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Aus der Stadt Üstra-Kundin fordert Schmerzensgeld nach Sturz
Hannover Aus der Stadt Üstra-Kundin fordert Schmerzensgeld nach Sturz
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00:21 26.08.2018
An dieser Stelle, kurz hinter der Haltestelle Kantplatz, scherte ein auf dem roten Radstreifen fahrender Porsche nach links aus und zwang den Fahrer einer Stadtbahn der Linie 4 zu einer Vollbremsung.
An dieser Stelle, kurz hinter der Haltestelle Kantplatz, scherte ein auf dem roten Radstreifen fahrender Porsche nach links aus und zwang den Fahrer einer Stadtbahn der Linie 4 zu einer Vollbremsung. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

 Muss die Üstra haften und Schmerzensgeld zahlen, wenn ein Fahrgast in einer Stadtbahn nach einer Notbremsung hinfällt und sich dabei verletzt? Diese Frage beschäftigt derzeit das Amtsgericht Hannover. Eine 51-jährige Frau fordert von dem Verkehrsunternehmen 1500 Euro, weil sie sich bei einem Sturz am Kantplatz die Halswirbelsäule stauchte, eine Schulter prellte und sich Handgelenk sowie Finger verletzte. Zivilrichterin Dagmar Frost verkündete am Donnerstag zwar noch kein Urteil, signalisierte aber, dass die Chancen der Kundin schlecht stehen. Der Stadtbahnfahrer habe sich nichts zuschulden kommen lassen, weil er einen Unfall verhindern wollte. Letztendlich trage die Frau die Verantwortung dafür, sich nicht ausreichend festgehalten zu haben.

Bahn war recht voll

Die 51-Jährige war am 17. November 2017 an der Haltestelle Misburger Straße in eine Bahn der Linie 4 Richtung Zentrum gestiegen. Sie setzte sich nicht hin, weil ihr Waggon – es war der hinterste – relativ voll war, blieb in der Nähe einer Tür stehen. Vier Haltestellen später, am Kantplatz, hatte sich die Bahn gegen 14 Uhr gerade wieder in Bewegung gesetzt, als der Fahrer den Zug etwa 15 Meter hinter dem Hochbahnsteig abrupt zum Stehen brachte.

Ein Porschefahrer, der sich rechts neben der Bahn auf dem rot markierten Radweg befand und beim Umschalten einer Ampel auf Grün fast zeitgleich mit der Stadtbahn losfuhr, war plötzlich nach links ausgeschert. „Möglicherweise wollte er wenden, das haben damals wegen der Baustelle und der damit verbundenen Staus etliche Autofahrer gemacht“, erklärte der 37-jährige Stadtbahnfahrer. Notgedrungen habe er eine Gefahrbremsung einleiten müssen, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Schlussendlich bemerkte der Porschefahrer seinen Fehler und zog wieder nach rechts; ermittelt werden konnte der Fahrer später nicht.

Klammern nützte nichts

Das Bremsmanöver brachte die 51-Jährige zu Fall. Sie hatte sich mit einer Hand an einer senkrechten Haltestange festgehalten, doch die Fliehkräfte waren zu stark. Sie verletzte sich beim Festklammern am Handgelenk und an drei Fingern ihrer rechten Hand; daraus entwickelte sich später eine schmerzhafte Gelenkkapselentzündung. Weil die Frau trotzdem noch stürzte, kamen Blessuren an Schulter und Hals hinzu; in der Folge war sie drei Wochen krankgeschrieben. Im vordersten Waggon war eine Seniorin mit Rollator ebenfalls zu Schaden gekommen, sie wurde an der Haltestelle Clausewitzstraße in einen Rettungswagen bugsiert.

Richterin Frost machte der Üstra-Kundin klar, dass ihre Schmerzensgeldklage völlig aussichtslos gewesen wäre, wenn es in der Linie 4 genug Sitzplätze gegeben hätte. Denn dann hätte das Unfallopfer das erhöhte Risiko eines nicht zwingend notwendigen Stehens in der Stadtbahn eh in Gänze getragen. Doch auch bei einem Stehen aus Mangel an Sitzplätzen habe die Klage wenig Aussicht auf Erfolg, so die Richterin. Die Oberlandesgerichte Düsseldorf und Dresden hätten in ähnlichen Fällen geurteilt, dass Fahrgäste von Bussen und Bahnen jederzeit mit scharfen Bremsungen rechnen und sich sicheren Halt verschaffen müssen – insbesondere in der Nähe von Haltestellen. „Man findet nicht immer einen Schuldigen für Unfälle im Verkehr“, meinte Frost. Für ein Fehlverhalten haftbar machen könnte die Üstra-Kundin höchstens den Porschefahrer – aber der ist ja nun nicht greifbar.

Von Michael Zgoll