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Aus der Stadt „Ich habe zwei Bunker voll mit Schwarzpulver“: Hannovers Feuerwerkshändler bleiben auf Ware sitzen
Hannover Aus der Stadt

Böllerverbot in der Region Hannover: Händler bleiben auf Ware sitzen

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08:54 30.12.2021
Patrick Bellanova betreibt das Geschäft "Feuerwerk Hannover" in Ahlem.
Patrick Bellanova betreibt das Geschäft "Feuerwerk Hannover" in Ahlem. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Es sind trübe Zeiten für Feuerwerkshändler wie Patrick Bellanova aus Hannover-Ahlem. Eigentlich bescheren ihm die Tage vor Silvester sein Haupteinkommen, wenn in großen Mengen Raketen, Böller und andere Pyroartikel über seine Ladentheke an der Wunstorfer Landstraße gehen. Diese Einnahmen sind bereits im vergangenen Jahr durch das Böllerverbot geplatzt. „Wir arbeiten das ganze Jahr für drei Tage Umsatz“, sagt der 41-Jährige. Gemeint sind die regulären Verkaufstage zwischen dem 29. und 31. Dezember. Die fallen in diesem Jahr aus.

Mit dem umfassenden Verkaufsverbot von Feuerwerk der Kategorie F2 drohen nun im zweiten Jahr in Folge massive Verluste für Feuerwerkshersteller, -Importeure sowie Groß- und Kleinhändler. Hinzu kommt, dass die Region Hannover etliche Straßen und Plätze als Verbotszonen für Silvesterböllerei deklariert hat. Regionspräsident Stefan Krach (SPD), aber auch Umwelt- und Tierschutzverbände appellieren an Bürgerinnen und Bürger, auf das Abbrennen von Feuerwerk zu verzichten.

An vielen Plätzen und Straßen ist Feuerwerk auch in diesem Jahr verboten. Quelle: Moritz Frankenberg/dpa

6000 Arbeitsplätze in Gefahr

Viele Menschen haben offenbar nichts gegen den Verzicht auf Böller und Raketen. Zwei Drittel der Bürger in Deutschland unterstützen das umfassende Verkaufsverbot. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov stellten sich 66 Prozent der Befragten hinter die Maßnahme. Nur 27 Prozent halten die Entscheidung für falsch.

Auf der anderen Seite steht eine gesamte Branche vor dem Zusammenbruch. Der Bundesverband Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk (BVPK) schätzt durch das neue Verbot einen Verlust von rund 200 Millionen Euro. 6000 Arbeitsplätze von Feuerwerksherstellern und Importeuren sind bundesweit gefährdet, so BVPK-Geschäftsführer Ingo Schubert. „Das ist eine dramatische Situation“, sagt er.

Händler: Verkaufsverbot kommt viel zu spät

Dass Bellanova und andere Händler in der Region Hannover weiterhin Feuerwerk aus der Kategorie F1, also Wunderkerzen oder Knallerbsen, verkaufen dürfen, helfe nicht. Denn das erneute Verkaufsverbot komme viel zu spät. „Es gab das ganze Jahr lang keine Tendenz in diese Richtung“, so Bellanova, der seit 2015 Feuerwerk verkauft.

Nun stehen Verkäufer wie er vor mehreren Problemen. Da sind zum einen natürlich riesige finanzielle Einbußen. Hinzu kommt, dass die gesamte Produktionskette nicht mehr rechtzeitig ausgebremst werden konnte. Denn egal, ob Einzelhandel oder Supermarktkette: Die Ware wurde längst bestellt und vielfach auch ausgeliefert.

Patrick Bellanova vor seinem Laden "Feuerwerk Hannover" in Hannover-Ahlem. Quelle: Christian Behrens

Zwei Bunker voll mit Schwarzpulver

Bellanova muss das F2-Feuerwerk nun trocken und vor allem sicher lagern. Böller und Raketen von diesem und dem vergangenen Jahr lagern auf einem ehemaligen Bundeswehrgelände. „Ich habe zwei Bunker voll mit Schwarzpulver“, sagt der 41-Jährige. Die Aufbewahrung kostet zusätzlich, während seine Einnahmen unter der Erde liegen. Derweil schicken Supermarktketten das bestellte F2-Feuerwerk zurück an Hersteller und Importeure, die sich nun ebenfalls um Gefahrguttransporte und sichere Lagerung kümmern müssen. „Ich bezweifle, dass der Politik klar war, was sie mit dem Verbot angerichtet hat“, so Bellanova.

Während der Verkauf von F2-Feuerwerk verboten ist, gilt das nicht für das Abbrennen. Außer auf den von der Region Hannover festgesetzten Straßen und Plätzen darf auch in diesem Jahr geböllert werden. Doch wer hat nach zwei Jahren mit Verkaufsverboten schon noch Reste in der Schublade?

Schwarzmarkt und Onlinehandel untergraben Böllerverkaufsverbot

Bellanova wie auch BVPK-Geschäftsführer Schubert sehen hier Schlupflöcher – für Menschen, die offenbar nicht ohne Knallerei ins neue Jahr kommen wollen. So wird F2-Feuerwerk per Versand im europäischen Ausland angeboten. „Vor allem Anbieter aus Belgien werben stark nach Deutschland, aber auch Italien“, sagt Schubert. Bellanova berichtet, dass auch auf Ebay gehandelt werde – wo das Material teils für das Vierfache des eigentlichen Preises den Besitzer wechsele.

Eine weitere Beschaffungsmöglichkeit ist der Schwarzmarkt. Aus Polen werden nicht freigegebene Böller der Klassen F3 und F4 eingeschmuggelt – und die sind weitaus gefährlicher als das hierzulande zugelassene Material. Doch es gibt auch Grauzonen beim Böllerverkauf. Wer einen Gewerbeschein hat, darf ganzjährig F2-Material kaufen. Ob das für jede Art von Gewerbebetrieb gilt oder nur solche, die tatsächlich auch mit Feuerwerk arbeiten – etwa Veranstalter oder Eventplaner – sei nicht geklärt, so Schubert vom BVPK. Auf jeden Fall könnte sich der ein oder andere Händler bereits vor dem Verkaufsverbot ganz legal eingedeckt haben.

Illegales Feuerwerk vom Schwarzmarkt. Quelle: Arno Burgi/dpa (Symbolbild)

„Es sind ja Silvester nicht überall Zustände wie in Berlin-Neukölln“

Bellanova berichtet, dass sich auch schon potenzielle Käufer nach „unter der Hand“-Verkäufen erkundigt hätten. Das habe er abgelehnt. Seit dem allgemeinen Verbot verkaufe er auch nicht mehr an Gewerbetreibende.

Obwohl seine Böller und Rakete in Bunkern lagern, hat Bellanova derzeit viel zu tun. „Der größte Teil meiner Kunden sind derzeit Familien“, sagt er. Kleinst- und Jugendfeuerwerk ab zwölf Jahren und Bengalos ab 18 Jahren seien beliebt. „Es bereitet vielen Menschen Freude, die einmal im Jahr den Himmel leuchten sehen wollen“, sagt er. „Es sind ja Silvester nicht überall Zustände wie in Berlin-Neukölln.“

Von Manuel Behrens