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Aus der Stadt Auch ein Fall in Hannover: Prozessauftakt gegen mutmaßlichen Todespfleger
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Auch ein Fall in Hannover: Prozessauftakt gegen Todespfleger in München

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20:01 26.11.2019
Der Angeklagte Grzegorz Stanislaw W. steht zum Prozessauftakt an seinem Platz im Landgericht München I. Links neben ihm ist seine Anwältin Birgit Schwerdt. Quelle: Peter Kneffel/dpa
Hannover/München

Der Hilfspfleger, der 2017 bundesweit mehrere Patienten per Insulinüberdosis getötet haben soll, muss sich seit Dienstag vor dem Landgericht München I verantworten. Bei drei weiteren Personen soll er es versucht haben. Dem 38-jährige Grzegorz Stanislaw W. wird unter anderem vorgeworfen, auch in Hannover einen pflegebedürftigen Mann umgebracht zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten sechsfachen Mord und drei Mordversuche vor. Zum Prozessauftakt schwieg der 38-Jährige.

Mordserie begann im April 2017

In Hannover soll W. am 30. Juli 2017 einen 66-Jährigen getötet und bestohlen haben. Die Staatsanwaltschaft spricht bei allen Morden von krasser Eigensucht, rücksichtslosem Gewinnstreben und völliger Gleichgültigkeit. Die 366 Seiten starke Anklageschrift listet seit April 2017 zudem Taten in Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg auf. Schwerpunkt mit fünf Fällen ist jedoch Bayern.

Dort kam die Staatsanwaltschaft W. letztlich auch auf die Spur. Im Februar 2018 starb in Ottobrunn ein 87-Jähriger, bei der Obduktion des Leichnams entdeckten Rechtsmediziner eine frische Einstichstelle. Und: Die Polizei fand bei W. Insulinampullen, eine Spritze, 1200 Euro und zwei EC-Karten samt Pin-Nummer des Toten. Die weiteren Ermittlungen ergaben, dass der 38-jährige Pole seit 2015 im 24-Stunden-Betreuungsdienst an 69 Orten in Deutschland aktiv war. Zuvor hatte der gelernte Schlosser und Mechaniker einen 120-stündigen Pflegekurs absolviert.

Motive: Heimtücke und Habgier

Pflegen, so sieht es die Staatsanwaltschaft, wollte er aber nie. „Ihm kam es beim Antritt seiner jeweiligen Tätigkeit vielmehr darauf an, ungestört die Häuser der durch ihn zu betreuenden, wehrlosen Personen auf stehlenswerte Gegenstände hin zu durchsuchen und sich selbst durch die Begehung von Diebstählen zu bereichern“, sagte die Staatsanwältin. Die Anklage geht von Heimtücke, Habgier und niedrigen Beweggründen aus. Neben den sechs Mordfällen und drei Versuchen sind auch drei Fälle von gefährlicher Körperverletzung aufgelistet.

Grzegorz Stanislaw W. äußerte sich am Dienstag gar nicht zu den Vorwürfen. Er werde „weder zu den persönlichen Verhältnissen noch zur Sache Angaben machen“, sagte Verteidigerin Birgit Schwerdt. Gegenüber seinem Gutachter soll W. allerdings im Vorfeld „Gewissensbisse“ eingeräumt haben. „Es tue ihm wirklich leid, dass er das getan habe“, zitierte ihn der Psychiater Matthias Hollweg. „Es gehe um den Mord an alten Menschen“, habe W. ihm gesagt und dass er sich auf eine lebenslange Freiheitsstrafe einstelle. Einem Kriminalbeamten sagte er laut dessen Zeugenaussage vor Gericht: „Er wollte niemanden töten. Er wollte nur, dass die Leute schlafen und er seine Ruhe hat.“

Als Diabetiker Zugriff auf Insulin

Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass W. mit seiner Arbeit nicht zufrieden war, weil er sie entweder zu anstrengend fand – oder weil er das Haus wegen der permanenten Anwesenheit von anderen Pflegekräften oder Familienangehörigen nicht in Ruhe nach Wertgegenständen durchsuchen konnte. Er habe den Haushalt wechseln wollen, ohne mit einer Vertragsstrafe seiner Agenturen rechnen zu müssen – und seinen wehrlosen Patienten darum Insulin gespritzt. Im Gegensatz zu seinen Opfern ist W. Diabetiker und hatte deshalb Zugriff auf das Medikament.

„Er stellte dabei seine eigenen Bedürfnisse und sein rücksichtsloses Gewinnstreben in krasser Eigensucht über das Lebensrecht des Geschädigten“, heißt es in der Anklage. Das Leben seines Patienten sei „dem Angeklagten dabei völlig gleichgültig“ gewesen. Richterin Elisabeth Ehrl wies nach der Verlesung der Anklage darauf hin, dass im Falle einer Verurteilung die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld sowie die Anordnung der Sicherungsverwahrung infrage kommen könnten – ebenso wie ein Berufsverbot.

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