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Aus der Stadt Staus, Straßensperren – und Wut: Ricklingen streitet über Baustellen
Hannover Aus der Stadt

Ärger um Baustellen in Hannover-Oberricklingen

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19:39 14.11.2019
An diesen Barrieren scheiden sich die Geister: Andreas Markurth, Bezirksbürgermeister von Ricklingen. Jetzt sollen die Betonsperre zunächst wieder abgebaut werden. Quelle: Navid Bookani
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Hannover

Andreas Markurth biegt mit seinem Auto von der Bergfeldstraße in die Straße Am Sauerwinkel in Oberricklingen ein. Es ist früher Abend, im Scheinwerferlicht tauchen ein Sperrschild und eine große graue Betonbarriere auf. Markurth verlangsamt das Tempo, zögert kurz. Und es dauert höchstens drei Sekunden, da ertönt hinter ihm schon die erste Hupe. „Diese Ungeduld!“, knurrt Markurth, während er seinen Wagen links in den Rodbraken steuert. „In Göttingen war es entspannter.“

Falls das stimmt verfügt Göttingen vielleicht über ein intelligenteres Baustellenmanagement als Hannover. In Oberricklingen und Wettbergen jedenfalls, zwei der südwestlichen hannoverschen Stadtteile, die derzeit arg von Baustellen gepeinigt werden, kann von Entspannung keine Rede mehr sein. Hier brennt die Luft. Es wird geschimpft, gegiftet, gedroht, vorgeworfen, nicht zugehört. „Jeder denkt an sich“, sagt Markurth, der nach Schulzeit in Braunschweig und Job in Göttingen heute hauptberuflich im Kultusministerium in Hannover arbeitet. Und für die SPD als ehrenamtlicher Ricklinger Bezirksbürgermeister fungiert. Eine Arbeit, die im Moment viel Geduld erfordert.

Hohes Verkehrsaufkommen – also sucht der Autofahrer sich Ausweichstrecken

Die Hauptverkehrsströme aus Wettbergen und Oberricklingen laufen morgens in Richtung Hannover-Innenstadt und abends zurück. Wichtigste Verkehrsachsen und -knotenpunkte für das Auto: aus Süden kommend die Hamelner Chaussee (das ist die B 217), der Tönnieskreisel, die Bückeburger Allee (B65) und der Ricklinger Kreisel.

Theoretisch. Praktisch kommt man schon ziemlich lange nicht mehr besonders gut durch: hohes Verkehrsaufkommen. Also suchen sich die Autofahrer Ausweichstrecken. Eine mögliche Variante, südlich vom Landwehrkreisel ein Stückchen B 3 zu fahren, scheidet aus: Die Ewigkeitsbaustelle der Umgehung für Hemmingen nimmt keinen Zusatzverkehr auf, im Gegenteil. Zweite Alternative: Statt im Stau zu stehen, konnte man auf der Wallensteinstraße quer durch Oberricklingen zur Göttinger Chaussee fahren. Hilft inzwischen aber auch nicht mehr, denn auf der Chaussee stehen ebenfalls Baken, hier wird die Stadtbahn Richtung Hemmingen verlängert.

Letzte Chance bis vor kurzem: die Straße In der Rehre, eine schmale Querverbindung südlich des Ricklinger Friedhofs zur Göttinger Chaussee. Aber wer da jetzt lang will, sieht ebenfalls Rot-Weiß. Die Stadt Hannover in Gestalt des Tiefbauamts hat beschlossen, die zu Wettbergen gehörende Rehre zu sanieren. Anderthalb Jahre Bauzeit. Vollsperrung.

Anderthalb Jahre gesperrt: die Straße In der Rehre. Quelle: Archiv

Aus der Umleitung in den Stau

Andreas Markurth erzählt davon an einem Tischchen in dem kleinen Bäckereicafé im Rewe-Markt, der an der Straße In der Rehre liegt und, seit hier Sperrschilder stehen, angeblich schon einen Kundenrückgang registriert. Markurth berichtet, Anwohner hätten sich Sorgen gemacht, dass sich durch die Rehre-Sperrung der Verkehr auf die nördlich verlaufende Fahrradstraße Am Grünen Hagen und das benachbarte Wohngebiet verlagern könne; dazu habe der Bezirksrat beschlossen, die Entwicklung erst mal zu beobachten.

Das Tiefbauamt habe den Beschluss aber ignoriert, sagt Markurth. Es habe stattdessen die großen grauen Betonsperren wie die an der Straße Am Sauerwinkel aufgestellt, dort, wo Markurth angehupt wurde. Ziel der Sperren: den Verkehr aus dem Wohngebiet mit seinen gepflegten Siedlungshäusern rauszuhalten.

Man habe, heißt es seitens der Stadt Hannover, eine Umleitung ausgeschildert. Das stimmt, das hat man. Sie führt direkt in die Staus auf B217 und B65 und vor den Kreiseln.

Die geplante Beruhigung des Verkehrs hat eine Beunruhigung der Menschen verursacht.

Petition hier, Petition da

Wettberger haben eine Onlinepetition gegen die Sperrungen gestartet, 2000 Unterstützer gewonnen, die Schlagworte lauten: Verkehrschaos, enorme Umwege, nicht verhältnismäßig. Autofahrer unter Zeitdruck versuchen, trotz der Sperren einen Schleichweg durch die Wohnstraßen zu finden, sie verfranzen sich fast notwendigerweise, landen immer wieder vor den strategisch klug gesetzten grauen Barrieren. Sie fühlen sich wie eingesperrt, die Fahrer werden aggressiv, es gibt Berichte über Leute, die sich zwischen Pollern durchzwängen oder dagegen fahren oder über Fußwege und Rasenstücke kurven.

Anfang November: Dutzende Radfahrer haben in Ricklingen für den Erhalt der Straßensperren demonstriert. Quelle: Michael Wallmüller

Die Anlieger sind zornig und ängstlich und sorgen sich um ihre Kinder, wenn sie morgens zur Schule gehen. Noch mehr Sorgen haben sie vor einer Aufhebung der Sperren, denn die Autofahrer hielten sich, auf das Wohngebiet losgelassen, an keine Regeln: Sie würden Fußgänger und Radfahrer schneiden. „Ich habe auch schon Autospiegel unter dem Lenker gehabt“, sagt eine Anwohnerin.

Die Oberricklinger riefen ihrerseits zu Unterschriften gegen die Verkehrsflut im Wohnquartier Oberricklingen auf, gründeten eine Initiative und organisierten eine Fahrraddemo.

Zornige Zuhörer

Der wechselseitige Zorn entlud sich jüngst bei einer Bezirksratssitzung im Freizeitheim Ricklingen: In den vollen Zuhörerreihen saßen mehrheitlich Betonbarrierenbefürworter, Radfahrerlobbyisten und besorgte Eltern. Ihre Stimmung war aggressiv, laut, die Grundhaltung geprägt von: Wir sind gegen Autos, wir sind die Guten. Nicht immer brachten sie während der Einwohnerfragestunde den Respekt auf, Leute mit anderer Meinung ausreden zu lassen.

Die Barrieregegner, die sich trauten, sich zu outen, sprachen von Zeitdruck und verstopften Straßen. Dass jeder Einzelne, der im Stau steht, selbst Verursacher des Staus ist – darüber sprachen sie nicht.

Am Ende stand ein Beschluss der Bezirksratsmehrheit, dass das Tiefbauamt die Sperren im Wohngebiet erst mal wieder entfernen soll. Dann, sagt Andreas Markurth, werde man schauen, was passiert. Unmut bei der Mehrheit der Zuhörer.

Lesen Sie auch: Bezirksrat schafft Auto-Labyrinth in Ricklingen ab

Hätte die Stadt vielleicht, zur Entspannung der Situation, mit der Sperrung der Straße In der Rehre erst mal warten können, bis die anderen Großbaustellen fertig sind? Ein klares Nein von Kai Kaminski, Bereichsleiter Koordinierung und Verkehr im Tiefbauamt. Begründung: Es gebe immer „Parallelitäten“. Und die aufgewühlten Bürger? Und das Verkehrschaos? „Ich sehe kein Chaos“, sagt Kaminski. Chaos bekäme man erst, wenn der Südschnellweg zwecks Sanierung gesperrt werde. Dort sind mehrere Brücken marode – der Schnellweg soll in wenigen Jahren ausgebaut werden.

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