Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt AfD: Polizei meidet den Sahlkamp und Vahrenheide
Hannover Aus der Stadt AfD: Polizei meidet den Sahlkamp und Vahrenheide
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 11.02.2019
Symbolfotos Überfälle auf Passanten im Sahlkamp. Haltestelle "Alte Heide" Quelle: Clemens Heidrich
Anzeige
Bothfeld-Vahrenheide

Sind Teile des Sahlkamps und Vahrenheides so unsicher, dass selbst die örtliche Polizei nur noch unregelmäßig dort unterwegs ist? Dies behauptete der AfD-Stadtratsherr Markus Karger jüngst auf einer Parteiveranstaltung – und sorgt damit für Empörung.

Beim von der AfD einberufenen Bürgerforum im Stadtteiltreff Sahlkamp bemängelte Karger den vermeintlich gesunkenen Einsatzwillen der Polizei, wenn es um soziale Brennpunkte im Stadtbezirk wie etwa den Vahrenheider Markt oder die Schwarzwaldstraße gehe. Auf Nachfrage dieser Zeitung bekräftigte der Ratsherr seine Aussagen und sprach von einem „starken Solidarisierungseffekt insbesondere bei Personen mit Migrationshintergrund“, um die Gesetzeshüter in ihrer Arbeit zu behindern. Daher sei es „verständlich, dass Beamte lieber in weniger gefährlichen Gegenden Streife fahren“.

Anzeige

Dieser Darstellung, die im Bezirksrat auch von Kargers Parteikollegen Frank Jacobs aufgegriffen worden war, widerspricht Bezirksbürgermeister Harry Grunenberg vehement. „Die Polizei fährt in sämtlichen Teilen des Bezirks regelmäßig Streife“, sagte der SPD-Politiker. Zudem seien Kontaktbeamte in den Stadtteilen unterwegs. Die Behauptungen seitens der AfD entbehrten „jeder Grundlage“.

Tatsächlich sind der Sahlkamp und Vahrenheide in der Vergangenheit häufiger in den Fokus gerückt. Zu Beginn des vergangenen Jahres machte etwa eine Jugendbande den Bereich rund um den Üstra-Endpunkt Alte Heide unsicher. Kürzlich hatten sich Anwohner zudem über Obdachlose an der Haltestelle Papenwinkel beschwert. Auch in den vorangegangenen Jahren hatten sich Bürger besorgt über die Sicherheitslage in den beiden Stadtteilen geäußert.

Grunenberg sieht jedoch „keine dauerhafte Eskalation“, die Probleme seien nur zeitlich begrenzt. Am Papenwinkel sei etwa durch die verstärkte Präsenz von Polizei, Protec und städtischem Ordnungsdienst „wieder weitestgehend Normalität eingekehrt“. Der Bezirksbürgermeister warnt vor einer Stigmatisierung der betroffenen Gebiete.

Der im November vorgestellte Sicherheitsbericht von Stadt und Polizeidirektion (PD) Hannover zeigt für den Bezirk Bothfeld-Vahrenheide insgesamt recht unauffällige Kriminalitätsdaten auf. AfD-Ratsherr Karger, im Hauptberuf Bundespolizist, entgegnete, dass ein Unsicherheitsempfinden häufig Ursachen habe, die nicht in solchen Statistiken erfasst würden – etwa Beleidigungen oder die geballte Anwesenheit bestimmter Personengruppen.

PD-Sprecher André Puiu sagte auf Nachfrage, Karger habe als Außenstehender „keine Detailkenntnisse“ zur Arbeit der örtlichen Polizei und nicht die Befugnis zu solchen Stellungnahmen. Die Bundespolizei wollte sich zu den als Politiker getätigten Aussagen des Beamten Karger nicht äußern.

Kommentar: Unnötig stigmatisiert

Der Sicherheitsbericht der Polizei spricht dagegen, und auch viele Anwohner sind nicht der Meinung, dass sie in einem Brennpunktviertel wohnen: Vahrenheide und Sahlkamp sind keine Hotspots für Gewalt und Kriminalität. Natürlich gibt es reichliche Probleme in den Vierteln, die nicht zuletzt auf das bunte Miteinander der Nationen und viele einfache Wohnverhältnisse zurückgehen. Die Kollegien der Grundschulen etwa stellt das vor größere Herausforderungen als in anderen Stadtteilen.

Vahrenheide und Sahlkamp aber pauschal als „No-go-Area“ zu bezeichnen, um die auch die Ordnungshüter einfach einen Bogen machen, ist schlicht falsch. Viele Bürger und nicht zuletzt auch Politiker im Bezirksrat Bothfeld-Vahrenheide bemühen sich, die Stadtteile in ein besseres Licht zu rücken und örtliche, besondere Herausforderungen beherzt anzunehmen. Dass eine Gegend den Menschen „gefühlt“ unsicher vorkommt, trifft zudem nicht nur auf Sahlkamp oder Vahrenheide zu. Unnötige Stigmatisierung verunsichert nur, konstruktive Ideen zur Entschärfung von realen Problemsituationen wären weitaus hilfreicher.

Von Marius Klingemann