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Aus der Stadt Ärger um Erbpacht: Kirche erhöht Wohnkosten um das 13-Fache
Hannover Aus der Stadt

Ärger um Erbpacht in Hannover-Kirchrode: Kirche verdreizehnfacht Wohnkosten

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16:36 30.01.2020
Ärger um Erbpachtverträge der Kirche rund um den Molanusweg (v. li.): Anwalt Björn Helms mit Eigentümervertretern Ute Billib und Klaus-Peter Pfingsten. Quelle: Navid Bookani
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Hannover

Die evangelische Jakobi-Gemeinde hat etwa 100 Hauseigentümern in Kirchrode saftige Preiserhöhungen angekündigt. Weil die Häuser auf alten Erbpachtgrundstücken stehen, sollen die jährlich zu entrichtenden Grundstücks-Pachtpreise um das 13-fache angehoben werden, teilweise auch mehr. „Viele können sich das nicht leisten“, sagt Bewohneranwalt Björn Helms. Die Anlieger haben eine Initiative gegründet, um mit Gemeinde und Landeskirche ins Gespräch zu kommen. Doch die lehnt Verhandlungen mit der Gruppe ab. Nur in sozialen Einzelfällen seien Kompromisse denkbar.

Erbpacht-Ärger in Kirchrode: „Kirche hat nie investiert“

Klaus-Peter Pfingsten bewohnt mit seiner Frau eines der kleinen Siedlungshäuser am Molanusweg. Die Gebäude waren Anfang der Fünfzigerjahre für Flüchtlinge und Aussiedler errichtet worden: lange, schmale Gärten für Viehhaltung und Gemüsebau, dazu eher kleine Häuser in einfachster Bauweise. „Heute würde man sie als Schlichthäuser bezeichnen “, sagt Pfingsten. Die Kirche habe nie investiert: „Das Land haben sie von einem Bauern geschenkt bekommen, den Hausbau und die Erschließung haben die Pächter bezahlt.“ Doch in wenigen Jahren laufen die meist auf 75 Jahre geschlossenen, regelmäßig erhöhten Erbpachtverträge aus. Jetzt will die Gemeinde neue Summen ansetzen.

Am Mittwochabend haben sich Dutzende Pächter aus den Kirchröder Gebieten rund um Molanusweg, Aussiger Wende, Lange-Hop- und Brabeckstraße getroffen und eine Petition verabschiedet. Quelle: privat

Der Bodenrichtwert in Kirchrode steigt ständig. Allein von 2017 auf 2018 ist er pro Quadratmeter von 480 auf 570 Euro geklettert. Die Kirche will künftig vier Prozent Zinsen pro Jahr darauf kassieren. Damit erhöht sich die Pacht für Pfingsten und seine Frau von jährlich 393 auf 5183 Euro. „Weil die Grundstücke groß und die Häuser klein sind, zahlen wir künftig monatlich etwa so viel wie Mieter in gleichgroßen Mietwohnungen – obwohl das Haus uns gehört und wir auch ständig investiert haben“, sagt Pfingsten

Kritik an Zinshöhe von vier Prozent

Vier Prozent Zinsen finden die Hauseigentümer angesichts der Niedrigzinsen unangemessen. Und sie fühlen sich unter Druck gesetzt: Die Gemeinde hat ihnen Angebote geschickt, die noch den Bodenrichtwert von 2017 statt von 2018 zugrundelegen – wenn sie bis Ende Februar zustimmen. „Das ist Nepper-Schlepper-Bauernfänger“, sagt Bewohneranwalt Helms: „Es erinnert an ,Kauf das Handy jetzt, dann sparst du 10 Prozent´“ – obwohl es um existenzielle Fragen gehe. „Das alles ist juristisch korrekt, aber moralisch eine Sauerei“, sagt Helms.

Johannes Neukirch, der Sprecher der Landeskirche, weist den Vorwurf zurück. „Die Verträge laufen aus, wir wollten den Betroffenen frühzeitig ein Angebot unterbreiten.“ Vier Prozent Zinsen berechne die Landeskirche seit 1963 in allen Neuverträgen. „Sie laufen Jahrzehnte, im Mittel der Zinsentwicklungen finden wir vier Prozent sehr fair.“ Die Kirche müsse verantwortungsvoll mit ihrem Geld umgehen. „Die Jakobigemeinde baut eine weitere Kita, plant Sozialwohnungen und stellt ein Grundstück für Obdachlose. Da können wir nicht einigen Kirchrödern etwas schenken.“

„Kein guter Umgang“

Geschenkt wollen die Kirchröder nichts – aber wenigstens ein gemeinsames Gespräch über die Zinshöhe und Fristverlängerungen. Mittwochabend haben etwa 60 Betroffene eine Petition unterzeichnet. „Dass unser Kirchenvorstand nicht einmal eine Diskussion mit uns führt, finden wir keinen guten Umgang“, sagt Pfingsten.

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Von Conrad von Meding

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