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Aus der Stadt Die älteste Hannoveranerin feiert ihren 108. Geburtstag
Hannover Aus der Stadt Die älteste Hannoveranerin feiert ihren 108. Geburtstag
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00:20 18.01.2019
Glückwunsch: Oberbürgermeister Stefan Schostok gratuliert Erna Brosig zum 108. Geburtstag.
Glückwunsch: Oberbürgermeister Stefan Schostok gratuliert Erna Brosig zum 108. Geburtstag. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Am liebsten macht sich Erna Brosig Rotkohl. Nicht aus der Dose, sondern frisch zubereitet. Gekocht hat sie immer gern, und noch heute stellt sie sich ab und zu an den Herd. Vor allem Gemüse kam bei ihr auf den Tisch. „Wir hatten immer gutes, einfaches Essen, nicht jeden Tag ein Braten“, erzählt die alte Dame. Offenbar hat sie sich gesund ernährt: Erna Brosig ist am Dienstag 108 Jahre alt geworden. Damit ist sie Hannovers älteste Bürgerin.

Oberbürgermeister Stefan Schostok fehlt denn auch nicht unter den Gratulanten. Eine gute Stunde nimmt das Stadtoberhaupt sich Zeit, um mit der Jubilarin zu plaudern – an der hübsch gedeckten Kaffeetafel mit Dresdner Stollen und belegten Brötchen. Der OB überbringt ein Blumengesteck und lädt auch zu einem Besuch ins Rathaus ein. „Ich glaube aber, da war ich schon mal“, merkt Erna Brosig an. „In Hannover weiß ich ziemlich gut Bescheid.“

Kein Wunder: Seit mehr als fünf Jahrzehnten lebt die gebürtige Breslauerin hier. Auf der Flucht aus ihrer schlesischen Heimat landete sie mitten in den Kriegswirren in Dresden, dann verschlug es sie nach Bayern, später landete sie in Münster, wo sie und ihr Mann 20 Jahre lebten. Er starb bereits 1977. Nach seinem Tod zog Erna Brosig in ein Apartment in einem großen Wohnkomplex nahe des Ricklinger Bads, wo sie noch immer zu Hause ist. Allerdings hatte sie nach ihrem 100. Geburtstag ihre eigenen vier Wände für fünf Jahre verlassen, um das Leben in einer betreuten Seniorenwohnanlage zu testen. „Da hat sie sich aber nicht richtig wohl gefühlt“, berichtet ihr Enkel Dirk Brosig (45).

Sohn schaut nach dem Rechten

Erna Brosig auf ihrem Führerschein-Foto aus dem Jahr 1939. Quelle: Christian Behrens

Von dem großen Balkon ihrer kleinen Wohnung kann Erna Brosig ganz Ricklingen überblicken, „Hier sind die Teiche, es gab ein schönes Restaurant, und der Kaufmann ist auch gleich um die Ecke.“ Ihr Sohn Peter (74) und ihre Schwiegertochter Annette (69) sehen es aber nicht gern, wenn die Seniorin sich zum Einkaufen auf den Weg macht. Das sei zu riskant sein. Daher übernehmen sie die Einkäufe und schauen täglich nach dem Rechten. „Sie zieht sich noch alleine an und verrichtet die alltäglichen Dinge, einen Pflegedienst möchte sie nicht so gern in Anspruch nehmen“, sagt die Schwiegertochter.

Seit 40 Jahren die Grabstelle gesichert

Zur Familie, die in Hannover und Dresden lebt, gehören neben vier Enkeln auch fünf Urenkel. Besonders schwer war es für Erna Brosig, den Verlust ihres zweiten Sohnes zu verschmerzen, der bereits verstorben ist. Mit dem Tod setzt sich die Seniorin aber durchaus auseinander. Sie hat sich vor 40 Jahren eine Grabstelle auf dem benachbarten Friedhof gesichert. Und ihre Verwandten berichten mit einem Schmunzeln, dass sie sich immer wieder erkundige, ob die Preise in dieser Branche stabil geblieben seien.

Nach einem Oberschenkelhalsbruch im vergangenen Jahr fühlt sich Erna Brosig im Rollstuhl am sichersten, zuvor war sie mit ihrem Rollator unterwegs. „Sie ist vor dem Sturz stets kerngesund gewesen“, sagt ihr Enkel. Ein Bierchen oder einen Schnaps habe sie sich gern gegönnt. Medikamente habe sie nie genommen. „Und geistig ist sie vollkommen fit.“ Nur die Augen und die Ohren haben deutlich nachgelassen. Aber die sind ja auch schon 108 Jahre im Dienst.

Von Juliane Kaune