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Aus der Stadt Rocker stecken hinter zerschlagener Drogenbande – Anführer kommt aus Hannover
Hannover Aus der Stadt Rocker stecken hinter zerschlagener Drogenbande – Anführer kommt aus Hannover
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00:22 22.03.2019
Diese Kutte wurde bei einem der Verdächtigen in Langenhagen sichergestellt. Quelle: Polizei
Hannover

Sie nennen sich Brothers ’till Death (Brüder bis zum Tod), sind offiziell ein Boxklub, die Mitglieder tragen allerdings Kutten wie Motorradrocker mit den Insignien der Organisation, doch statt Motorräder fahren sie lieber hochwertige Autos. Mitglieder dieses rockerähnlichen Zusammenschlusses gehören nach Erkenntnissen der Polizei zu jener Drogenbande, die vor einer Woche in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zerschlagen wurde. Als Anführer gilt ein 35-jähriger Syrer, der Mitglied des Rockerklubs sein soll.

Anführer des Rockerklubs ist ein Mann aus Afghanistan, der früher als Türsteher in Hannover gearbeitet und der Verbindungen nach Mallorca hat. Deshalb prüft die Polizei auch, ob Mitglieder des Rauschgift-Rings Kontakte mit anderen Rockerklubs auf der spanischen Insel, beispielsweise den Hells Angels und deren Mittelsmann Frank Hanebuth, unterhalten haben. Hanebuth war im Sommer 2013 gemeinsam mit mehr als 50 anderen Verdächtigen auf Mallorca festgenommen worden.

Rocker tarnten sich als harmloser Boxklub.

Die Ermittlungen gegen die Drogenbande hatte im Oktober 2017 ihren Anfang genommen. Der Besatzung eines Streifenwagens war aufgefallen, dass eine größere Gruppe, rund 50 Personen, die zum Teil mit Kutten, zum Teil mit T-Shirts auf denen die geballte Faust der Brüder bis zum Tod zu sehen war, bekleidet waren, in einem Bistro an der Vahrenwalder Straße feierte. Die Beamten schalteten die Kollegen ein, die sich anschließend vor Ort umsahen. „Sie seien nur Mitglieder eines Boxklubs, hätten keinen Streit mit anderen Rockervereinigungen, erklärten und die Beteiligten sehr freundlich und sehr höflich“, sagt Ralf-Günter Goßmann, der Leiter der Zentralen Kriminalinspektion, die für Rauschgiftkriminalität und Organisierte Kriminalität zuständig ist. Die Ermittlungen vor Ort ergaben allerdings auch, dass gegen den Anführer der Rockergruppe ein Haftbefehl vorlag. Er hatte eine Geldstrafe in Höhe von 1400 Euro nicht bezahlt. „Die Summe holte er an jenem Tag aus seiner Bauchtasche und bezahlte die Strafe“, sagt Goßmann.

Marihuana hatte einen Verkaufswert von knapp 1,7 Millionen Euro

Die weiteren Überprüfungen der Kripo ergaben, dass die Gruppierung nirgends offiziell zu finden war. Sie tauchten weder im Internet auf, noch betrieben sie offiziell eine Boxhalle oder hatten ein Vereinsheim. „Die haben offenbar ganz bewusst versucht, unter unserem Radar zu operieren“, sagt Goßmann. Eineinhalb Jahre sammelte die Kripo anschließend Beweise in dem Fall, legten die Analytiker nach und nach jedes einzelne Puzzleteil zusammen, genehmigte die Staatsanwaltschaft diverse polizeiliche Maßnahmen, um die Drogenbande schließlich zerschlagen zu können. „Wir haben das Verfahren sehr stark abgeschottet geführt, um den Ermittlungserfolg nicht zu gefährden“, sagt Goßmann.

Großrazzia in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen

Am Montag vor einer Woche stürmten dann schließlich Spezialkräfte der Polizei vier Grundstücke im Grenzgebiet zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und beschlagnahmten insgesamt 3100 Marihuanapflanzen. Acht Verdächtige sitzen seitdem in Untersuchungshaft – fünf von ihnen sollen Mitglied der Brothers ’till Death sein. Die Täter seien mit einer hohen kriminellen Energie vorgegangen, sagt Ermittlerin Christine Reinert. Die Täter erstanden auf dem Land Grundstücke für deutlich mehr Geld, als die Flächen eigentlich Wert gewesen seien und errichteten dort ihre Gewächshäuser. „Sie haben den Kohlenstoffdioxid-Gehalt in der Luft der Plantagen auf 47 Prozent erhöht, damit die Pflanzen besser wachsen konnten“, sagt die Beamtin. Zudem verwendeten sie spezielle Rußfilter, damit die Nachbarn nicht vom typischen und sehr intensiven Marihuanageruch misstrauisch werden konnten. „Diese Anlagen hat kein Laie errichtet“, sagt Reinert. Die Polizei geht derzeit davon aus, dass die Bande pro Plantage mehrere 100 000 Euro investiert hat.

So viel verdienen Drogendealer mit Marihuana

3100 Marihuanapflanzen hat die Polizei in der vergangenen Woche bei Razzien in Niedersachsen und Hannover sichergestellt. Zudem stellten die Fahnder 30 Kilogramm bereits geerntetes Marihuana sicher. Geht man davon aus, dass jede Pflanze im Schnitt 45 Gramm Marihuana abwirft, dann hat die Polizei insgesamt 169 Kilo des Rauschgifts beschlagnahmt. Ein Gramm Marihuana kostet, nach Angaben der Polizei, auf der Straße je nach Wirkungsgehalt etwa 10 Euro, so dass die Täter mit ihren Plantagen 1 690 000 Euro hätten erwirtschaften können.

Wenn sie die Drogen an einen Händler weiter verkauft hätten, hätten die Bande zwar ihr Risiko verringern können, indem sie größere Mengen schneller zu Geld hätte machen können, doch der Gewinn wäre in diesem Fall, nach Angaben der Ermittler, wesentlich geringer ausgefallen, nämlich nur rund 774 000 Euro.

Geld muss das Geschäft mit den Drogen auf jeden Fall eingebracht haben, denn die Polizei stellte bei ihren Durchsuchungen neben den Drogen 230 000 Euro in bar, hochwertige Fahrzeuge, drei Rolex- und eine Breitling-Uhr, sowie diversen Goldschmuck sicher.

Die Ermittlungen in diesem Fall sind noch lange nicht abgeschlossen. „Derzeit ermitteln wir gegen 13 Beschuldigte wegen des Verdachts des bandenmäßigen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln“, sagt der Erste Staatsanwalt Oliver Eisenhauer. Derzeit werden sichergestellte Handys, Navigationsgeräte und Laptops ausgewertet und die Daten bewertet. Man wolle das Verfahren mit Blick auf die acht Untersuchungshäftlinge möglichst schnell abschließen. Das könnte bedeuten, dass spätestens im September Anklage gegen die Brüder bis zum Tod erhoben werden kann.

Von Tobias Morchner

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