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Aus der Stadt Job gekündigt für das ewige Eis: Ärztin aus Hannover arbeitet in der Antarktis
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Ärztin Birgit Steckelberg aus Hannover arbeitet in der Antarktis

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19:53 09.01.2020
„Jetzt haben wir hier Sommer und es ist mit Werten knapp unter dem Gefrierpunkt richtig warm“: Birgit Steckelberg vor der Neumayer-Station. Quelle: Alfred-Wegener-Institut
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Hannover.

Richtig authentisch fühlt sich die Antarktis für Birgit Steckelberg nur im Winter an. Der dauert rund 2000 Kilometer entfernt vom geografischen Südpol von März bis Oktober. Und es kommt nicht selten vor, dass das Thermometer unter die Minus- 40-Grad-Grenze fällt. „Jetzt haben wir hier Sommer und es ist mit Werten knapp unter dem Gefrierpunkt richtig warm“, sagt die Medizinerin aus Ricklingen. Das echte Antarktis-Gefühl komme aber eben erst bei gruseliger Kälte und Dunkelheit auf.

Einzige Ärztin im Eis

Ekström-Schelfeis, Atka-Bucht, 70° südliche Breite: Das ist der Arbeitsplatz von Birgit Steckelberg. Die hannoversche Ärztin für Chirurgie und Rettungsmedizin arbeitet seit 13 Monaten als einzige Medizinerin auf der Neumayer-Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts – Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Nur über eine Satelliten-Standleitung ist Steckelberg mit der Außenwelt verbunden. „Als Ärztin und Stationsleitung muss ich unsere neunköpfige Besatzung physisch und psychisch gesund durch den antarktischen Winter bringen“, sagt sie. „Wir sind monatelang komplett abgeschnitten. Bei diesen Bedingungen im Winter kann auch das Forschungs- und Versorgungsschiff ‚Polarstern‘ die Schelfeiskante nicht mehr erreichen.“

„Am Anfang habe ich nur Fotos von Eisbergen verschickt, da wollten meine Kinder auch schon mal etwas anderes sehen“: Birgit Steckelberg Quelle: Alfred-Wegener-Institut

Erweiterung des Horizontes

Steckelberg war offen für neue Perspektiven, als sie vor rund zwei Jahren in einer Ärztezeitung die Stellenausschreibung gelesen hat. Das jüngste der vier Kinder hatte gerade die Schule beendet, da passte das Angebot in die Lebensplanung. „Ich wollte beruflich nach 25 Jahren im klassischen Klinikalltag etwas anderes machen und auch meinen Kindern etwas Neues vermitteln.“ Den eigenen Horizont und den der Familie zu erweitern sei eine wichtige Herausforderung gewesen.

Die telefonische Leitung zu Birgit Steckelberg funktioniert einwandfrei, sie arbeitet in der rund 2000 Quadratmeter großen beheizten Station gerade ihren Nachfolger ein. Die 55-Jährige lebt seit Dezember 2018 im Eis, hat die neun Forscher ohne größere Komplikationen durch den eisigen Winter gebracht und plant, in drei Wochen nach Hannover zurückzukehren. „Ein Zeitraum allerdings, der für antarktische Verhältnisse Lichtjahre entfernt ist.“ Sturm, Kälte, Sichtverhältnisse – viele Unwägbarkeiten können die Rückreise noch hinauszögern.

Training in den Alpen

Steckelberg ist nicht nur als Ärztin zum Team gestoßen, sie ist auch für die Stationsleitung zuständig – im Südpol-Sommer für rund 55 Mitarbeiter. „Man muss das Team bei Laune halten und sich auch um so etwas wie Hygiene oder Trinkwasserproben kümmern.“ Außerdem gibt es seit 2019 einen Garten in der Antarktis, der zum ersten Mal von den Überwinterern allein betreut wurde. In einem Versuchsgewächshaus hat das Team Salat und Gemüse geerntet. Acht Monate lang ist das kleine Winterteam komplett von der Außenwelt abgeschlossen. „Aber in der Vorbereitungszeit für den Einsatz sind wir darauf gut eingestellt worden“, erzählt Steckelberg. Vier Monate lang hat das Team bereits in Bremerhaven und den Alpen sowohl das Zusammenleben als auch den Ernstfall geprobt – „inklusive Rettungsaktionen aus Gletscherspalten. Jeder im Team sollte den physischen und psychischen Herausforderungen gewachsen sein“, betont die Ärztin.

Atemberaubende Natur

Große Zwischenfälle hat es während ihres Einsatzes, bei dem sie theoretisch auch für zahnärztliche Eingriffe verantwortlich ist, nicht gegeben. „Ein paar kleinere Arbeitsunfälle, keine Evakuierung, das war zu bewältigen.“ Die Arbeit mit den Forschern und Wissenschaftlern aber sei ungemein beeindruckend – genauso wie die gewaltige und atemberaubende Natur. „Am Anfang habe ich nur Fotos von Eisbergen verschickt, da wollten meine Kinder auch schon mal etwas anderes sehen“, sagt Steckelberg. Für professionelle Aufnahmen von Robben oder den beeindruckenden Kolonien der Königspinguine aber sei es meist schlicht zu kalt gewesen. „Ich bin keine gute Fotografin, und mehr als 20 Sekunden hat man bei der Eiseskälte nicht für ein Bild.“ Danach gibt es Gefrierblasen. Die extreme Kälte sei durchaus bedrohlich. „Der Körper spürt bei minus 40 Grad sofort – es ist zu kalt.“ Die Kleidung ist daher auch Antarktis-erprobt. „Kein Quadratzentimeter des Körpers darf draußen unbedeckt sein.“

„Der Körper spürt bei minus 40 Grad sofort – es ist zu kalt“: Im antarktischen Winter darf draußen kein Quadratzentimeter des Körpers unbedeckt sein. Quelle: AWI

Die Umgebung in der Antarktis zu erleben hat sie berührt und auch ein wenig demütig gemacht. „Der Zustand von Meeren, der Luft und eigentlich der Welt rückt einem hier viel näher.“ Ihr Bedürfnis, diese Welt zu schützen, sei gewachsen. „Wir denken zu Hause an Mülltrennung, Biofleisch und Verkehrswende. Dass das bei Weitem nicht reicht, spüre ich hier viel deutlicher.“ Ihr sei bewusster, dass Menschen in ihrer Heimat auf vieles ohne Not verzichten könnten. „Was nach unserem Verzicht bleibt, ist für die meisten Menschen immer noch der pure Luxus.“

Knappe Freizeit reicht für Sport

Birgit Steckelberg hat aber nicht nur die Natur fasziniert, der Außeneinsatz mit Meereseismessungen bei minus 45 Grad und der erste Sonnenaufgang am Horizont nach wochenlanger Düsternis sind bleibende Erlebnisse. Auch die Forschungsprojekte sind spannend. So widmen sich die Wissenschaftler auf der Neumayer-Station etwa der Isolation und dem Verhalten von Menschen in Abgeschiedenheit. Die Forschungsarbeiten sind Projekte der Universität München, der Nasa sowie der Berliner Charité. Das Gefühl von Eingeschlossenheit hat Birgit Steckelberg selbst nicht belastet. „Ich war gut vorbereitet.“ Trotzdem weiß sie noch nicht, was für Eindrücke die intensive Zeit am Südpol auf das soziale Leben in der Heimat hinterlassen wird. „Ich muss noch schauen, welche Konsequenzen diese Erfahrung für mein Leben danach hat.“

In ihrem 60 Quadratmeter großen Hospital ist die Ärztin für alle medizinischen Notfälle gerüstet. „Wir haben hier ein Röntgengerät, EKG, Sonografie, Labor, stationäre und mobile Narkoseeinheiten sowie chirurgische Instrumente für jegliche Art von Notfalleingriffen.“ Zum Einsatz sind sie selten gekommen, kontrolliert werden müssen sie dennoch regelmäßig. Freie Zeit hat es für die Ärztin und das Forscherteam nur selten gegeben. „Ich habe nicht ein Buch gelesen und kaum am E-Piano gesessen.“ Die Internetverbindung sei auch alles andere als flott – „ein tragbarer Verzicht, der aber den Kontakt nach Hause reduziert.“ Dafür hat das Südpol-Team viel Sport gemacht.

Rückkehr nach Hannover ohne Job

Vor zwei Jahren hat Birgit Steckelberg den radikalen Schnitt gemacht und für die Expedition ihre Arbeit im Krankenhaus gekündigt. „Damit war ich freier auch für eine Entscheidung, was danach kommt.“ Dass sie einfach in ihr altes Leben und einen ähnlichen Job zurückkehren kann, glaubt die 55-Jährige eher nicht. „Ich komme gerne wieder nach Hannover, vor allem zu meinen Kindern.“ Alles andere werde sich zeigen. Sie liebe ihren Beruf, aber im Gesundheitssystem habe sich in den vergangenen Jahren auch einiges zum Negativen entwickelt.

Jetzt genießt sie noch die letzten Wochen. An geschützten Stellen in der Sonne sogar im T-Shirt. „Der Antarktis-Sommer ist eher wie ein schöner Skitag in den Bergen.“ Für das echte Südpol-Gefühl braucht es eben etliche Minusgrade mehr.

Die Neumayer-Forschungsstation

Die 21 Meter hohe Neumayer Forschungsstation III des Alfred-Wegener-Instituts – Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung ist ein kombiniertes Gebäude für Forschung und Wohnen und gilt als eine logistische Basis für Inlandexpeditionen durch das ewige Eis. Die Station verfügt über mehrere Ebenen und steht auf insgesamt 16 hydraulischen Stützen, die in einem 8,20 Meter tiefen Graben auf dem Schelfeis aufsetzen. Darüber liegen auf einer Plattform die aus Containern bestehenden Räume: Labors, Küche, Schlaf- und Gemeinschaftsräume sowie das Hospital. Über eine verschließbare Rampe gelangen die Fahrzeuge in eine Garage. Techniker und Wissenschaftler forschen hier seit 40 Jahren über das Klima, das Wetter und das Magnetfeld der Erde sowie über Flora und Fauna der Antarktis. Seit 2019 gibt es in eienr Entfernung von rund 500 Metern auch ein Versuchsgewächshaus, wo gesät, gewässert und geerntet wird.

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Von Susanna Bauch

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