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Aus der Stadt Brandsätze im Finanzamt Hannover: 66-Jähriger gesteht unter Tränen
Hannover Aus der Stadt

Brandsätze im Finanzamt Hannover: 66-Jähriger gesteht unter Tränen

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15:13 09.07.2019
Der Angeklagte Georg S. hat am Landgericht unter Tränen eingeräumt, die drei Brandsätze im Finanzamt versteckt zu haben. Quelle: dpa
Hannover

Der 66-jährige Georg S. hat am Dienstag gestanden, Anfang Dezember 2017 mehrere Brandsätze in einem Finanzamt in Hannover deponiert zu haben. Grund sei eine Steuernachforderung in Höhe von 300.000 Euro gewesen, die der Geschäftsführer einer Speditionsfirma aus der Landeshauptstadt nicht bezahlen konnte. Er musste deshalb einen Insolvenzantrag stellen. Der 66-Jährige habe nur noch den Ausweg darin gesehen, seine Unterlagen durch die Brandsätze in Flammen aufgehen zu lassen.

„Das Finanzamt war unerbittlich, unser Haus wurde gepfändet, und uns wurde alles weggenommen“, sagte der Angeklagte unter Tränen zum Prozessauftakt im Landgericht Hannover. Da sei er auf die Idee gekommen, das Finanzamt anzuzünden. S. wollte damit Zeit gewinnen, um das geschuldete Geld zu verdienen. Sein Verteidiger Patrick Riebe bezeichnete das als „nicht wirklich intelligente Idee“. Sein Mandant habe aus der schieren Verzweiflung gehandelt.

Am Finanzamt Hannover-Land I in Ricklingen wurden die verdächtigen Gegenstände entdeckt. Quelle: Christian Elsner

Zündvorrichtungen funktionierten nicht

Der 66-Jährige muss sich wegen versuchter Brandstiftung und Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten. Entdeckt wurden die Brandsätze im Finanzamt Hannover-Land I in Ricklingen Anfang Dezember 2017 sowie gut einen Monat später. Laut Riebe habe sein Mandant aber alle drei Brandsätze gleichzeitig versteckt, weshalb er den Vorfall lediglich als eine einzige Tat wertet. Nur weil das in den Brandsätzen enthaltene Benzin vorzeitig ausgelaufen war und die Zündvorrichtungen deshalb nicht funktionierten, kam es zu keinem Feuer. Nach den Funden blieb das Finanzamt tagelang geschlossen.

Der Angeklagte war 1978 als Spätaussiedler von Polen nach Deutschland gekommen und lebt in Wennigsen. 2007 übernahm er die Spedition, bei der er zuvor tätig war. „Mit meiner Frau habe ich zwölf Jahre unermüdlich gearbeitet, 60 Stunden die Woche und am Wochenende und nur zwei Wochen Urlaub im Jahr gemacht“, schilderte der 66-Jährige. Steuerlich sei nicht alles korrekt gelaufen, weil der Konkurrenzdruck groß war. Eine Selbstanzeige beim Finanzamt habe ihm dann „das Genick gebrochen“.

„Es tut mir aus ganzem Herzen leid, was ich getan habe“

„Alles, was wir aufgebaut und mühsam erspart hatten, war weg – durch meine Schuld“, sagte der Angeklagte. Eine Stundung oder Ratenzahlung habe das Finanzamt an der Göttinger Chaussee abgelehnt. Er sei vollkommen verzweifelt gewesen und habe auch daran gedacht, sich umzubringen. „Es tut mir aus ganzem Herzen leid, was ich getan habe“, betonte der 66-Jährige.

Einen Brandsatz hatte S. auf einem Regal zwischen Steuerordnern deponiert, zwei weitere auf einem Schrank und in einem Regal versteckt. Alle Vorrichtungen waren in grüne Aktendeckel verpackt, damit sie nicht auffielen. Als Zündsysteme hatte er mit einer Funkfernsteuerung und mit Zeitzündern gearbeitet. Verteidiger Riebe berichtete am Dienstag, dass die Räume im fünften Stock für seinen Mandanten frei zugänglich waren. „Alles war zudem perfekt ausgeschildert“, sagt der Anwalt.

Erst nach den Vorfällen wurden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht: Seit Anfang 2018 lassen sich die Türen nur noch mit Chipkarten öffnen, die Aufzüge stoppen nicht mehr in allen Etagen. Bis dahin konnte sich offenbar nahezu jeder im Finanzamt ungestört bewegen. Ein Polizist berichtete vor Gericht, er habe nach den Funden eineinhalb Stunden lang in dem Aktenraum Spuren gesichert, ohne dass währenddessen irgendjemand vorbeigeschaut habe.

Fingerabdrücke überführten den Täter

Die Polizei hatte die gefundenen Spuren ausgewertet und europaweit abgefragt. Es gab einen Treffer in Polen, ein Fingerabdruck sei identisch gewesen, sagte der Polizist aus. So kamen die Ermittler auf die Spur des Mannes und nahmen ihn im März 2019 fest – mehr als ein Jahr nach den Funden. Bei der Auswertung seines Computers stießen die Beamten im Internetbrowser auf Suchabfragen nach Zündsystemen und einer Schusswaffe. Seit seiner Festnahme sitzt S. wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Am Mittwoch wird das Urteil erwartet.

Von Peer Hellerling

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