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West Steinwürfe in Linden heizen Stadtteildebatte wieder an
Hannover Aus den Stadtteilen West Steinwürfe in Linden heizen Stadtteildebatte wieder an
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00:15 27.04.2013
Glaser Joachim Stein repariert nach den Steinwürfen notdürftig eine Scheibe am Denn's Biomarkt in Linden-Nord. Quelle: dpa
Hannover

Mit faustgroßen Backsteinen hatten mehrere vermummte Demonstranten am Dienstagabend in der Limmerstraße die Schaufensterscheiben einer Denn’s-Filiale demoliert. Sieben Scheiben gingen zu Bruch. Glasscherben regneten auf Obstkisten und den Gemüsestand nieder, sodass die Lebensmittel umgehend entsorgt werden mussten. Die Täter konnten im Schutz der Dämmerung entkommen.

Die Eskalation erfolgte am Ende einer unangemeldeten Demonstration der linken Szene in Hannover. Rund 50 Vermummte hatten sich gegen 20 Uhr in der Pfarrlandstraße versammelt. Anschließend zogen sie grölend die Limmerstraße hinunter. Dabei zündeten sie mehrere Feuerwerkskörper. Der nicht genehmigte Protest richtete sich gegen die Räumung eines seit Jahren besetzten Hauses auf dem Gelände der Universität in Frankfurt am Main. Mehrere Hundertschaften der Polizei hatten das von Autonomen verwaltete „Institut für vergleichende Irrelevanz“ auf dem Campus der Goethe-Universität am Montagabend geräumt. Durch ihren Lindener Protestzug wollten die Teilnehmer ihre Solidarität mit den hessischen Besetzern zum Ausdruck bringen.

er neuerliche Gewaltausbruch von Gegnern der sogenannten Gentrifizierung im Stadtteil facht die Debatte über die Grenzen von Protest und zivilem Ungehorsam, die seit einigen Monaten zum Teil heftig geführt wird, neu an. Auslöser für die Auseinandersetzung war ein Beschluss des Bezirksrat Linden-Limmer. Mit der Mehrheit der Grünen und der Linken hatte das Gremium unter Vorsitz von Bezirksbürgermeister Rainer Grube (Grüne) eine „Resolution für eine aktive und friedliche Beteiligungskultur“ beschlossen. Darin heißt es unter anderem, es könnten durchaus Situationen auftreten, in denen es notwendig erscheine, gegen bestehende Normen zu verstoßen.

Aus Sicht von Christian Eggers, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU in Linden, hat eben diese Resolution dem jüngsten Gewaltausbruch im Stadtteil den Boden bereitet. „Der Kuschelkurs von Grünen und Linken in Bezug auf Gewalt und Protest muss endlich aufhören, sonst bekommen wir die Problematik in Linden nicht mehr in den Griff“, sagt Eggers. Der Chef der CDU-Ratsfraktion, Jens Seidel, ist froh, dass bei den Steinwürfen niemand verletzt wurde. „Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn hinter der Scheibe jemand gestanden hätte“, sagt er. Seidel befürchtet, dass die Entwicklungen in Linden auch auf andere Viertel übergreifen könnten. „Hier ist jetzt die Polizei gefragt, um die Gewalt so schnell wie möglich einzudämmen“, sagt Seidel.

Steffen Mallast: "Resolution ist überflüssig"

Lindens Bezirksbürgermeister Grube wollte sich nicht zu den neuerlichen Vorfällen in seinem Zuständigkeitsbereich äußern. „Ich sage dazu nichts“, teilte er lediglich mit. Für seinen Stellvertreter Stefan Müller (Linke) haben die Steinwürfe gegen die Supermarktscheiben dagegen nichts mit dem Inhalt der Resolution zu tun. „Uns ein gestörtes Verhältnis zum Rechtsstaat zu unterstellen ist an den Haaren herbei gezogen“, sagt er. Steffen Mallast, der für die Grünen im Lindener Bezirksrat sitzt, gibt sich dagegen selbstkritisch: „Die Resolution kann inhaltlich missverstanden werden und ist deshalb eigentlich überflüssig.“ Mallast mischt bei der „Gruppe Ahoi“ mit, die ebenfalls gegen Luxussanierungen von Wohnungen im Stadtteil protestiert und auch vor Hausbesetzungen nicht zurückschreckt.

Der jüngste Protest gegen die Ladenkette stößt stadtweit auf Unverständnis. „Es war abzusehen, dass so etwas passiert“, sagt Bürgermeister Bernd Strauch (SPD). Der Bezirksrat in Linden sollte, so Strauch, umgehend deutlich machen, dass er Gewalt rundheraus ablehne. Lothar Schlieckau, Fraktionschef der Grünen im Rat, kündigte an, auf die Kollegen im Bezirksrat einwirken zu wollen. „Eine Resolution darf nicht als Legitimation für Gewalt dienen“, sagt er.

Nicht der erste Protest

Mit dem Einwerfen von Schaufensterscheiben haben Gentrifizierungsgegner in Linden schon einmal versucht, auf ihre Positionen aufmerksam zu machen. Im Mai des vergangenen Jahres zertrümmerten sie die Scheiben eines Eiscafés in einem sanierten Gebäude in der Stephanusstraße, das kurz vor der Eröffnung stand. Auch der Biodiscounter ist bereits Ziel der Protestler geworden. Im Dezember 2012 beschmierten Unbekannte mehrere Fensterscheiben des Marktes mit Farbe.

Das Unternehmen Denn’s, das seine Zentrale in Bayern hat, will sich auch von der jüngsten Attacke nicht beeindrucken lassen. Noch am Dienstagabend ließ der Konzern die zerborstenen Scheiben notdürftig reparierten. Demnächst sollen sie durch neues Glas ersetzt werden. „Die Fensterscheiben sind aber das geringste Problem. Deutlich schwerer wiegt die Belastung der Mitarbeiter, die sich zur Tatzeit noch im Markt befanden“, erklärt Denn’s-Sprecherin Antje Müller. Zunächst gelte es, das Gefühl von Sicherheit wiederherzustellen. Dieses sei durch den massiven Angriff am Dienstagabend zerbrochen.

Kritik an Denn's

Ökosupermärkte sind in Deutschland auf dem Vormarsch. Im vergangenen Jahr steigerte der Biofachhandel seinen Umsatz um rund sieben Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Der Bundesverband Naturkost Naturwaren Einzelhandel (BNN) schätzt, dass fast jeder fünfte Deutsche regelmäßig oder ausschließlich Bioprodukte kauft. Die  Tendenz ist steigend. Die Angestellten der Biomärkte werden jedoch in der Regel nicht tarifgebunden bezahlt – auch nicht beim bundesweiten Marktführer Denn’s. Das Tochterunternehmen des bayerischen Biogroßhändlers Dennree betreibt bundesweit mehr als 90 Filialen mit rund 1000 Angestellten. „Denn’s Biomarkt orientiert sich an den tariflichen Regelungen“, sagt Unternehmenssprecherin Antje Müller auf HAZ-Anfrage.

Daneben gebe es freiwillige Sonderzahlungen und Sonderkonditionen beim Einkauf. Den mehrfach geäußerten Vorwurf, dass Denn’s Überstunden nicht bezahlt und Ruhepausen nicht einhält, weist das Unternehmen zurück. „Gesetzliche Regelungen werden bei uns selbstverständlich eingehalten“, sagt Müller. Die Frage nach dem Stundenlohn einer typischen Denn’s-Kassiererin in Hannover lässt die Unternehmenssprecherin jedoch unbeantwortet. Die Biomarktkette beschäftigt in ihren sechs Filialen im Stadtgebiet mehr als 80 Mitarbeiter. Standorte befinden sich in Kirchrode, Linden-Nord, Mitte, Nordstadt, Oststadt und Südstadt. „Einen Betriebsrat gibt es derzeit nicht“, sagt die Denn’s-Sprecherin.

Tobias Morchner und Christian Link

Dauerdebatte um Miethöhen

Die Diskussion um Miethöhen im Stadtteil Linden ist zu einem Dauerthema geworden, seit der ehemalige Arbeiterstadtteil sein Schmuddelimage ablegt und sich zum angesagten Wohnquartier wandelt. Die offiziellen Statistiken allerdings deuten derzeit nicht darauf hin, dass tatsächlich eine neureiche Schickeria die alteingesessenen Bewohner vertreibt („Gentrifizierung“).

Beim Verein Mieterladen Linden etwa sagt der Vorsitzende Ludwig Prilop: „Mietpreissteigerungen sind in unseren Beratungen immer wieder Thema – aber die Situation ist überhaupt nicht vergleichbar mit Hamburg, München oder Berlin.“ Richtig sei, dass Linden wegen seiner charmanten Wohnlagen und der Stadtteilkultur durchaus im Fokus von Investoren stehe. Wenn in einzelnen Straßen gehäuft Sanierungen stattfänden und Mehrfamilienhäuser in Eigentumswohnungen umgewandelt würden, dann stiegen dort spürbar die Preise an – etwa in der Weckenstraße nahe der Bethlehemkirche. „Es gibt in Linden derzeit aber genug Wohnraum, der nicht teuer saniert ist“, sagt Prilop. Eine Vertreibung sei daher nicht festzustellen. „Wenn der Trend aber stärker wird, könnte es irgendwann problematisch werden.“ Der Mieterladen unterstütze daher Bestrebungen der Bundespolitik, bei Neuvermietungen von Wohnungen Höchstgrenzen festzulegen. So könnten Quadratmeterpreise je nach Ausstattung bei zehn Prozent über dem Mietspiegel begrenzt werden.

Die Einschätzung des Mieterladen-Vorsitzenden deckt sich mit den Zahlen der Gutachterausschüsse für den Immobilienmarkt. Die hatten im März in einer Sonderauswertung für die HAZ bestätigt, dass die Immobilienpreise in Linden nachweislich steigen – aber nicht in ungewöhnliche Höhen. Vielmehr näherten sie sich aus einem für Großstädte ungewöhnlich niedrigen Niveau allmählich einem Normalniveau an.

Conrad von Meding

Ein 26-Jähriger, der am vergangenen Donnerstag in einer Gaststätte in Wettbergen seine Ex-Freundin niedergestochen hatte, befindet sich nun in Untersuchungshaft. Polizeibeamte verhafteten den Flüchtigen am Mittwoch in der Wohnung eines Freundes.

24.04.2013

Die Steinwürfe auf den Biomarkt Denn’s in der Limmerstraße stoßen bei Anwohnern und Politikern auf Unverständnis. Vermummte Autonome hatten am Dienstagabend mehrere Scheiben des Supermarkts beschädigt.

24.04.2013

Der Bezirksrat stimmt dem Bau der Einrichtung in Badenstedt an der Grenze zu Empelde zu. Der Standort und der Mietvertrag wurden in der jüngsten Sitzung des Gremiums unter Ausschluss der Öffentlichkeit beschlossen.

Christian Link 24.04.2013