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Aus der Stadt Wo Minderheiten die Mehrheit sind: Projektgruppe im Andersraum unterstützt queere Migranten
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Beratungsstelle in Hannovers Nordstadt: Wo Minderheiten die Mehrheit sind: Projektgruppe im Andersraum unterstützt queere Migranten

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15:15 17.11.2019
Kadir Özdemir ist Projektleiter der Gruppe „Queer Migrants“ in Hannover. Quelle: Navid Bookani
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Nordstadt

„Zu wissen, dass man als Mensch, der viele Minderheiten in sich vereint, doppelt so viel dafür tun muss, um nur halb so weit zu kommen, kann demotivierend sein“, sagt Samira. Als lesbische Hannoveranerin mit Migrationshintergrund ist sie Mitglied der Gruppe „Prisma – Queer Migrants“ in Hannover. Die Gruppe trifft sich im Andersraum an der Asternstraße 2. Dort waren jetzt Porträtfotos von Samira und weiteren Gruppenmitgliedern unter dem Titel „Queeres Leben in Hannover“ ausgestellt.

Seit dreieinhalb Jahren leitet Kadir Özdemir die Queer Migrants. Seine Eltern kommen aus der Türkei. Zusammen mit seinem Freund lebt er in Hannover. Er setzt sich stark für die queere Gemeinschaft mit Migrationshintergrund ein, der er selbst angehört.

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„Queer“ wird als Oberbegriff für nicht heterosexuell lebende Menschen verwendet. Sie werden auch als LSBTIQ*-Community bezeichnet. Das steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, intergeschlechtlich und queer. „Wir können alles sein“, so Samira weiter. „In diesem Sinne: Beweist es den Menschen, die nicht an euch glauben!“ Auch Samira kommt aus einer türkischen Familie. Sie selbst ist in Hannover geboren.

Projektleiter Kadir Özdemir im Andersraum vor der Fotoausstellung. Mit der Ausstellung will die Gruppe der „Queer Migrants“ auf ihre Lebensrealität aufmerksam machen. Quelle: Navid Bookani

In der Öffentlichkeit gibt es wenige queere Migranten

Ist Homosexualität in einer Familie mit Migrationshintergrund weniger akzeptiert? „Ja und nein“, sagt Özdemir „Vorurteile gibt es in verschiedenen Gesellschaftsgruppen, dementsprechend auch in Familien mit Migrationshintergrund.“ Es gebe unterschiedliche Arten, sich dem Thema zu nähern. Oft sei es aber so, dass sich Familien wenig mit dem Thema auseinandergesetzt hätten. Denn es gebe wenig bekannte, nicht heterosexuelle Menschen mit Migrationshintergrund, die öffentlich sichtbar seien und als Rollenmodell fungieren könnten.

Im Rahmen des Projekts bekommen Betroffene eine individuelle Coming-out-Beratung. Im Andersraum an der Asternstraße trifft sich die Gruppe jeden vierten Donnerstag im Monat um 18 Uhr. Dort organisieren die Mitglieder Ausflüge, Workshops und Veranstaltungen. Es ist ein sicherer Raum, in dem die Mitglieder so sein können, wie sie sind – ohne Vorurteile und ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Anfangs diente das Projekt als Vernetzungsstelle für LSBTIQ*-Flüchtlinge. Inzwischen gibt es neben dieser Gruppe auch die Gruppe der queeren Hannoveraner mit Migrationshintergrund. Das Projekt ist einzigartig in Niedersachsen. Es gründet auf einer Kooperation des Vereins Niedersächsische Bildungsinitiativen und des Andersraum.

QLM macht Anti-Rassismus-Arbeit, bietet Fachberatung zu sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität im Kontext von Migration und Flucht an und ist eine Anlaufstelle für Migranten-Selbstorganisationen. Neben der Gruppe in Hannover hat Kadir Özdemir unter anderem eine Gruppe in Oldenburg ins Leben gerufen.

Unterstützung im Asylverfahren

Auch Zouhair ist Mitglied der Gruppe. Er ist vor vier Jahren aus Marokko nach Deutschland geflüchtet. In seinem Herkunftsland wurde er mehrmals aufgrund seiner Homosexualität verhaftet. „Ich bin hierher geflüchtet, da Homophobie in Marokko normal ist. Und Hannover bedeutet für mich einfach Heimat.“ Zouhair hat schnell Deutsch gelernt und eine Arbeit gefunden. Doch es war kein einfacher Weg. In Deutschland wurde sein Asylantrag zuvor zweimal abgelehnt. „Offenbar habe ich nicht schwul genug ausgesehen“, ist der Marokkaner befremdet.

Sowas komme immer wieder vor, berichtet Kadir Özdemir. Auch lesbische Flüchtlinge würden teilweise abgelehnt, wenn sie bereits mit einem Mann verheiratet waren. Özdemir erzählt von einer Nigerianerin, der man nicht abkaufte, dass sie lesbisch ist, da sie ein Kind habe. Mit 17 Jahren war sie zwangsverheiratet worden.

QM unterstützt queere Flüchtlinge im Asylverfahren. In vielen Ländern steht Homosexualität unter Strafe. Homosexualität als Fluchtgrund sei noch immer wenig im öffentlichen Bewusstsein, sagt Özdemir. Das Projekt bereitet queere Flüchtlinge auch auf die Anhörungen vor und stellt einen Rechtsbeistand. „Im Falle einer Ablehnung haben Geflüchtete nur eine Woche Zeit, um Einspruch zu erheben“, berichtet Özdemir. Selbst wenn man eine Kaffeemaschine kaufe, habe man in der Regel zwei Wochen Zeit, um diese zu reklamieren. „Bei einer solch existenziellen Angelegenheit hingegen hat man nur eine Woche Zeit.“

Wie wird das Projekt finanziert?

Finanziert wird das Projekt durch eine Förderung des niedersächsischen Sozialministeriums. Die erste Förderung lief 20 Monate, dann wurde sie um weitere acht Monate verlängert und nun noch einmal für ein Jahr. Diese Stelle sei noch bis Februar 2020 gesichert, dann laufe die Finanzierung aus. „Aktuell wissen wir noch nicht, wie es weitergeht“, sagt Kadir Özdemir. Daher würde er sich eine institutionelle Förderung oder zumindest eine lange Projektförderung wünschen. Denn das würde dem Projekt Stabilität geben. Man könne mit einem Budget längerfristig planen und wüsste, wie viele Teilzeitkräfte, Dolmetscher und Veranstaltungen sich das Projekt leisten könne. „Ein Drittel unserer Zeit verbringen wir damit, Anträge auf finanzielle Unterstützung zu stellen“, sagt Özdemir.

Es gibt noch viel zu tun

„Wir sehen unsere Arbeit als einen ständigen Bedarf, weil das Thema nicht verschwindet“, meint der Projektleiter. Trotzdem ist er zuversichtlich und hofft, mit seiner Arbeit langfristig Hilfe anbieten zu können. Zu den offenen Treffen ist jeder queere Mensch mit Migrationshintergrund willkommen.

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Von Lisa Eimermacher

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