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Aus der Stadt „Bunt statt Braun“: 3000 Menschen beim Friedensweg
Hannover Aus der Stadt „Bunt statt Braun“: 3000 Menschen beim Friedensweg
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21:40 03.09.2018
Stephan Weil (6.v.l., SPD), Niedersachsens Ministerpräsident, und Teilnehmer der Demonstration in Hannover. · Quelle: dpa
Hannover

Viele bunte Flaggen, Transparente mit Anti-Rassismus-Sprüchen und eine friedliche Stimmung: Am Montag haben in der Innenstadt laut Polizei mehr als 3000 Menschen gegen Fremdenfeindlichkeit und Hetze demonstriert. Unter dem Motto „Bunt statt Braun“ zogen die Teilnehmer ab 17 Uhr vom Nordufer des Maschsees zur Aegidienkirche – unter ihnen auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. „Dies ist eine Kundgebung für eine Demokratie, die ihre Konflikte gewaltfrei und friedlich löst“, sagte der evangelische Landesbischof Ralf Meister, der ebenfalls dabei war. Vor dem Marsch hofften die Veranstalter auf 60 Teilnehmer, am Ende sprachen sie sogar von 5000 Menschen.

Rund 3000 Menschen haben am Montagabend friedlich gegen Ausländerhass und Rassismus demonstriert. Unter den Teilnehmern waren unter anderem auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und das Bündnis „Bunt statt braun“ hatte dazu aufgerufen, der Initiativkreis „Offene Gesellschaft“ schloss sich dem Vorhaben an. Es marschierten Jugendliche mit, die zum ersten Mal bei einer Demonstration waren, ebenso wie arrivierte Politiker. Oberbürgermeister Stefan Schostok war gekommen, die Integrationsbeauftragte Doris Schröder-Köpf, Vertreter verschiedener Parteien und Religionsgemeinschaften. Das Friedensbüro rief bei der Kundgebung in der Aegidienkirche zu globaler Abrüstung auf. „Wir erleben ein schleichendes Infragestellen unserer Grundwerte“, warnte Andreas Möser von der „Offenen Gesellschaft“: „Wir sind hier, weil wir nicht mehr wegschauen dürfen.“

„Ich war am Sonnabend in Chemnitz“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Miersch aus Laatzen. „Es ist beängstigend, wie viel Hass dort auf den Straßen war.“ Daher sei es nun Zeit, Flagge zu zeigen. „Es geht um viel“, so Miersch. Auf dem Friedensweg waren unter anderem Transparente mit der Aufschrift „Gegen jeden Rassismus“ zu sehen, auf anderen stand „Wir stehen auf gegen Rassismus“ oder „Hass ist krass – Liebe ist krasser“. René Engelhardt kam extra aus Seelze angereist, um beim Marsch mitzugehen. „Es ist eine Bürgerpflicht, sich gegen Rechts zu engagieren“, sagte der 43-Jährige. „Demokratie ist ein Mitmachspiel.“

„Nie wieder Faschismus“

Gegen 17.25 Uhr trafen die ersten Teilnehmer an der Aegidienkirche ein, zu dem Zeitpunkt waren viele der restlichen Demonstranten am Maschsee noch gar nicht gestartet. Entlang der Strecke kam es daher laut Polizei zu erheblichen Verkehrsbehinderungen. Letztlich drängten sich Hunderte im Mahnmal. „Hetze und Gewalt werden heute wieder propagiert – das darf nicht sein“, rief Torsten Hannig vom DGB den Besuchern zu. Und: „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ Die größte Anti-Rechts-Kundgebung des Bündnisses „Bunt statt Braun“ fand im Januar 2015 statt, als 19.000 Menschen in Hannover gegen Hagida, Rassismus und Intoleranz protestierten.

Ministerpräsident Stephan Weil sagte, er habe sich spontan entschieden, an der Demonstration teilzunehmen: „Ich finde es erstklassig, wie viele Leute hier heute zusammengekommen sind“, sagte er unter dem Beifall der Besucher. „Es geht um die Zukunft der demokratischen Substanz in unserem Land.“ Es gelte, die Verhältnisse gerade zu rücken: „Hier ist das Volk, heute Abend in der Aegidienkirche.“ Weil wählt große Worte: „Wir stehen hier, weil wir unsere Verfassung verteidigen“, ruft er, „wir lassen keine Selbstjustiz zu in diesem Land.“

Soli-Kundgebung zum Konzert in Chemnitz

Anlass für die Kundgebung in Hannover waren die rechten Ausschreitungen in Chemnitz, der Marsch ist als Solidaritätsaktion zum parallel stattfindenden „Wir sind mehr“-Konzert in der sächsischen Stadt – dort traten ab 17 Uhr unter anderem Kraftklub, Casper und die Toten Hosen auf. Bereits am Mittag waren mehrere Busse von Hannover aus mit 250 Personen nach Sachsen aufgebrochen. „Wir möchten allen, die an diesem Tag nicht nach Chemnitz reisen können, die Möglichkeit geben ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen“, sagte DGB-Geschäftsführer Hannig bereits im Vorfeld des Friedensweges. „Rechte Hetze hat in einer solidarischen Gesellschaft nichts verloren.“

Nach den Reden gab es in der Aegidienkirche noch Jazzmusik. Einige Hundert Demonstranten entschlossen sich zudem, zum Opernplatz weiterzuziehen – darunter Vertreter des Friedensbüros. Man sah Flaggen der Linkspartei, auf den Stufen des Opernhauses forderte die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands ein „Verbot aller faschistischen Organisationen“. Gegen 19 Uhr löste sich die Kundgebung sowohl an der Oper als auch an der Aegidienkirche langsam auf.

Doch an diesem Tag war nicht nur die linke Szene auf der Straße, sondern auch eher bürgerliche Konservative. Die Zivilgesellschaft hat gezeigt, wie vielfältig sie ist – und wie geeint sie auftreten kann, wenn jemand die Axt an ihre Wurzeln legen will. Als der Kreis der Demonstranten sich zerstreute, wirkten viele von ihnen zufrieden: „Das war wichtig heute“, sagte eine Teilnehmerin. „Es ist doch gut zu sehen, dass wir in Deutschland die Mehrheit sind.“

Fünf Busse fahren nach Chemnitz

Mehrere Busse sind am Montag zum „Wir sind mehr“-Konzert von Hannover aus nach Chemnitz aufgebrochen. Nach Angaben des grünen Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler saßen insgesamt 250 Personen an Bord Die Aktion soll die Solidarität mit den Menschen in Chemnitz zeigen, „die gegen Rassismus und Nazi-Gewalt auf die Straße gehen“, schreibt Kindler auf Twitter. „Gemeinsam stehen wir ein für Menschenwürde, Vielfalt und den Rechtsstaat“, twitterte die Grünen-Fraktion Niedersachsen während der Fahrt.

Die Busse wurden unter anderem von den Grünen Hannover und dem Flüchtlingsrat Niedersachsen organisiert. Tickets für die Reise wurden am Wochenende verkauft, zunächst wollten die Grünen nur zwei Busse schicken – aufgrund der großen Nachfrage musste aufgestockt werden. Die 250 Menschen brachen gegen 12 Uhr am ZOB auf, nach Konzertende ging es nachts zurück nach Hannover.

Von Peer Hellerling und Simon Benne

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