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Aus der Stadt „Die Straße macht tot“
Hannover Aus der Stadt „Die Straße macht tot“
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00:15 19.11.2018
Obdachlose schlafen unter einer Brücke nahe des Hauptbahnhofs in Hannover. Quelle: Tim Schaarscmidt
Hannover

Elend auf Hannovers Straßen begegnet Andreas Schubert jeden Tag. Vielleicht hat der Vorstand der Caritas einen schärferen, weil beruflichen Blick auf das Stadtbild, doch was er sieht, sind Männer und Frauen, denen es nicht gut geht. „Die Not wächst. Es sind Menschen, die Schutz hinter Mauern suchen oder auf Parkplätzen schlafen, um die Nacht zu überstehen, bis die Tagestreffpunkte öffnen.“ Warme Räume, die Sicherheit bieten und Hilfe.

Die hannoversche Caritas schätzt, dass etwa 500 Menschen auf der Straße leben und weitere 5000 Menschen keine Wohnung haben. Ihnen gilt das neue Projekt „CariHope“. Gemeinsam mit der Stiftung von Ricarda und Udo Niedergerke will der Verband Wohnungslosen helfen, in ein menschenwürdiges Leben zurückzukehren. „Wer auf der Straße lebt, wird in der Regel nicht einmal 50 Jahre alt. Die Straße macht tot, wir brauchen eine Rettungsgasse für den Ausstieg“, sagte Udo Niedergerke. Ziel ist es nun, die Menschen sozial zu stabilisieren und ihnen wieder eine Wohnung zu vermitteln.

Mit dem Projekt „CariHope“ sollen Obdachlose von der Straße und aus Wohnheimen geholt werden. V.l. Ricarda Niedergerke, Tatjana Makarowski, Andreas Schubert, Udo Niedergerke. Quelle: Christian Behrens

Zur Idee gehört, sich der Wirklichkeit wohnungsloser Menschen anzunähern, ihnen zuzuhören und ihr Leben zu erleichtern. Sie bekommen kostenlose Üstra-Tickets, damit sie in Notunterkünfte fahren können. Die Caritas verlängert im Winter die Öffnungszeit ihres Tagestreffs, wo Obdachlose duschen und sich umziehen können und eher vor Kälte flüchten. Es gibt nun Spinde und Gepäckboxen, um Besitz unterzubringen und vor Diebstählen zu schützen. Ein Wohnungsloser soll dafür als Koordinator mit einem Mini-Job beschäftigt werden. Die Hoffnung ist, dass weitere Menschen, die auf der Straße leben, beim Projekt ehrenamtlich mithelfen.

„Vertrauen müssen wir uns erarbeiten“, sagte Tatjana Makarowski. Bei der Caritas ist sie für Soziale Dienste verantwortlich. Manche der wohnungslosen Menschen hätten Verlust und Gewalt erlebt, sie müssten lernen, überhaupt um Hilfe zu bitten. Zum Beispiel um eine Wohnung. Und man müsse es aushalten, nach Jahren draußen auf der Straße, dort, wo Freundschaften entstanden sind und das Leben vertraut ist, in einer eigenen Wohnung zu leben. Auch dafür will die Caritas Unterstützung anbieten. Makarowski sagte, es helfe nicht, jemandem eine Wohnung zu vermitteln, „der keine Handlungskompetenz hat“. Deshalb gehöre zur Hilfe auch Betreuung und Beratung.

„Dort liegen vier Menschen in einem Zimmer“

Die Niedergerke-Stiftung finanziert das Projekt „CariHope“ mit 25.000 Euro. Bei der Vorstellung am Donnerstag wurde deutlich, dass sich das Spender-Paar die Zusammenarbeit mit dem Rathaus, verantwortlich für Wohnungslose, seit Jahren besser vorstellen könnte. „Ich fühle mich da manchmal an den Spruch erinnert, dass die Stadt für jede Lösung ein Problem hat. Dezernate sprechen nicht miteinander, und wenn man nachfragt, heißt es, man sei noch nicht soweit. Unser Projekt ist auch ein Anstoß, um die Jungs im Rathaus auf Trab zu bringen, verdammt noch mal selbst in die Gänge zu kommen.“ Die Stiftung der Ärzte im Ruhestand engagiert sich seit zehn Jahren für soziale Projekte in der Region Hannover. Ungefähr so lange, berichtete Udo Niedergehe, mache er diese Erfahrung, „da ist bei uns auch etwas Frust entstanden“. Bei Verbänden wie der Caritas gehe es unbürokratischer zu.

Die Wohlfahrtsorganisation der katholischen Kirche besitzt im Stadtgebiet etwa 100 Wohnungen. Aus diesem Bestand will die Caritas an Obdachlose vermieten, wenn etwas frei wird. Der übrige Wohnungsmarkt ist für Menschen von der Straße nahezu tot. Vorstand Andreas Schubert kritisierte die Situation in städtischen Notunterkünften: „Dort liegen vier Menschen in einem Zimmer, alle mit unterschiedlichen Problemen und ob die sich verstehen oder nicht, das kann man nicht machen“. Für Obdachlose müsse derselbe Standard gelten wie für Flüchtlinge, für deren Unterkünfte umfangreiche Standards existierten etwa für Hygiene, Ruhezonen und Kinderunterbringung gebe. Für die Caritas bedeutet dies für Menschen ohne Obdach mindestens: ein Zimmer mit eigener Dusche und Toilette. Udo Niedergerke forderte am Donnerstag: „Obdachlose dürfen nicht schlechter gestellt sein als Flüchtlinge.“

Weiterlesen: Obdachloses Paar findet nach fünf Jahren eine Wohnung

Von Gunnar Menkens

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