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Aus der Stadt Wie Ewald Lienen seine Zeit bei Hannover 96 erlebte
Hannover Aus der Stadt Wie Ewald Lienen seine Zeit bei Hannover 96 erlebte
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13:09 05.04.2019
Ewald Lienen, bester Laune in der HDI-Arena. Quelle: Villegas
Hannover

420 Zuhörer hatten schon zwei launige Stunden mit dem ehemaligen Stürmer Ewald Lienen verbracht, als im eng bestuhlten VIP-Bereich des Stadions am Maschsee der Hannover-Block begann. Darauf warteten ja alle, und es sollte wirklich der Kracher der Abends werden. Angekündigt war eigentlich eine Lesung aus Lienens eben erschienener Autobiografie mit dem recht kokettierenden Titel „Ich war schon immer ein Rebell“, doch der bestens aufgelegte Autor, der preisgab, in seiner Familie eher den Ruf eines peniblen „Korinthenkackers“ zu haben, plauderte und scherzte sich lieber in freier Rede durch sein Fußball-Leben.

 Lienen, inzwischen 65, war ja auch mal Trainer beim örtlichen Bundesligisten. Im März 2004 traf sich Präsident Martin Kind mit dem Kandidaten, gesucht wurde wieder einmal ein neuer Übungsleiter. Die beiden Männer verstanden sich gut, dann hatte der Unternehmer noch eine Frage. Lienen machte eine kurze Pause, ehe er weiter las, guckte ins Publikum und sagte, er hoffe nicht, dass die folgende Passage Kind zum Nachteil gereiche. Und las dann doch vor, was der Präsident damals im Plauderton fragte: „Und Sie, Herr Lienen, haben Sie früher auch mal Fußball gespielt?“

Gelächter über Martin Kind

Der Brüller. Schallendes Gelächter im fußballaffinen Publikum, der Raum bebt. Lienen, der einige Hundert Male als Profi auf dem Platz stand, stellte Kind mit einem einzigen Zitat als ahnungslosen Mann hin. Natürlich weiß er, was so ein Satz anrichtet, schwer vorstellbar, dass solch ein Zitat jemanden aus der Branche zum Vorteil gereichen könnte. Etliche Besucher fühlten sich auch gleich in ihrer Meinung bestätigt, dass im Klub ein Unternehmer am Ruder sitzt, der bloß ein Investor ohne echtes Herzblut für Hannover 96 ist.

Ewald Lienen nahm es damals beim Kennenlernen nicht krumm, und im Vergleich zu dem, was sich dann im Verein abgespielt haben muss, war Kinds Unwissen nur eine hübsche Anekdote. Lienen stellt dem damaligen Manager Ilja Kaenzig ein verheerendes Zeugnis aus. Er beschreibt ihn als intriganten Charakter, der nur auf eigene Faust agierte und ausgewählte Medien für seine Zwecke benutzte. Von Martin Kinds „klarer Sprache und wachem Verstand“ war Lienen beeindruckt, nun erwartete er im Dauerkonflikt Unterstützung vom Präsidenten, die jedoch nicht gekommen sei. „Er hat mich allein gelassen und nicht verstanden, dass da jemand unredlich war. Das war alles wirklich unappetitlich.“ Lienen musste gehen, schwer getroffen.

Zur Lesung in die HDI-Arena hatte die Buchhandlung Leuenhagen&Paris gebeten, doch Lienen ist ein viel besserer Erzähler als Vorleser. Weil es immer noch mehr zum geschriebenen Text zu ergänzen gab, unterbrach er sich ständig selbst, schob noch eine Geschichte ein, erklärte dies, beschrieb jenes, ein Detail führte oft zur nächsten Geschichte und irgendwo ging zwischendrin Faden und Lesefluss verloren. Das machte aber nichts, im Austausch mit dem mitunter ausschweifenden Moderator Christian Stoll, Stadionsprecher von Werder Bremen, fühlte sich der Saal aufs Beste unterhalten.

Lienen und das Foul von Siegmann

Natürlich erzählte Ewald Lienen von dem Foul des Bremer Verteidigers Siegmann, der ihn, im Kopf das Berufsbild jener Jahre, umsenste und den rechten Oberschenkel aufschlitzte. Der entsetzte Stürmer blickte auf dem Rasen nicht auf, sondern in seinen Oberschenkel. Auf Schwarz-Weiß-Fotos dieses Augustabends 1981 meinten manche medizinische Laien sogar Eiweiß zu erkennen. „Rücksichtslos“, sagte Lienen, sei damals gespielt worden. Von einem Gericht wollte er klären lassen, ob es sich bei solch einer Attacke bereits um Körperverletzung handele. Ohne Erfolg. Der Angriff begleitete den Stürmer sein Leben lang. Inzwischen gibt es das Frühstücksbrettchen zum Foul, darauf eine Zeichnung von Lienen mit geschlitztem Bein und den Worten „Feiner Aufschnitt“. Es ist der Werbegag einer Zeitschrift.

Lienen beschreibt im Buch, wie er im konformen Bundesligageschäft der langhaarige Linke und politische Außenseiter war, dem es nie allein um Tore, Punkte, Meisterschaft ging. Er verweigerte den Kriegsdienst, engagierte sich für die Friedensbewegung, unter allen Profi-Kollegen sammelte er, der sich im Rückblick selbst als „beschämend unwissend“ beschreibt, Unterschriften gegen den Radikalenerlass. 14 Männer machten mit. Berufsverbote jener Jahre regen Lienen noch immer auf. „Das ganze Land war voller Nazis. Der Staat wurde unterwandert von den Rechten, nicht von Leuten, die in der DKP waren, oder vielleicht nur jemanden dort kannten.“

Zum Schluss noch einmal Hannover 96. Stoll fragte, wie Lienen, der seit 2017 als technischer Direktor beim FC. St. Pauli arbeitet, die Situation an der Leine derzeit beurteilt. Der ehemalige Trainer von Hannover 96 antwortete: „Es ist schwer, erfolgreich zu sein, wenn Kontinuität und Zusammenhalt fehlen. Wenn es dauernd Konflikte gibt, wenn Fangruppen sagen, wir unterstützen die Mannschaft nicht mehr, dann wird man irgendwann dafür bezahlen.“

Von Gunnar Menkens

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