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Aus der Stadt „Die Frau von heute trägt Pfefferspray“
Hannover Aus der Stadt

Bedrohung durch Messer: „Die Frau von heute trägt Pfefferspray“

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06:00 16.05.2019
Innenminister Pistorius will das Waffengesetz verschärfen, damit im öffentlichen Raum weniger Menschen Messer tragen. Quelle: Polizei
Hannover

Natürlich trug die Justizministerin keinen Dolch im Gewand. Barbara Havliza ließ sich durch die neue Sicherheitsschleuse des Amtsgerichts Hannover führen und nach Waffen durchsuchen. Ein symbolischer Akt, bei dem die Wachtmeister weder Hieb- noch Stichwaffen fanden. Das ist nicht immer so. Viele Menschen kommen bewaffnet ins Haus, wie sie offenbar auch sonst durchs Leben gehen, Kontrolleure vor Ort scheren sie wenig. Zweimal pro Woche werden Besucher inzwischen kontrolliert, und der Erfolg ist beachtlich: Von Januar bis März fischten die Beamten am Eingang unter anderem 86 Messer und 17   Teppichmesser heraus.

Messer haben Konjunktur, mindestens in der öffentlichen Debatte. Niedersachsen will im Bundesrat das Waffengesetz verschärfen und grundsätzlich verbieten, bestimmte Messer in der Öffentlichkeit mit sich zu tragen: etwa Messer mit feststehenden Klingen über sechs Zentimeter Länge und Springmesser, die auf Knopfdruck aufklappen. Behörden sollen lokale Waffenverbotszonen bestimmen können, etwa in Fußgängerzonen und Schulen. Der Antrag steht am Freitag im Bundesrat zur Debatte.

26 Messer bei 60 vorsätzlichen Tötungsdelikten

Die Polizeigewerkschaft unterstützt das Land, weil Angriffe mit Messern zugenommen hätten. Hannovers Polizei registrierte im vergangenen Jahr, dass bei 60 vorsätzlichen Tötungsdelikten 26 Täter ein Messer einsetzten, ein Anstieg um etwas mehr als vier Prozent. Die Zahl versuchter Tötungen mit Stichwaffen stieg von 38 auf 52 – aber womöglich ist das eine statistische Größe, weil Staatsanwälte Angriffe mit Messern oberhalb der Gürtellinie jetzt als solches Delikt einstufen.

Wo Messer verboten sind

Schon jetzt ist es untersagt, bestimmte Messer bei „öffentlichen Vergnügungen, Volksfesten, Sportveranstaltungen, Messen, Ausstellungen, Märkten oder ähnlichen öffentlichen Veranstaltungen“ zu tragen. Das Verbot gilt auch für Theater, Kino und Diskotheken. Ausnahmen sind auf Antrag möglich.

Gebrauchsmesser und Messer mit einer Klingenlänge unter zwölf Zentimetern dürfen gekauft, besessen und mitgeführt werden. Bei Springmessern mit seitlich herausspringender, höchstens 8,5 Zentimeter langer Klinge ist der Erwerb und Besitz von 18 Jahren an erlaubt. Sie dürfen, außer zur Berufsausübung, öffentlich nicht getragen werden.

Für Einhandmesser mit feststellbarer Klinge gilt: Sie dürfen nur erworben und besessen werden, wenn sie keine Hieb- und Stichwaffen sind. Man darf sie nur mit sich führen, wenn man sie beruflich, sportlich oder fürs Theater nutzt. Andernfalls gilt dies als Ordnungswidrigkeit. Dies gilt ebenso für feststehende Messer mit einer Klingenlänge über 12 cm.

Wie kompliziert die Auslegung sein kann, zeigt sich beim Tortenmesser: Öffentlich darf es nicht getragen werden, aber beim Picknick draußen dürfte solch ein Gerät kaum von der Polizei einkassiert werden. lok

Fragt man Menschen, die ebenfalls von Berufs wegen mit Messern in Kontakt kommen, stellt sich die Situation weniger dramatisch dar. Beim Sicherheitsdienst der Üstra etwa gibt es keine Auffälligkeiten, ProTec-Mitarbeiter werden sehr selten mit Messern bedroht und nicht häufiger als früher, berichtete ein Sprecher. Auch Mitarbeiter der Stadt, darunter Straßensozialarbeiter, wissen nichts von gewachsenen Bedrohungen durch Messer.

Beim privaten Sicherheitsdienst Tosa sagt Geschäftsführerin Julia Lehning-Sendian: „Alle halbe Jahre ziehen wir bei Veranstaltungen mal ein Springmesser aus dem Verkehr, meist sind es nur die normalen Taschenmesser.“ Ihre Mitarbeiter sind bei Konzerten in Tui-Arena und Swiss-Life-Hall eingesetzt, bei Konzerten im Stadion und sie kontrollierten Besucher beim Konzert des Rappers Eminem auf dem Messegelände.

Das Unternehmen von Holger Kossack bewacht Betriebe auf Hannovers Frühlings- und Oktoberfest. Er bemerke bei diesen Veranstaltungen mehr als früher Gruppen junger Männer, in denen schon mal jemand Einhandmesser am Gürtelclip trage. Wolle jemand aus diesen Gruppen in ein Bierzelt, gebe er solch ein Messer vorher an Freunde, die draußen blieben. „Ich will das aber nicht dramatisieren, es ist mehr ein Gefühl, ich kann das nicht mit Zahlen belegen, wir finden nicht mehr als früher“, sagt Kossack. In Häusern wie dem Capitol und dem Brauhaus, wo seine Mitarbeiter kontrollieren, sei ohnehin ein anderes Publikum unterwegs.

Keine Steigerung bei Körperverletzungen

Die Polizeistatistik weist für Hannover noch eine weitere Zahl auf, die sich mit Messern befasst, amtlich „Tatmittel Stichwaffe“ genannt. Danach setzten Angreifer diese Waffen nicht häufiger ein. Bei Körperverletzungen, Raub und Bedrohungen im abgelaufenen Jahr wurden sie in 3,67 Prozent der Fälle benutzt. Das bedeutet einen immerhin geringfügigen Rückgang: 2017 setzten Männer in 3,89 Prozent dieser Rohheitsdelikte Messer ein.

An der gefühlten Bedrohungslage ändern solche Zahlen nichts. Debatten über Messer und wer sie benutzt, dürften bei vielen Menschen eher den Eindruck verstärken, dass es eben doch Probleme gibt. Tosa-Chefin Julia Lehning-Sendian bemerkte in letzter Zeit noch etwas anderes: „Pfefferspray hat enorm zugenommen“, man könne sagen, die Frau von heute trage es bei sich. Pro 10 000 Konzertbesucher würden zwischen 30 und 50 dieser Waffen sicher gestellt, „früher waren das zwei oder drei Sprays“. Holger Kossack registrierte zudem, dass Besucher für Kontrollen am Einlass deutlich mehr Verständnis zeigen als früher.

Quelle: Ex-Türsteher Lars Brockmann. Foto: Tim Schaarschmidt

Ob Menschen auf Messerträger stoßen, ist auch eine Frage des Milieus. Vor Discothekentoren wachte bis vor Kurzem auch der Kampfsporttrainer Lars Brockmann. Er ist ein sehr kräftiger Mann, passend zum Berufsbild, und kontrollierte, wer rein durfte und wer nicht. Er bemerkte, dass häufiger Besucher als früher versuchen, mit Messern reinzukommen. „Das ist mehr geworden, definitiv, auch die Aggressivität hat zugenommen.“ Die Drohung „Ich stech Dich ab“ hörte Brockmann öfter als in vergangenen Jahren. Kollegen mit stichsicherer Weste seine keine Seltenheit.

Brockmann glaubt, dass die härtere Stimmung mit verschiedenen Kulturen zu tun hat, die auf der Straße aufeinandertreffen. Männer, für die Werte wie Ehre und Machotum große Bedeutung hätten, neigten eher zu Aggressivität, sie kämen sich eher ins Gehege. Wer plötzlich einem Angreifer mit Messer gegenüberstehen, dem rät Brockmann: „So viel Platz schaffen wie möglich zwischen mir und dem Vogel da.“

Lesen Sie auch: Die Pläne von Innenminister Boris Pistorius.

Von Gunnar Menkens

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