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Aus der Stadt Missstimmung ist kein einklagbarer Reisemangel
Hannover Aus der Stadt Missstimmung ist kein einklagbarer Reisemangel
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10:00 06.02.2019
Ein auf einer Urlaubsreise nach Tunesien verschwundener Koffer zog einen Prozess am Amtsgericht Hannover nach sich.
Ein auf einer Urlaubsreise nach Tunesien verschwundener Koffer zog einen Prozess am Amtsgericht Hannover nach sich. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

 Häufig bekommen Reisende, deren Urlaubsglück durch Verspätungen oder Mängel gleich welcher Art getrübt wurde, von Gerichten Entschädigungen zugesprochen, gelegentlich zahlen Touristikunternehmen auch freiwillig. Auf der anderen Seite gibt es vereinzelt Urlauber, die Reiseveranstalter aufgrund kleiner Pannen oder Beschwernisse gerne schröpfen möchten. Ein solcher Fall hat am Dienstag das Amtsgericht Hannover beschäftigt – das die Klage eines Tunesienurlaubers mit deutlichen Worten abschmetterte.

Verlobung in Gefahr

Ein 57-Jähriger hatte wegen eines Koffers, der im März 2018 auf dem Flug zur tunesischen Insel Djerba verloren gegangen und erst gegen Ende des zwölftägigen Aufenthalts wieder aufgetaucht war, von der Tui die Rückzahlung des kompletten Reisepreises von 1324 Euro plus eine Entschädigung von 924 Euro für entgangene Urlaubsfreuden verlangt. Aufgrund des Ärgers um den Koffer habe sich der Urlaub zum „totalen Desaster“ und „Horrorfilm“ entwickelt, so der Kläger, der um ein Haar zur Auflösung des Verlöbnisses mit seiner 56-jährigen Reisepartnerin geführt habe.

Das Paar wollte im Tui-Hotel Palm Beach Palace knappe zwei Wochen ausspannen. Doch der verschwundene Koffer der Frau, so hieß es in der Klageschrift, habe dem 57-Jährigen alle Freude am Strandurlaub verleidet. Seine Partnerin sei all ihrer Kleidungsstücke verlustig gegangen; da es keine Einkaufsmöglichkeiten gab, habe sie in Hemden und Hosen ihres Reisegefährten schlüpfen müssen. Auch habe die Frau zweimal pro Tag ihren Blutdruck messen müssen, weil ihre Herzmedikamente in dem verschollenen Koffer lagerten; zudem hätten die ständigen Fragen nach dem Verbleib des Koffers an den Nerven des Paars gezehrt. Die „Harmonie einer Verlobungsreise“, so der Kläger, habe sich nie einstellen können, andauernd habe er ob der Folgen des Kofferverlusts mit seiner Partnerin im Streit gelegen. „Ein Wunder, dass wir noch zusammen sind“, so das Fazit des Tunesienurlaubers.

Genug Einkaufsmöglichkeiten

Die Version der Tui hörte sich ein wenig anders an. Die Reiseleitung habe sich bei der Fluggesellschaft regelmäßig nach dem Verbleib des Koffers erkundigt, auch seien dem Paar vor Ort bereits 126 Euro und später nochmals 400 Euro Entschädigung gezahlt worden. Unklar sei, so der Reisekonzern, was man sich unter der „Harmonie einer Verlobungsreise“ vorstellen soll. Für Streitereien eines Paars könne man den Veranstalter einer Urlaubsreise jedenfalls nicht verantwortlich machen. Abgesehen davon gebe es in der Umgebung des Palm Beach Palace mehrere Shoppingcenter und Basare, wo die 56-Jährige sicher etwas zum Anziehen gefunden hätte.

Zivilrichterin Catharina Erps wies die Klage auf Zahlung von 2248 Euro ohne großes Federlesen zurück. Zweifelsohne seien das vorübergehende Verschwinden des Koffers und die daraus resultierenden Unannehmlichkeiten ein Reisemangel, doch dürfe der Abschlag höchstens 25 Prozent des Reisepreises betragen. Das Paar dürfe sich glücklich schätzen, so Erps, von der Tui mit 526 Euro bereits deutlich höher entschädigt worden zu sein. Zudem sei es nicht statthaft, den Reiseveranstalter für alle Unpässlichkeiten eines Urlaubs haftbar zu machen, ergänzte die Juristin: „Missstimmung ist sicher kein einklagbarer Reisemangel.“

Von Michael Zgoll