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Aus der Stadt Junger Flüchtling lernt Zahntechniker
Hannover Aus der Stadt Junger Flüchtling lernt Zahntechniker
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18:15 17.10.2018
Konzentration und filigranes Arbeiten an einer Zahnprothese: Ahmad Bazargard (rechts) zeigt seinem Lehrling Ivan Ismail, wie es geht. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Es war ein weiter Weg, der den jungen Ivan Murad Ismail aus einem syrischen Krisengebiet ins Labor von Zahntechnikermeister Ahmad Bazargard geführt hat. Vor fünf Jahren setzte sich der Kurde mit türkischen Wurzeln in ein Auto Richtung Türkei, um dort ein Flugzeug nach Deutschland zu besteigen. In Hannover kam er dann bei seinem Onkel unter. Hinter ihm lag eine Ausbildung mit Abitur und ein Semester Betriebswirtschaftslehre. Heute ist Ismail 25 Jahre alt und lernt seit dem 1. August ein filigranes Handwerk, von dem er sagt: „Ich wusste nicht, dass ich Zahntechniker werden wollte.“

Eigentlich war sein Plan, in Hannover Deutsch zu lernen und dann sein Studium fortzusetzen. Kumpel, erzählt er belustigt, rieten ab, weil hierzulande „jeder zweite Betriebswirtschaft studiert“. Ob sein Deutsch genügen würde, um sofort eine Uni zu besuchen, war auch noch so eine Frage. Also ging er zum Job-Center Hannover. Die Behörde versucht, jungen Flüchtlingen einen qualifizierten Ausbildungsplatz zu vermitteln. Der sorgt zunächst nur für bescheidenes Einkommen, bietet dafür aber auf lange Sicht Aussichten auf berufliche Perspektiven. Iris Homann von der Jugendberufshilfe der Diakonie kennt Flüchtlinge, denen schnelles Geld lieber war, mitunter deshalb, um es zur Familie in die Heimat zu schicken. Das führe jedoch oft zu einem Job „beim arabischen Friseur oder als Spülhilfe im türkischen Restaurant“. Bei Ivan Murad Ismail gelang es ihr in vielen Gesprächen, seine Neigung zu erkennen. Über die Jobbörse und ein Ausbildungsprojekt fand sich dann ein Ausbildungsplatz.

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Im Dentallabor von Ahmad Bazargard traf der junge Syrer auf einen Mann, der selbst ein Flüchtling war, als er im Sommer 1985 aus dem Iran nach Deutschland kam. Er suchte lange vergebens nach einem Ausbildungsplatz. „Ich habe damals 100 Bewerbungen in elf Bundesländern geschrieben“, sagt Bazargard, dann kam eine Zusage, weil jemand anders eine Lehre absagte. „Das war für mich die Erlösung.“ Nach diesem Erlebnis will er in seinem Unternehmen „Die individuelle Zahntechnik“ mit derzeit neun Mitarbeitern und drei Auszubildenden Flüchtlingen eine Chance geben . Im Labor traf Ivan Murad Ismail bereits auf einen Landsmann aus Syrien, der dort ein paar Hundert Kilometer entfernt lebte. Man spricht dennoch Deutsch, der Chef legt Wert darauf, dass man sich gut und klar ausdrückt.

An ein Studium denkt Ismail nicht mehr. Ihm gefällt die kleinteilige Arbeit an Brücken, Prothesen und Kronen und die Konzentration, die man aufbringen muss. Er beginnt jetzt, sich auszukennen, sagt er. Nur zum Leben reicht der Lohn für den anerkannten Asylbewerber noch nicht. Das Job-Center Hannover unterstützt den 25-Jährigen mit Arbeitslosengeld und Mietbeihilfe.

Etwa 13 000 anerkannte Flüchtlinge oder Asylbewerber, die über 15 Jahre alt und erwerbsfähig sind, beziehen bekommen derzeit Unterstützung vom Job-Center. Im vergangenen Jahr wurden 1856 Flüchtlinge in Ausbildung oder Arbeit vermittelt. In diesem Jahr waren es von Januar bis Mai bislang 1055 Menschen.

Von Gunnar Menkens