Das sagen die Menschen, die ihn erlebt haben. Aber was? Der hannoversche Amateurfilmer Wolfgang Krone strebte sein Leben lang Unerreichbares an, und er konnte Menschen begeistern, sogar für hoffnungslose Projekte. Im Jahr 1979 drehte er in Hannover den Spielfilm „Die Erinnerungen des Grenadiers Rousseau“. Hunderte wirkten damals bei dem wohl aufwendigsten Film mit, der jemals im Super-8-Format produziert wurde. Krone wurde eine hannoversche Berühmtheit, doch der Erfolg blieb aus - ebenso wie bei allen weiteren Projekten, die er anstieß. Anspruch und Einlösung lagen bei Krone immer so weit auseinander, dass die Fallhöhe eine eigene Dramatik hatte. „Dennoch - er hatte etwas magisch Authentisches“, sagt ein Freund über ihn. Wolfgang Krone starb vor wenigen Tagen in seiner Ricklinger Wohnung.

Herbst 1979, Dreharbeiten am Deister: Ein rundlicher, pausbäckiger Napoleon stapft im Regen über eine Wiese, klettert mühsam auf ein Pferd, reitet los - und fällt hinab in den Matsch. Die Filmcrew hinter der winzigen Super-8-Kamera lacht. Doch Napoleon kümmert sich nicht darum. Er rappelt sich auf, klettert wieder aufs Pferd und versucht, Haltung anzunehmen. Eine Szene mit Symbolcharakter.

Eingefangen hat sie ein Dokumentarfilm, der damals über die Entstehung des Historienstreifens gedreht wurde. Der Dokumentarfilm hieß „Der Mann erschreckt mich jedes Mal aufs Neue“, und Napoleon hieß Wolfgang Krone. Er mimte damals den Kaiser, führte Regie, besorgte die Requisiten, nähte gemeinsam mit seiner Mutter die Kostüme - und gab der Presse zahlreiche Interviews über seinen „Monumentalfilm“, wie er sagte. Eigentlich wollte er den Film in einem Tag abdrehen - es dauerte dann zwei Jahre. Hannovers berittene Polizei galoppierte als kaiserliche Kavallerie Sturmangriffe, eine alte Fabrik am Deister musste als brennendes Moskau herhalten, Armeen von Statisten fielen auf Pattenser Äckern übereinander her.

Trotz allen Aufwands blieb der erhoffte deutschlandweite Kinostart aus. Einmal wurde der Film im Raschplatzkino gezeigt, einmal in Eldagsen. Sechs Besucher kamen. Krone zahlte am Ende nicht nur die rund 15 000 Mark Produktionskosten, sondern auch noch die Heizkosten des Eldagser Kinos.

Doch er stand wieder auf.

Als nächstes begann er einen Film über Hermann den Cherusker. Schilde und eigens geschmiedete Schwerter stapelten sich 1980 bis unter die Decke von Krones Keller. Die HAZ schrieb: „Diesmal kämpft Napoleon als Varus.“ Doch der Film blieb Fragment. Eigentlich wollte er schon damals viel lieber einen Film über Klaus Störtebeker drehen - mit sich selbst in der Hauptrolle. Jahrelang grübelte er, wie man den Nachbau einer Hansekogge kostengünstig organisieren könnte.

Mit dem Ende der Hanomag Mitte der achtziger Jahre wurde Krone arbeitslos. Im Berufsleben hatte er es bis zum Packer und Gabelstaplerfahrer gebracht - nun wollte er eine zweite Karriere starten. Als Künstler. Sein Theaterstück, eine in der Türkei spielende Verwechslungskomödie, wollte aber kein Theater aufführen. Sein Historienhörspiel „Begegnung auf der Ihmebrücke“ beendete er nicht - das Aufnahmegerät ging kaputt.

Doch er stand wieder auf.

Als Schlagersänger gab er Konzerte - mit selbst geschriebenen Texten und Melodien. Der hannoversche Filmemacher Carsten Aschmann erzählt, wie irritiert und gebannt zugleich das Publikum bei einem Konzert lauschte: „Das hatte keinerlei Qualität, aber etwas Fesselndes. Was war das? Trash? Kult? Nix?“ Vielleicht sei es nur die Faszination gewesen, dem öffentlichen Scheitern eines Ambitionierten beizuwohnen, sagt Aschmann, der sich auch mit Krones Napoleon-Film befasst hat. „Das Scheitern war bei allen seinen Projekten schon im Ansatz angelegt“, sagt er. „Wenn ich einen Kostümfilm drehe, dann geht das einfach nicht mit Super 8.“

Dann öffnete Krone die Tür.

Davor stand Bart van Esch. Der niederländische Regisseur hatte in Amsterdam irgendwo eine Kopie des Napoleon-Films gesehen - und bemerkte die schwer fassbare Aura, die den Ricklinger umgab. Mehrere Jahre drehte er ein Filmportät über Krone und dessen Standhaftigkeit im Angesicht fortwährenden Scheiterns - das er mit Humor und Selbstironie ertrug. Die Dokumentation zeigt, wie er sich bei Helge Schneider Tipps für seine Schlagerkarriere holt oder wie er versucht, mit Handzetteln am Arbeitsamt Mitspieler für ein „Arbeitslosen-Musical“ zu finden. 2005 kam der Film „Für kurze Zeit Napoleon“ in die Kinos und wurde anschließend mehrmals im Fernsehen gezeigt. So hat es Krone doch noch auf die Leinwand geschafft. Und sein Napoleon-Film immerhin ins Bundesfilmarchiv.

„Er war ein Lindener Arbeiterkind, das sich mit den Grenzen seiner Existenz einfach nicht zufriedengab“, sagt Werner Pollack, ein langjähriger Freund. „Er war ein Laie und ein Träumer, aber die soll man ja nie unterschätzen.“ Vielleicht war sein beharrliches Streben nach Unerreichbarem auch darin begründet, dass er die Frau fürs Leben einfach nicht fand, vermutet Bart van Esch. Auch an diesem Projekt arbeitete Krone akribisch, erinnert sich Pollack. „Lange vor dem Internet gründete Wolfgang eine Singlebörse in Hannover. Ich kenne mehrere Paare, die sich damals kennenlernten und die heute noch verheiratet sind.“ Krone blieb allein.

Am 28. Dezember stand er nicht wieder auf. Die Stadt Hannover fand kein Familienmitglied, das die Beerdigungskosten bezahlen wollte. Die Urne mit Wolfgang Krones Asche wurde anonym bestattet.

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